Trubschachen

Die Vorboten für noch mehr Kunst

TrubschachenDas Dorf wurde zur Galerie: Grossplastiken von Schang Hutter stehen auf überall in Trubschachen. Sie sollen zum Nachdenken über die Verletzlichkeit des Menschen anregen – und auf die grosse Kunst­ausstellung im Juli hinweisen.

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An der Kantonsstrasse gegenüber der Firma Kambly steht eine grosse weisse, luftige Konstruktion. Bettina Haldemann sieht darin tanzende Figuren mit weit ausgreifenden Armen. Sie entdeckt darin Menschen, die Kräfte entwickeln. Etwas Positives also. Doch die Kunstkennerin weiss: Erst später, als Schang Hutter als Künstler bereits bekannt gewesen sei, habe er auch Werke mit optimistischer Ausstrahlung geschaffen.

Geprägt wurde der gelernte Holzbildhauer aus dem Kanton Solothurn vielmehr von den Eindrücken, die kurz nach dem Zweiten Weltkrieg während seiner Studienzeit in München auf ihn niedergeprasselt seien. Dort kam der 20-Jährige mit den Spuren des Krieges in Berührung, sprach mit Kriegsversehrten, sah die Verwüstungen «und kam zum zweiten Mal auf die Welt», wie Bettina Haldemann den Künstler zitierte.

Schang Hutter selber war nicht dabei, als die Vernissage zur Ausstellung seiner Werke im Aussenraum des Dorfes Trubschachen stattfand. Der 83-Jährige habe sich wohl beim Aufstellen seiner Skulpturen etwas übernommen, sagte Oscar A. Kambly, der das Organisationskomitee für die Kunstausstellung Trubschachen präsidiert. «Aber in Gedanken ist er bei uns.»

Der tote KZ-Häftling

Hutters Entsetzen über die Spuren des Krieges sind nun also im Dorf Trubschachen spürbar. Zum Beispiel auf dem Bahnhofplatz: Dort steht die wohl traurigste Figur, die er geschaffen hat. Der völlig entkräftete und abgemagerte KZ-Häftling, der mit letzter Anstrengung seinem Befreier entgegenkriecht – und tot zusammenbricht. Der Künstler habe diese Skulptur aufgrund einer Foto­grafie gemacht, erklärte Bettina Haldemann.

Daneben steht die «Shoah» – eine Plastik, mit der Schang Hutter 1998 für nationales Aufsehen sorgte. Im Rahmen der Feier von 200 Jahren Helvetik war abgemacht, dass er den auf Schienen stehenden Kubus, der an die Judenvernichtung erinnern soll, auf dem Bundesplatz stationieren würde. Stattdessen platzierte ihn der Künstler aber unmittelbar vor dem Eingang zum Bundeshaus und löste eine nationale Debatte aus. Normal steht sie in Solothurn, wo Schang Hutter lebt. Bis am 17. September ist das berühmte Mahnmal jetzt aber in Trubschachen zu sehen.

«Ich versuche mit Formen den Schlag, der mich getroffen hat, sichtbar zu machen.»Schang Hutter

An insgesamt acht Standorten sind die grossen Skulpturen von Schang Hutter ausgestellt. Mit seinem ganzen Schaffen wehre sich der Künstler gegen Krieg, rufe zum Frieden auf und plädiere für mehr Solidarität, sagte Bettina Haldemann und fasste zusammen. «Schang Hutters Leitsatz ist es, der Verletzlichkeit des Menschen Raum zu geben.»

Von aussen nach innen

Die Feier zur Eröffnung der Aus­senausstellung in Trubschachen war gleichzeitig die Vorvernissage für die grosse Kunstausstellung in den Dorfschulhäusern. Sie findet dieses Jahr zum 20. Mal statt. Während dreier Wochen, vom 1. bis zum 23. Juli, wird Schweizer Kunst zu sehen sein mit Werken von Ferdinand Hodler und Giovanni Giacometti bis hin zu heutigen Künstlern. Oscar A. Kambly spannte den Bogen von der Ausstellung, die unter freiem Himmel bereits zu sehen ist, zu jener, die drinnen in den Schulhäusern stattfinden wird.

«Staunen wie ein Kind»

«Wir wollen vom Aussenraum in den Innenraum des Betrachters gelangen», sagte er und plädierte dafür, die Werke nicht mit dem Röhrenblick eines Kunstkritikers zu betrachten. Vielmehr gehe es darum, die Werke «staunend wie ein Kind» in sich auf­zunehmen und wirken zu lassen. Der Mensch, gab Kambly zu bedenken, sei das einzige Wesen, das in der Lage sei, Kunst zu erschaffen. «Der Mensch ist aber auch das einzige Wesen, das so Schreckliches tun kann wie das, was Schang Hutter umgetrieben hat.»

Hutter erklärt sich

Auch wenn der Künstler selber in Trubschachen nicht anwesend ist, kommt er doch zu Wort: Auf einem weiteren Kubus, der «Shoah mit Schrift», sind seine Gedanken zu lesen: «Ich versuche mit vielen meiner Figuren darzustellen, was Menschen empfinden, wenn sie verachtet, gequält oder ermordet werden von Menschen», steht auf der Plastik bei der Drahtseilfabrik Jakob. «Ich versuche mit Formen den Schlag, der mich getroffen hat, sichtbar zu machen.» Damit das Ungeheuerliche nicht vergessen werde und sich nicht wiederhole.

www.ausstellung-trubschachen.ch (Berner Zeitung)

Erstellt: 08.05.2017, 09:12 Uhr

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