Doch, doch sie mögen sich

Utzenstorf

Eigentlich bröckelt die Fassade schon von Anfang an. Das Ausmass des Zerfalls wird aber erst im Lauf des Abends sichtbar. Das Dorftheater Utzenstorf spielt «Geischterfahrer».

Gemütliches Beisammensein? Der Eindruck trügt. In dieser Gemeinschaft ist fast nichts so, wie es scheint.

Gemütliches Beisammensein? Der Eindruck trügt. In dieser Gemeinschaft ist fast nichts so, wie es scheint.

(Bild: Beat Mathys)

Sechs Menschen sitzen an einem Tisch. Sie essen, trinken, reden, lachen. Vier sind schon lange in diesem Haus daheim, zwei sind neu: Miriam und Hannes, Rückkehrer aus Brasilien, haben die Dachwohnung gekauft. Die beiden feiern ihren Einzug mit Silvia und Harry aus dem Erdgeschoss sowie Gaby und Piet aus dem ersten Stock.

Doch, doch, die Frauen und Männer mögen einander. Die vier Alteingesessenen werden nicht müde, zu betonen, wie froh sie über die Zuzüger seien. Trotzdem schwingt in dieser Gemeinschaft vom ersten Moment an etwas mit, etwas Ungutes, Unehrliches vielleicht. Doch es versteckt sich hinter dem Lächeln der Menschen.

Elf Monate

Das Dorftheater Utzenstorf feiert am Freitagabend Premiere mit «Geischterfahrer», einem Stück von Lutz Hübner und Sarah Nemitz. Charles Benoit, seit vielen Jahren Regisseur in Utzenstorf, hat die Geschichte ins Berndeutsche übertragen. Elf Monate hat Benoit, der viele Jahre Regisseur bei SRF war, mit dem Ensemble an der Produktion gearbeitet.

Der Aufwand hat sich gelohnt, das zeigt ein Besuch der letzten Durchlaufprobe. Was die Theaterleute auf die Bühne bringen, ist ein beklemmendes Stück Nachbarschaftsgeschichte, in der jeder und jede früher oder später seine düstere Seite offenbart. Zum Beispiel, wenn Silvia, die fürsorgliche Hausfrau, mit Miriam beim Kaffee sitzt und sich Mühe gibt, nicht über die früheren Bewohner der Dachwohnung zu tratschen. Und es dann doch tut. Oder wenn Piet, der Musiklehrer und Schwerenöter, seine aufkeimenden Gefühle für Miriam nur schlecht kontrollieren kann.

Oder wenn Harry, der über alles erhabene Chefarzt, nach ein paar Gläsern Wein zum Schwätzer wird und sich gleichermassen darüber beklagt, Karriere gemacht zu haben, wie darüber, von seinen halbwüchsigen Kindern schlecht behandelt, ja gar missachtet zu werden. Auch Miriam und Hannes kommen nicht ungeschoren davon. Sie wollte unbedingt von Brasilien zurück in die Schweiz, er findet sich hier nicht zurecht, die Stellensuche ist schwierig, und die von Harry angekündigte Hilfe in Sachen Job bleibt aus. Und Gaby, die Psychologin? Sie fängt den neuen Nachbarn im Treppenhaus ab und will von ihm wissen, ob er meint, sie würde in Brasilien glücklich.

Ob reden hilft?

So dreht sich das Karussell immer weiter, die Fassade bröckelt ungebremst. Die Frauen probieren es mit reden, entweder bei Kaffee und Kuchen – Silvia und Miriam –, oder in Therapieform– Silvia und Gaby. Die Herren versuchen krampfhaft, eine richtige Männerfreundschaft aufzubauen, so, wie es früher mit Jens war. Ja, eben. Jens. Jens und Sabine. Sie haben einst im Dachgeschoss gewohnt, dort, wo jetzt Miriam und Hannes daheim sind. Wo immer wieder nachts das Telefon läutet und eine Frauenstimme zu hören ist, die wimmert, schreit, weint. Aber nie etwas Verständliches sagt.

Zum Schluss sitzen die sechs Menschen wieder zusammen am Tisch. Eigentlich mögen sie sich immer noch, jedenfalls geben sie sich Mühe, dieses Bild zu vermitteln. Trotzdem wollen die beiden vom Dachstock lieber wieder ausziehen. Da platzt die Bombe.

«Geischterfahrer» ist ein Stück über Freundschaft, Liebe, Verständnis, aber auch über Kummer, Sorgen, mühsam aufrechterhaltene menschliche Fassaden und nicht verarbeitete Vorkommnisse. Zu lachen gibt es da nicht viel. Macht nichts, dafür ist ein Ensemble zu sehen, das den nachdenklichen Stoff beherrscht. Die Brüder Peter und Stefan Siegenthaler tragen mit ihrer Musik zu einer starken Aufführung bei.

«Geischterfahrer», Dorftheaters Utzenstorf. Premiere am Freitag, 20 Uhr; Vorstellungen bis 25. Mai, jeweils Mittwoch, Freitag und Samstag, 20 Uhr, Kirchgemeindehaus, Utzenstorf.

Berner Zeitung

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