Langnau

Dringend gesucht: Kirchgemeinderäte

LangnauDer Kirchgemeinderat kann derzeit das Präsidium nicht neu besetzen. Auch im Rat drohen Sitze vakant zu bleiben. Mit dem Problem sind die Reformierten nicht allein.

Viele betrachten das Kirchenleben lieber aus Distanz.

Viele betrachten das Kirchenleben lieber aus Distanz. Bild: Thomas Peter

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Gleich vier Sitze müssten im Rat der reformierten Kirchgemeinde auf Neujahr neu besetzt werden. Doch an der Versammlung, die am 2. Dezember in der Kirche stattfinden soll, wird den Stimmberechtigten kaum eine grosse Auswahl an Kandidatinnen und Kandidaten präsentiert werden.

Der im Anzeiger publizierten Traktandenliste ist bislang ein einziger Name zu entnehmen: Nur Andrea Zürcher-Stegmann stellt sich für das Amt zur Verfügung. So wie es aktuell aussieht, könnten zwei Ratssitze vakant bleiben.

Noch nichts spruchreif

Ebenfalls «vakant» steht dort, wo die Kandidatin oder der Kandidat für das Ratspräsidium genannt werden müsste. Therese Hulliger tritt auf Ende Jahr zurück. «Aber ohne Präsidentin oder Präsident geht es natürlich nicht», sagt sie.

«Entweder trauen sich die Leute nicht zu, öffentlich aufzutreten, haben keine Führungserfahrung, oder ihnen fehlt die nötige Zeit»Therese Hulliger
Präsidentin des Kirchgemeinderates

Leider sei es aber gerade für dieses Amt schwieirg, eine Nachfolge zu finden. «Entweder trauen sich die Leute nicht zu, öffentlich aufzutreten, haben keine Führungserfahrung, oder ihnen fehlt die nötige Zeit.»

Doch Therese Hulliger zeigt sich zuversichtlich, dass bis zur Versammlung ein Wahlvorschlag präsentiert werden könne. «Im Moment laufen Anfragen.» Für eine Publikation sei es aber zu früh. Zudem könnten auch an der Versammlung selber noch Vorschläge unterbreitet werden, gibt sie zu bedenken. Durchaus möglich also, dass der Rat seine Arbeit nächstes Jahr in Vollbesetzung wird starten können. «Und wer weiss, vielleicht kommt es sogar zu einer Kampfwahl», sagt die abtretende Präsidentin.

Die Entsolidarisierung

Doch Therese Hulliger verschweigt nicht, dass es immer schwieriger werde, Leute für die Mitarbeit im Kirchgemeinderat zu motivieren. «Die Entsolidarisierung, die in der Bevölkerung stattfindet, spüren wir in der Kirche ebenso wie die Politik.»

Wenn das Interesse für eine Mitarbeit bei Jüngeren auch vorhanden wäre, heisse es oft, der Zeitpunkt sei falsch, Beruf und Familie liessen den Zusatzaufwand nicht zu. Und Ältere möchten sich nicht auf mehrere Jahre festlegen lassen oder hätten auf die Pension hin begonnen, sich aus dem aktiven Leben zurückzuziehen.

«Kommt dazu, dass sich die Leute heute allgemein nicht mehr auf lange Zeit in ein Amt einbinden lassen wollen, sondern lieber kurze, zeitlich begrenzte Engagements annehmen», stellt Therese Hulliger fest. Zudem gibt sie zu bedenken, dass sich das Amt eines Kirchgemeinderates finanziell noch weniger lohne als jenes eines Gemeindepolitikers. «Ein Kirchgemeinderat erhält pro Jahr nicht so viel wie ein Gemeinderat pro Monat.»

Pro Woche einen halben Tag

Doch der Aufwand sei nicht zu unterschätzen. Die Ratspräsidentin beziffert ihn auf im Durchschnitt einen halben Tag pro Woche. Die Aufgaben nähmen generell stetig zu. Und wenn dann noch Unvorhergesehenes dazwischenkomme, wie dieses Jahr, als die Decke in einem Zimmer des Kirchgemeindehauses einstürzen wollte, könne das Amt zu einer Belastung werden. Trotzdem sagt Therese Hulliger: «Ich kann nicht nachvollziehen, dass viele Leute nicht bereit sind, für eine gewisse Zeit Öffentlichkeitsarbeit zu leisten.» Schliesslich würden alle davon profitieren.

Sie selber hat dem Langnauer Kirchgemeinderat zehn Jahre angehört, vier Jahre als Präsidentin. Schon bei der Wahl habe sie gesagt, dass sie den Vorsitz nach einer Amtsperiode abgeben werde. Nicht wegen der zeitlichen Belastung. «Aber ich bin nicht die Kirchgemeinde Langnau, andere Meinungen sollen auch zur Geltung kommen.»

Anderswo nicht besser

Die reformierte Kirchgemeinde Langnau ist mit ihrem Personalproblem nicht allein. Das zeigt allein ein Blick in den jüngsten Anzeiger des oberen Emmentals: In Trubschachen steht unter dem Traktandum Wahlen ebenfalls «vakant» statt eines Namens.

Und die katholische Kirchgemeinde will am gleichen Tag wie die Reformierten ebenfalls Kirchgemeinderatswahlen durchführen. Unter dem entsprechenden Traktandum steht aber noch der Zusatz: «Bei vorhandener Kandidatur.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 09.11.2018, 06:03 Uhr

Die Kantonalkirche empfiehlt eine «positive Dynamik»

Den Eindruck, dass es generell immer schwieriger wird, die Ämter in den Kirchgemeinden zu besetzen, teilt man auch bei der reformierten Kantonalkirche. Zahlen zu den vakanten Sitzen kann Hans Martin Schaer, Leiter des Kommunikationsdienstes der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn, allerdings keine liefern. Neben dem allgemein spürbaren Desinteresse, sich in Vereinen oder für das Gemeinwesen zu engagieren, und dem Zeitfaktor komme bei der Kirche erschwerend hinzu: «Manche Leute haben die Befürchtung, dass sie in religiöser Hinsicht nicht in einen Kirchgemeinderat passen könnten.»

Hans Martin Schaer lässt aber nicht unerwähnt, dass es durchaus auch Kirchgemeinden gibt, «die problemlos Menschen finden, die sich für die vielen erfüllenden und lehrreichen Facetten dieses Amtes begeistern lassen». Als besonders hilfreich erweise es sich, wenn das Zusammenspiel zwischen dem Kirchgemeinderat und dem Pfarrteam «eine positive Dynamik» ausstrahle. Bei sehr kleinen Kirchgemeinden könne aber auch ein Zusammenschluss mit Nachbargemeinden erforderlich sein. Dies setze allerdings einen längeren Prozess voraus.

Zu den Aufgaben eines Kirchgemeinderates gehören nebst der Organisation verschiedener Anlässe strategische Entscheide etwa im Zusammenhang mit Personalführung, Bau- und Finanzfragen. «In der heutigen Zeit sind diese bisweilen komplexer Natur», gibt Schaer zu bedenken. Deshalb stelle die Kantonalkirche den Amtsträgern zur Erleichterung ihrer verschiedenen Aufgaben Arbeitshilfen und Kurse zur Verfügung. Auch bei der Suche nach neuen Ratsmitgliedern können die Kirchgemeinden auf Unterstützung zählen. Dazu Hans Martin Schaer: «Kurse und schriftliche Unterlagen sollen ihnen helfen, nicht einfach blind zu suchen, sondern gezielt auf geeignete Leute zuzugehen.» (sgs)

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