Die wechselvolle Geschichte der Papierfabrik

Utzenstorf

Heute endet ein Kapitel Emmentaler Industriehistorie. Der Beginn der Papierfabrik Utzenstorf war recht turbulent und mündete im Konkurs. Nach dem Neubeginn fing sich das Unternehmen und entwickelte sich prächtig.

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Tobias Granwehr

125-jährig ist die Papierfabrik ­Utzenstorf dieses Jahr geworden. Der Ursprung des Unternehmens geht sogar noch weiter zurück: Anfang der 1860er-Jahre gründete Benedikt Ziegler aus Kriegstetten eine Holzstofffabrik in Bätterkinden. Daraus entstand später die Papierfabrik. 1892 wurde sie gegründet und im gleichen Jahr mit dem Bau begonnen. Im Mai 1893 nahm sie den Betrieb mit einer Maschine auf.

Die Chronik des Pfarrers

In ihren Anfangsjahren erlebte die Papierfabrik Utzenstorf durchaus turbulente Zeiten: Zuerst zog ein Hochwasser die Fabrik in arge Mitleidenschaft, sodass sie fünf Monate stillstand. Später geriet die Aktiengesellschaft in finanzielle Schwierigkeiten und musste schliesslich 1902 liquidiert werden. Es gelang jedoch, eine neue Gesellschaft zu gründen und den Betrieb weiterzuführen. Von da an entwickelte sich die Papierfabrik so wie erhofft und wurde mehrfach modernisiert.

Die Papiermaschinen zum Beispiel mussten zwischendurch ­ersetzt werden, damit man mit der jeweils neusten Technik Stand hielt. Das beschrieb auch der Utzenstorfer Pfarrer Hans Eugen König (1897–1981) in einer Chronik, die er für sich verfasste und die heute im Besitz der Dorfchronistin Barbara Kummer ist: «Der Direktor kaufte in Amerika eine neue Papiermaschine, die die modernste in Europa sein soll. Am 20. Dezember 1949 wurde der Betrieb der neuen Maschine aufgenommen. Sie ist 56 Meter lang.» 1957 hielt König weiter fest: «Die Produktionskapazität der beiden Maschinen der Papierfabrik beträgt 56 000 Tonnen im Jahr. Sie deckt ungefähr die Hälfte des schweizerischen Bedarfs an Zeitungspapier ab.»

Einige Jahre später schrieb der Pfarrer, der von der Arbeit des Unternehmens offensichtlich ziemlich beeindruckt gewesen war, noch: Es sei eine der modernsten Papierfabriken der Schweiz.

Barbetrag für jeden Arbeiter

Die Papierfabrik Utzenstorf hatte bis zum Schluss eine treue Arbeiterschaft. Oft wurde das gute Arbeitsklima in der «Papieri» hervorgehoben. Das zeigte sich zum Beispiel 1942: Die Papierfabrik überraschte ihre Arbeiterschaft zum 50-jährigen Bestehen mit einem Jubiläumsgeschenk. Im Begleitschreiben sei darauf verwiesen worden, dass jetzt nicht die Zeit zu lauten Festereien sei. Daher erachte es der Verwaltungsrat als das Passendste, der 220-köpfigen Belegschaft zum Dank für ihre Arbeit je nach Dienstjahren einen Barbetrag zu übergeben.

Bereits um das Jahr 1920 baute die Papierfabrik zudem in unmittelbarer Nähe zum Fabrikgelände am J.-Hochstrasser-Weg mehrere Wohnhäuser für die Mitarbeiter und deren Familien. Die Häuser der Arbeitersiedlung stehen noch heute.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die «Papieri» weiter modernisiert. Pfarrer König erwähnte in seiner Chronik die ­Zusammenarbeit zwischen den Papierfabriken Biberist und Utzenstorf. Es sei eine Arbeitsteilung erfolgt: Utzenstorf spezialisierte sich auf die Fabrikation von Zeitungspapier, Biberist auf feinere Papiersorten.

Rückkauf durch Management

Als eine der ersten Firmen der Schweiz unternahm die Papierfabrik Versuche, bedrucktes Altpapier durch Entzug der Druckfarben im Fabrikationsprozess wiederzuverwenden. 1973 begann man mit dem Bau eines ­Altpapiersortierwerks.

In der jüngeren Vergangenheit sorgten Besitzerwechsel für Schlagzeilen. 1997 ging die Pa­pierfabrik Utzenstorf an die finnische Myllykoski-Gruppe über. 2009 kaufte das Management die Papierfabrik von Myllykoski zurück.

Quellen: Firmenchronik der Papierfabrik Utzenstorf und Archiv der Dorfchronistin Barbara Kummer.

Berner Zeitung

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