Diesmal dürfte er es schaffen

Andere brauchen ein ganzes Leben, um so viel herumzukommen, wie Janick Fäh es tat. In den letzten zehn Jahren hat es der 27-Jährige nie so lange am gleichen Ort ausgehalten wie jetzt.

Nach schwierigen Jahren findet er nun Halt: Janick Fäh arbeitet heute in der Landwirtschaft, finanziert durch den Kanton Solothurn.

Nach schwierigen Jahren findet er nun Halt: Janick Fäh arbeitet heute in der Landwirtschaft, finanziert durch den Kanton Solothurn. Bild: Thomas Peter

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Sein Traum ist ein Töff. Aber der Weg dazu ist für den 27-jährigen Janick Fäh noch weit. Er kann schon froh sein, dass ihm Susanne Wyss und Boris Liechti kürzlich ein Moped gekauft haben. Die Leute, bei denen er wohnt, hätten das längst getan. Aber «dr Fäh», wie er sich nennt, hat es lange verpasst, sich für die Töffliprüfung anzumelden. So fuhr er monatelang mit dem Velo von Brügglen oberhalb Langnaus zum Bahnhof. Der fast fünf Kilometer lange Heimweg war beschwerlich, gilt es doch jeweils 350 Höhenmeter zu überwinden. Als ihm das Velo geklaut wurde, musste Janick Fäh beide Wege zu Fuss gehen. Das half: Letzte Woche hat er die Mofaprüfung abgelegt.

Rausgeflogen

In der Bandgenossenschaft Bern absolviert Janick Fäh eine Lehre als Produktionsmechaniker. Drei Jahre dauert sie. Er ist im zweiten Lehrjahr und gewillt, die Ausbildung diesmal abzuschliessen. Es ist sein dritter Versuch. Wäre er auf sich allein gestellt, stünden die Chancen auf Erfolg wohl nicht sehr gut. An der Intelligenz mangelt es nicht. Aber Janick Fäh ist nicht einer, der mit dem ersten Hahnenschrei aus den Federn hüpft und tagein, tagaus darauf bedacht ist, es allen recht zu machen und nirgends anzuecken.

Wenn er nicht einsieht, warum er nach Feierabend ein Arbeitsbuch führen sollte, dann führt er eben keines. Deshalb und wegen «verschiedener Vorkommnisse» sei er beim ersten Versuch aus der Schreinerlehre geflogen, erzählt Janick Fäh an einem Samstagmorgen am Küchentisch im Bauernhaus Brügglen.

Herumgekommen

Der junge Mann versucht zu rekonstruieren, wie es kam, dass er vor drei Jahren bei Susanne Wyss ein Dach über dem Kopf fand und so etwas wie Beständigkeit in sein Leben kam. Doch es fällt ihm schwer, der Reihe nach aufzuzählen, was wann war.

Dem Rauswurf aus der Lehre folgte, dass ihn auch die Mutter in Bern vor die Tür setzte. Fäh lernte die Notschlafstelle kennen, betrieb Couchsurfing bei Kollegen, lebte mal beim Vater in Solothurn, mal monatelang als Obdachloser im Zelt. Er legt Wert auf die Feststellung, dass er nie harte Drogen konsumiert habe.

Angeeckt

Eine wichtige Rolle spielte für ihn das Militär. Doch bei der Aushebung hiess es, er sei untauglich. Heute bezeichnet er es als «Schnapsidee», aber damals suchte er sein Glück in der Legion, von wo er auch nach kurzer Zeit nach Hause geschickt wurde. «Zum Glück, sonst wäre ich wohl heute irgendwo in Kabul», sagt «dr Fäh» heute.

Doch die Sache mit der Armee liess ihn nicht los. Er stellte sich der Aushebung im Kanton Solothurn und wurde aufgenommen. Bei der Rückkehr aus dem ersten Ausgang fiel er «negativ auf», wie er schmunzelnd erzählt. «Der Kamerad» habe Bier in die Kaserne schmuggeln wollen, er selber habe nichts getan, sei aber trotzdem auch bestraft worden. «Das war ungerecht», sagt Fäh. Die Worte, mit denen er sich wehrte, können hier nicht zitiert werden. Aber «dem Fäh» nahm man Gewehr, Bajonett und Sackmesser weg. «Die Hohen hassten uns, die Rekruten feierten uns wie Helden», sagt er lachend – und erzählt weitere Episoden, die schliesslich zum Unterbruch der RS führten. Später habe er diese aber «ohne das kleinste Problem» fertig gemacht.

Aufgenommen

Janick Fäh wollte ohne Sozialhilfe durchkommen, «wegen des Puffs mit den Formularen». Einmal finanzierte ihm die IV eine Sozialtherapie, weil eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung diagnostiziert worden war, als er siebenjährig war. Heute sei davon nichts mehr nachweisbar. Durch eine Cousine kam der wieder einmal obdachlose Janick Fäh 2015 in Kontakt mit Susanne Wyss, die damals noch auf dem Stärenberg lebte.

Inzwischen hat sich die Bäuerin von ihrem damaligen Mann getrennt und lebt bei Boris Liechti auf Brügglen. Gegen Kost und Logis half Janick Fäh auf ihrem Hof mit. «Aber ich kann ja nicht ein Leben lang Knecht bleiben», sah er irgendwann ein. Susanne Wyss wollte ebenfalls geregelte Verhältnisse und wandte sich an die Oekonomische Gemeinnützige Gesellschaft (OGG) Bern.

Betreut

Heute ist Janick Fäh kein «Knecht» mehr, sondern einer, der vom OGG-Angebot «Betreutes Wohnen in Familien» (BWF) profitiert (siehe Kasten). Er absolviert eine Lehre, der Sozialdienst aus dem Kanton Solothurn, wo er offiziell angemeldet ist, finanziert die Ausbildung und auch seinen Aufenthalt bei Susanne Wyss und Boris Liechti. Und diese erhalten eine Entschädigung für die Auf­gabe, die sie an ihrem Gast erfüllen: Sie sorgen dafür, dass Janick Fäh rechtzeitig aus den Federn kommt, verköstigen ihn, erinnern ihn daran, sein Zimmer in Ordnung zu halten und die Post zu öffnen. «Auch dann, wenn es kein Liebesbrief sein kann», witzelt Boris Liechti.

Es herrscht ein neckender, ungezwungener Ton zwischen dem Betreuten und seinen Betreuern. Aber manchmal muss Susanne Wyss auch hart sein. Ihr Druckmittel ist das Geld, das sie für Janick Fäh verwaltet. Es wird auf ihr Konto überwiesen. Sie händigt ihm wöchentliche Raten aus. Wenns mit der Disziplin hapert, fallen diese schon mal tiefer aus. «Ich brauche das wohl einfach», habe Janick Fäh kürzlich gesagt, erzählt Julia Lehmann. Sie ist die zuständige Beraterin BWF der OGG, die sich um seinen Fall kümmert. Bei ihr laufen die Fäden zwischen Janick Fäh, seinen Betreuern, dem Lehrbetrieb und dem Sozialdienst zusammen. Regelmässig finden Treffen statt. Denn alle haben ein Ziel: dass Janick Fäh seine Lehre abschliesst und dereinst ein selbstständiges, geregeltes Leben führen kann.

Hoffnungsvoll

Der Töff liegt noch in weiter Ferne, das weiss er. «Vorher will ich Schulden zurückzahlen, dann sparen für eine eigene Wohnung – und vielleicht finde ich dann auch eine Freundin.»

(Berner Zeitung)

Erstellt: 30.05.2018, 06:27 Uhr

Betreutes Wohnen in Familien

Es war kein Scherz, als die Oekonomische Gemeinnützige Gesellschaft (OGG) Bern am 1. April 1988 ein neues Angebot aus der Taufe hob: Unter dem damaligen Namen «Familienplatzierung» begann sie, ältere alleinstehende Menschen in Bauernfamilien zu vermitteln. Heute nennt sich das Angebot «Betreutes Wohnen in Familien» (BWF), und es richtet sich nicht mehr ausschliesslich an Senioren, sondern an alle Menschen ab 18 Jahren, die aus unterschiedlichen Gründen eine Betreuung nötig haben. In intakten Strukturen finden sie bei Familien auf dem Land ein Zuhause, wo sie auch von der Nähe zur Natur und den Tieren profitieren können.

Die Bauernfamilien erzielen mit ihrer Gastfreundschaft und dem Engagement in der Betreuung ein willkommenes Nebeneinkommen. Dass das Verhältnis zwischen den betreuten Mitbewohnern und den Gastgebern für beide Seiten fruchtbar wird, dafür setzt sich das BWF-Team der OGG ein. Es stellt die Kontakte her, vermittelt die zu Betreuenden in die passende Familie, klärt die Finanzierung ab und operiert als beratendes Bindeglied zwischen Gast, Gastfamilie, Zuweisern, Behörden und Fachstellen. «Das BWF-Team hat in den letzten Jahren viel in die Qualitätssicherung investiert», hält OGG-Präsident Simon ­Bichsel in der Broschüre fest, die zum 20-jährigen Bestehen des Angebots gedruckt wurde.


An der Mitgliederversammlung, die im Frühling in Eggiwil stattfand, waren sich der Berner Gesundheits- und Fürsorgedirektor Pierre Alain Schnegg (SVP) und Markus Ritter, Präsident des Schweizer Bauernverbands (SBV), einig: Im betreuten Wohnen machten sie eine Markt­nische für die Landwirtschaft aus. Gerade mit dem künftigen Berner Modell des Behindertenkonzepts lasse sich diese Nische noch ausbauen, sagte Schnegg.

Denn mündige Behinderte werden frei wählen, wo sie leben möchten, die Entschädigung der Gastfamilien erfolgt aufgrund des individuellen Betreuungsbedarfs. Markus Ritter lässt nun SBV-intern prüfen, ob die Gründung einer nationalen Dachorganisation sinnvoll wäre. Denn die OGG ist bei weitem nicht die einzige, die im Bereich Carefarming tätig ist. Ritter will klären, ob eine einheitliche Ausbildung, Bewertung und Begleitung der Leistungs­erbringer dienlich wären.sgs

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