Die Spatzen verlieren wohl ihr Nest

Die Spielgruppe Spatzenäscht ist in einer alten Villa untergebracht, die zur Papierfabrik Utzenstorf gehört. Weil das Haus vielleicht abgerissen wird, muss der Elternverein für sie eine neue Bleibe suchen. 

Noch geniessen die Kinder und Spielgruppenleiterin Petra Kindler das Znüni in der alten Direktoren-Villa.

Noch geniessen die Kinder und Spielgruppenleiterin Petra Kindler das Znüni in der alten Direktoren-Villa.

(Bild: Raphael Moser)

An diesem Morgen ist es kalt draussen. Frost hat sich auf die Wiese gelegt. Ein Eichhörnchen huscht über den Weg. Aber die Mädchen und Jungen im Alter zwischen zweieinhalb und vier Jahren, die drinnen in ihr Spiel vertieft sind, bemerken es nicht. Sie haben die Eisenbahn aufgestellt. Zwei Buben schieben Züge über die Schienen. Die anderen Kinder verstecken sich in einem Häuschen, das sie aus Kissenwürfeln und Decken gebaut haben.

Dann läutet Spielgruppenleiterin Petra Kindler die Znüniglocke. Alle setzen sich an den Tisch. Aber nur kurz, und schon verteilen sie sich wieder im Raum. Petra Kindler erzählt eine Bilderbuchgeschichte. Vier Kinder gesellen sich zu ihr. Eines drückt lieber auf der Kasse des Verkäuferliladens herum, ein anderes versucht Kügelchen mit einer Zange zu sortieren, eines beschäftigt sich wieder mit der Bahn.

Ein typischer Morgen in der Spielgruppe Spatzenäscht in Utzenstorf. Das alte Haus, in der sie eingemietet ist, befindet sich etwas versteckt im Industrieviertel, nahe am Fabrikkanal, umgeben von Bäumen und Grünflächen. Die Villa gehört zum Areal der Papierfabrik Utzenstorf. Sie war das Heim, das einst der Fabrikdirektor und die Dienstboten bewohnten und 1944 erbaut worden war.

Das Haus versprüht einen gewissen Charme. Es besitzt einen grossen Garten mit Spielgeräten, Sandkasten und hohen Tannen zum Verstecken und Toben. «Garten und Räumlichkeiten, die uns hier zur Verfügung stehen, sind natürlich Luxus», sagt Christine Christen, Präsidentin des Elternvereins, der die Spielgruppe anbietet.

Unfreiwilliger Ausflug

Doch das Refugium ist gefährdet. Die kleinen Spatzen müssen ihr Nest wohl bald verlassen. Die Papierfabrik hat bekanntlich Ende 2017 ihren Betrieb eingestellt. Was die neue Besitzerin, die Migros Aare, mit dem riesigen Industrieareal anstellen will, ist noch nicht bekannt.

So steht die Spielgruppe vor einer ungewissen Zukunft. Wahrscheinlich wird das Haus bis spätestens Ende 2022 abgebrochen. Ob tatsächlich und wenn ja, wann genau, ist nicht klar. Sie stehe aber mit der Migros Aare in Kontakt, sagt Christine Christen. «Im Frühling sollten wir mehr wissen.» Das habe die Migros den Mietern so mitgeteilt.

«Räumlichkeiten im Dorfzentrum mit einer Rasenfläche wären ideal.»Christine Christen, Präsidentin und Spielgruppenverantwortliche Elternverein Utzenstorf

Deshalb ist der Elternverein auf der Suche nach einer neuen Bleibe. Etwas Geeignetes zu finden, sei nicht einfach, meint die Präsidentin und Spielgruppenverantwortliche. «Räumlichkeiten im Dorfzentrum mit einer Rasenfläche wären ideal.» Ein, zweiLiegenschaften hätte der Vereinsvorstand ins Auge gefasst, noch sei nichts spruchreif. Hilfe und Tipps seien willkommen. «Wer eine Idee hat, soll sich bei uns melden.»

Der Haken: Die Miete darf höchstenszwischen 500 und 600 Franken betragen. Die Elternbeiträge wolle man möglichst tief halten, damit alle Kinder aus dem Dorf den Hort besuchen könnten, sagt Christine Christen. «Besonders für Kinder mit Migrationshintergrund ist das enorm wichtig.» Heute zahlt der Verein für das ganze Haus 560 Franken. Er muss zusätzlich für die Löhne der Leiterinnen aufkommen und ist auf die Unterstützung der Gemeinde angewiesen, welche einen Beitrag an die Miete leistet. Die Zusammenarbeit mit den Behörden klappe gut, betont Christen.

Seit 2003 eingenistet

Ein weiteres Problem stellt die Elektroheizung dar, der Strom kommt momentan von der Papieri. Die Heizung könnte bald abgestellt werden. Deshalb müsse eine Lösung her, so Christen, verschiedene Varianten seien denkbar. «Aber jetzt noch viel zu investieren, ist wenig sinnvoll, wenn wir vielleicht in einem Jahr ausziehen müssen.»

Das Spatzenäscht ist seit 2003 im Parterre des alten Direktorhauses eingenistet. Von Montag- bis Freitagvormittag kommen die Kinder während zweieinhalb Stunden zum Spielen, Malen, Basteln und Turnen hierher. Eine Gruppe besteht aus sieben bis zehn Kindern. Der Besuch für ein Kind einmal in der Woche kostet 310 Franken pro Semester. Im ersten Stock der Villa trifft sich zudem einmal wöchentlich die Krabbelgruppe. Der Elternverein bietet auch eine Waldspielgruppe an.

Berner Zeitung

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