Die unbekannten Pioniere

Burgdorf

Emanuel Aeschlimann, sein Sohn Johann Heinrich und Enkel Heinrich waren Meister ihres Fachs. Im 18. und im 19. Jahrhundert fertigten die Hafner kunstvolle Kachelöfen an. Um 1845 stellten sie die ersten mit einer Presse produzierten keramischen Wasserleitungsrohre der Schweiz her.

  • loading indicator
Urs Egli

Wenn, wie in diesen Wintertagen, die Bise um die Häuser und durch die Gassen pfeift, flüchtet man sich gerne ins gut geheizte Wohnzimmer. Mitte des 18. Jahrhunderts war dies noch nicht möglich. Da drängten sich die Familien in oft schlecht geheizten ­Stuben an die warmen Kachelöfen.

Einer, der den Bau dieser Öfen beherrschte und perfek­tionierte, war der Burgdorfer ­Hafnermeister Emanuel Aeschlimann. Seine Werkstatt dürfte sich ab 1775 am Milchgässli in der Burgdorfer Oberstadt befunden haben. Dann, 1794, baute er beim Rütschelentor eine neue Brennhütte (heute Rütschelengasse 23).

Zu dieser Zeit arbeitete bereits Sohn Johann Heinrich (1777–1828) mit – offenbar sehr erfolgreich. Erst 17-jährig, erhielt er von der Burgergemeinde bereits einen grösseren Auftrag.Mit der Ordnung ums Haus herum nahmen es die beiden offenbar nicht immer so genau: In den Bauamtsauflagen von 1795 steht etwa, dass die Passage vor dem Rütschelentor nicht versperrt werden dürfe. Und im Juli 1804 wurden Vater und Sohn Aeschlimann zweimal angehalten, den Misthaufen von dem Platz wegzuräumen.

Der Ofenbauer und der Maler

«Von all den schönen Kachelöfen, die Johann Heinrich Aeschlimann in seiner Werkstatt herstellte, haben sich bis heute nur noch geringe Reste erhalten», hält Archäologe Andreas Heege im Jahrbuch fest. Die älteste datierte Kachel stammt aus dem Jahr 1817. Sie befindet sich in Privatbesitz in Bellach SO. Bemalt wurde sie von Johann Heinrich Egli. Der gebürtige Zürcher war ein langjähriger Wegbegleiter von Aeschlimann.

Bis 1852 war Egli, der in Aarau ein Atelier betrieb, einer der wichtigsten Ofenmaler der Region. «Seine im biedermeierlichen Stil gehaltenen Arbeiten mit humorvollen, moralischen und politischen Sprüchen prägten die Ofenlandschaft in den Kantonen Bern, Solothurn, Aargau, Luzern und Basel-Landschaft», so Heege.

Reste eines weiteren Aeschlimann-Ofens aus dem Jahr 1817 befinden sich in einem Stöckli an der Solothurnstrasse in Kirchberg. Darauf finden sich einige Sprüche: «Der war ein Mann, der jederman hat recht gethan!», «Das Schönste Glük Die Liebe giebt!», «Ein Solch Gemuth ist rar, Das weder durch Flattieren noch durch Geschenke sich Läst in Versuchung führen» und «Der an Verdienst und Tugen arm, Ist am Herzen niemals warm».

Folgen des Vulkanausbruchs

Geradezu ins Schwärmen gerät der Archäologe, wenn er «von einem ganz besonderen Ofen» spricht, den Aeschlimann und Egli im Jahr 1818 schufen. Auftraggeber waren Niklaus Gigax und seine Frau Anna Barbara Haueter vom Gasthof Löwen in Thörigen. Das Besondere an diesem Ofen sei, dass es sich um eine der ganz wenigen polychromen (vielfarbigen) Arbeiten von Johann Heinrich Egli handle. Statt zahlreicher Sprüche befindet sich nur gerade ein Gedicht auf dem Kachelofen.

Interessant ist, dass auf einer der Kacheln die wichtigsten Fruchtpreise der Jahre 1817 und 1818 zu lesen sind. Die Zahlen belegen die extreme Marktsituation im Jahr 1817. Denn nach dem sogenannten Jahr ohne Sommer (1816), das grosse Ernteausfälle zur Folge hatte, schnellten die Lebensmittelpreise in exorbitante Höhen.

Eine Erklärung für die Missernte ist der Ausbruch des Vulkans Tambora in Indonesien im April 1815, der zu einer Klimaveränderung geführt hatte. Im Juli dieses Jahres schneite es gleich zweimal bis ins Flachland. Die resultierende Hungersnot in der Schweiz wurde durch die gleichzeitige Wirtschaftskrise noch massiv verschärft.

Ein Mäss Dinkel kostete 1817 viermal so viel wie ein Jahr später, ein Mäss Kartoffeln war gar zwölfmal teurer. Weil ein Drittel des Familienbudgets für Brot- und Breigetreide habe aufgewendet werden müssen, seien Unterschichtfamilien von der enormen Teuerung besonders hart getroffen worden, erklärt Andreas Heege. Übrigens: Eine noch detailliertere Preisliste findet sich aus der Hand von Johann Heinrich Egli auf einer Kachel im Gasthof Bären in Utzenstorf.

Von den Öfen zu den Röhren

Nach dem Tod von Johann Heinrich Aeschlimann führte Sohn Heinrich (1806–1866) die Hafnertradition der Familie weiter. Obwohl er zahlreiche Kachelöfen baute – allein für das Burgdorfer Burgerspital konnte er 16 Stück sowie einen Badekammerofen liefern –, sind heute keine bestehenden Öfen aus seiner Werkstatt mehr bekannt, nicht einmal einzelne Kacheln.

Heinrich Aeschlimann setzte damals auf einen neuen, sich allmählich entwickelnden Markt: keramische Wasserleitungsrohre. Tatsächlich wurden in der ­Region Burgdorf ungewöhnlich frühe Rohrfragmente gefunden. Eine Rohrmuffe trug den Stempel «HEINRICH AESCHLIMANN IN BURGDORF, 1845». Archäologe Heege geht aufgrund der Herstellungsspuren des Rohres davon aus, dass dieses teilmechanisiert auf einer sogenannten Röhren- oder Strangpresse hergestellt wurde.

Auch ein 1996 in einer Brunnenhöhle in Heimiswil gefundenes 110 Zentimeter langes Wasserleitungsrohr aus Keramik trug die Aufschrift «HCh. Aeschlimann in Burgdorf». Mit Datum 1845 sind dies derzeit die ältesten bekannten Belege für diese Herstellungsart in der Schweiz. Wo Aeschlimann die Röhrenpresse gekauft hat, ist nicht bekannt.

Die Tradition endet 1940

Dem Hafnerberuf blieb auch der Sohn von Heinrich, Arthur Aeschlimann (1842–1908), treu. Heege geht davon aus, dass er sich jedoch grösstenteils auf die ­Röhrenproduktion konzentrierte. Denn keramische Produkte aus seiner Hand sind nicht bekannt.

In einem im Anzeiger für die Kirchgemeinden Kirchberg, Utzenstorf, Koppigen und Hindelbank erschienenen Inserat warb Arthur Aeschlimann für sein «grosses Lager in Thonröhren sowie Ferkel- und Schweinetröge von Steingut». Die Hafnertradition der Familie endet 1940 mit dem Tod von Arthurs Sohn Walter Aeschlimann (geb. 1870), der in Vernex VD als Ofenbauer gearbeitet hatte.

Burgdorfer Jahrbuch 2017: «Von Meisterstücken, Ofenkacheln und Leitungsröhren – Die Hafner Aeschlimann in Burgdorf», Andreas Heege; info@haller-jenzer.ch; ISBN 978-3-9523481-7-8.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt