Die turbulente Geschichte des Emmentaler Waldes

Einst bestand die Region fast ausschliesslich aus Wald. Dann kam der Mensch und liess ihn beinahe verschwinden. Doch das rächte sich.

Der Emmentaler Wald gehört zu 86 Prozent Privaten.

Der Emmentaler Wald gehört zu 86 Prozent Privaten. Bild: Urs Baumann

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Etwa alle drei Jahre gibt die Geographische Gesellschaft Bern ein Jahrbuch heraus. In jenem für das Jahr 2017, das diesen Frühling vorgestellt wurde, findet sich ein Beitrag von Walter Marti.

Er erzählt darin die Geschichte des Emmentaler Waldes – und führt der Leserschaft ein Emmental vor Augen, das einst fast vollständig aus Wald bestand. Vor gut 1000 Jahren habe es hier nur in den Schuttablagerungsgebieten der Flüsse und nach Rutschen an steilen Hängen keine Bäume und Tannen gegeben.

Ausgeplündert

Doch dann kam der Mensch, der dank der vielen Wasserquellen hier die richtigen Voraussetzungen fand, um Landwirtschaft und Viehzucht zu betreiben. Er drängte den Wald zurück, indem er rodete und Weideland schuf, Holz zum Heizen oder zum Bauen nutzte und später auch in grossen Mengen ins Eisenwerk Von Roll nach Gerlafingen lieferte.

1754 habe der grosse Teil der ­Gemeinde Trub nur noch aus 3 Prozent Wald bestanden, schreibt Walter Marti. 2016 war die gleiche Fläche aber wieder zu 51 Prozent bewaldet. Denn der Mensch musste umlernen.

Aufgeforstet

Die kahl geschlagenen Hänge konnten bei intensiven Niederschlägen kein Wasser mehr zurückhalten, wie es der Wald in ­seinem Kronen- und Wurzel­bereich vorher getan hat. In der Folge kam es zu gewaltigen Überschwemmungen, was 1876 zur Einführung eines eidgenössischen Waldgesetzes führte. Ab nun wurden im Emmental grosse Aufforstungsprojekte realisiert.

Doch durch die von Menschenhand gepflanzten Tännchen entstand nun vielerorts ein gleichstufiger, eintöniger Wald, denn laut Walter Marti wurden dabei in erster Linie Fichten gepflanzt.

Nun gehe es im Waldbau darum, diese Monokulturen wieder in stufige Mischwälder zu über­führen. Marti betont: «Nur gemischte, standortgerechte, sich natürlich verjüngende Wälder mit einem angemessenen Laubholzanteil» könnten die Nutz-, Schutz- und Wohlfahrtsfunktionen erfüllen.

Vererbt

Doch der Emmentaler Wald gehört zu 86 Prozent Privaten. Damit stellt er national eine Besonderheit dar. Im Kanton beträgt der Privatwaldanteil 51 Prozent, schweizweit bloss 26 Prozent. Die Waldparzellen werden im Emmental innerhalb der Familie vererbt, verkauft werde selten ein Stück, auch wenn die Besitzer nicht mehr in der Landwirtschaft tätig seien, schreibt Marti.

Private von der Notwendigkeit der Holzernte zu überzeugen, ist nicht einfach, zumal mit dem Holzverkauf nicht mehr viel Geld verdient werden kann. Vor 150 Jahren hätten mit dem Erlös eines Kubikmeters Nadelholz 35 Stundenlöhne bezahlt werden können, heute reiche er noch für zwei bis drei.

Überaltert

So haben sich im einst «ausgeplünderten» Emmentaler Wald laut dem Autor «extrem hohe Holzvorräte» angesammelt. Die hohen Tannen und Bäume lassen zu wenig Wärme und Licht auf den Boden dringen, als dass Junges nachwachsen könnte. Einige Waldbesitzer haben das Problem erkannt und die Holznutzung bewusst gesteigert.

Der Sturm Lothar hat am 26. Dezember 1999 mit Gewalt das Seinige zur Auslichtung beigetragen. Doch 2005 betrug der Holzvorrat im Emmentaler Wald immer noch 540 Kubikmeter pro Hektare, während in der Schweiz durchschnittlich 364 Kubikmeter pro Hektare errechnet wurden.

Seit 1960 dehnt sich die Waldfläche schleichend immer stärker aus. Marti weiss, warum: «Es fehlt an Händen, die Weiden von einwachsenden Gehölzen säubern.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 16.06.2018, 07:11 Uhr

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