Sumiswald

Diesmal ist sie die Jubilarin

SumiswaldViele Jahre hat Leni Zingg der Berner Zeitung die Geburtstagskinder der ­Gemeinde Affoltern gemeldet. Am Donnerstag wird die Seniorin 100 Jahre alt.

Leni Zingg sieht und hört zwar nicht mehr so gut, aber ihre Lebensfreude und den Humor hat sie auch im hohen Alter nicht verloren.

Leni Zingg sieht und hört zwar nicht mehr so gut, aber ihre Lebensfreude und den Humor hat sie auch im hohen Alter nicht verloren. Bild: Thomas Peter

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Monat für Monat tippte Leni Zingg Gratulationen mit der Schreibmaschine ab, steckte das Blatt in ein Couvert und schickte es an die Berner Zeitung im Emmental. Die Daten bekam sie von der Gemeinde Affoltern.

Mit dieser Arbeit angefangen hat sie 1991, nach dem Tod ihres Mannes – aufgehört hat sie vor rund sechs Jahren. Sie habe diese Arbeit gerne gemacht, sagt Leni Zingg. Nicht zuletzt weil sie die meisten Jubilare gekannt habe. «Manchmal habe ich schnell vorbeigeschaut, um zu gratulieren.»

Kinder bleiben Kinder

Am Donnerstag wird Leni Zingg diejenige sein, die Gratulationen entgegennehmen darf. Sie feiert ihren 100. Geburtstag. Das Interview findet kurz vor ihrem grossen Tag statt. Die Seniorin wartet in ihrem Zimmer im Alterszentrum Sumiswald, wo sie seit vergangenem Jahr wohnt.

Ihre weissen Haare sind sorgfältig frisiert, eine Kette schmückt ihren Hals. «Ich wünsche mir kein grosses Fest.» Sie werde mit ihren Kindern feiern und gemeinsam im Restaurant des Altersheims zu Mittag essen: Schwedenbraten mit Kartoffelgratin und Schwarzwurzeln. Zum Dessert gibts Erdbeeren. «Meine Kinder», sagt Leni Zingg und lacht von ganzem Herzen: «Meine älteste Tochter ist 74 Jahre alt. Doch Kinder bleiben immer ­Kinder.»

Die Lehrer-Anekdote

Gratulieren werden auch die vier Enkel und fünf Urenkel, jedoch zu einem späteren Zeitpunkt. «So habe ich mehr davon», sagt Familienmensch Leni Zingg. Auf die Frage, ob sie eine «Gluggere» sei, strahlt die Seniorin über das ganze Gesicht. «Ich denke schon.» Nebst ihren zwei Töchtern und ihrem Sohn lebte viele Jahre auch ein Mädchen zur Pflege bei Zinggs. «Annerös, unsere älteste Tochter, erzählte im Dorf, sie hätte eine Halbschwester», erinnert sich Leni Zingg.

Obwohl die Kinder wie Geschwister aufgewachsen seien, hätte sie ihrer Tochter den Unterschied zwischen einem Pflegekind und einer Halbschwester erklären müssen. Dies nicht zuletzt, weil ihr Mann als Lehrer an der Schule Affoltern unterrichtete.

Beim Stichwort Lehrer erinnert sie sich an eine andere Anekdote: Leni Zingg hat oft die zwei Buben ihrer Tochter Annerös Baumann gehütet. Einmal spielten die Enkel draussen. Da hörte sie, wie der ältere erzählte: «Meine Eltern sind beide Lehrer, mein Grossvati auch, nur mein Grossmueti ist normal.» Noch heute muss Leni Zingg über diese Aussage schmunzeln.

Freude über den Kühlschrank

Aufgewachsen ist Leni Zingg in Grünen. Bis zu ihrer Heirat 1943 mit Alfred Zingg arbeitete sie bei der Firma Marti, der heutigen Albiro in Sumiswald, im Büro. Danach zog sie nach Affoltern ins Haus ihrer Schwiegereltern. «Das Wasser zum Kochen und Waschen holten wir mit Eimern aus dem Brunnen in der Waschküche», erzählt sie.

Und auf die Frage, was für sie die grösste technische Errungenschaft in ihrem Leben war, nennt sie nicht Fernseher oder Backofen, sondern die Installation von fliessendem Wasser im Haus. Etwas Besonderes sei es auch gewesen, als sie 1954 einen Kühlschrank erhalten habe. Ihre Schwiegermutter hingegen sei der Erneuerung skeptisch gegenübergestanden und habe nach wie vor die Lebensmittel in den Fliegenschrank gestellt.

Ein Auto besassen Zinggs nie. Und in die Ferien gefahren sind sie erst nach der Pensionierung ihres Mannes. Gerne denkt Leni Zingg an ihre Reise nach Schweden zurück. In Stockholm stand der Besuch ihres Brieffreundes auf dem Programm, denn das Schreiben war eine grosse Leidenschaft von ihr. Sie tauschte sich gerne mit anderen Leuten aus.

Doch in den letzten Jahren musste Leni Zingg ihr Hobby aufgeben, ihre Sehkraft ging nach und nach verloren. Ebenfalls verschlechterte sich zusehends das Gehör. Dennoch bereitet es ihr Freude, täglich mit einer Gruppe Heimbewohner zusammen zu sitzen und zu reden. «Zeitweise schreien wir uns halt ein bisschen an; wir sind alle nicht mehr die Jüngsten», sagt Leni Zingg und lacht erneut. (Berner Zeitung)

Erstellt: 14.06.2018, 07:49 Uhr

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