Die Spannung steigt mit der zweiten Runde

Langenthal

Reto Müller (SP) haben gerade mal 38 Stimmen zum Sieg gefehlt. Auf Verfolger Stefan Costa (FDP) hat er einen Vorsprung von 244 Stimmen. Wer schafft es, im zweiten Wahlgang?

Video: Martin Bürki.

Ein Raunen geht durch die Menge, die sich im Foyer des Verwaltungsgebäudes angesammelt hat: Parteiangehörige, Verwandte, die Kandidaten und Medienschaffende. Soeben hat Michael Liechti, Präsident des städtischen Wahl- und Abstimmungsausschusses, den gespannt Wartenden die Resultate bekannt gegeben. Sie sind unter dem Strich nicht überraschend: Keiner der drei Kandidaten hat das absolute Mehr erreicht. Von einem zweiten Wahlgang musste man ausgehen bei drei Kandidaten und zwei ähnlich starken Lagern, die sich gegenüberstehen. Auch dass sich die beiden von den Parteien portierten Kandidaten ein Kopf-an-Kopf-Rennen liefern würden, lag auf der Hand. Ganz so knapp sind die Verhältnisse gestern dann aber doch nicht ausgefallen.

Beide gehen kämpferisch in die zweite Runde

Der Kandidat des bürgerlichen Lagers, Stefan Costa, erreichte 2015 Stimmen. Mitte-links-Kandidat und Vizestadtpräsident Reto Müller kam auf 2259 Stimmen. Dem parteilosen Hans-Jürg Schmied gaben 318 Wählende ihre Stimme. Damit fällt er für den zweiten Wahlgang am 16. Oktober wie erwartet ausser Betracht (siehe Interview rechts).

Reto Müller hat einen Vorsprung von 244 Stimmen auf Stefan Costa. Zum absoluten Mehr (2297 Stimmen) fehlten ihm lediglich 38 Stimmen. Müller habe sein Potenzial ausgeschöpft, sagte sein Kontrahent im Anschluss an die Verkündung. Er sei dennoch erfreut, sagte Costa, dass es Müller als Gemeinderat nach 8 Jahren nicht gereicht habe, um durchzumarschieren. Er sei Wettkämpfer, nun gehe es auf die Ziellinie. «Wenn man an zweiter Stelle ist, hat man den Gegner vor sich und kann nochmals alle Kräfte mobilisieren.» Er gibt sich bewusst selbstbewusst: «Das holeni!»

Nicht minder motiviert gab sich Müller. «Nun beginnt das Rennen wieder bei null», stellte er fest. In letzter Zeit habe er eher doch mit einem Entscheid im ersten Wahlgang gerechnet. Da die Ausgangslage nun offen ist, will Müller seinen Vorsprung auf den Gegenkandidaten in den drei nächsten Wochen ausbauen. Beide haben für diesen Fall vorgesorgt und Plakate hinterlegt. Costa will unter anderem «zugespitzte Kommunikationsbotschaften rüberbringen», Müller «öppis mache».

Auf welche Seite schlagen sich die Schmied-Wähler?

Entscheidend wird sein, die Stimmen jener für sich zu gewinnen, die während des ersten Durchgangs Hans-Jürg Schmied zum Stapi gewählt haben. Entsprechend ist beiden verbliebenen Kandidaten daran gelegen, die Bedürfnisse der Schmied-Wähler abzuholen. Costa glaubt, dass diese angesichts dessen Haltung zur Arealentwicklung und zu einem Stadion nahe bei ihm zu orten seien, während Müller von Beginn weg davon ausging, dass Schmieds Auftreten im Wahlkampf ihn Stimmen aus der kulturellen/sozialen Ecke kosten wird.

Über 10 Prozent weniger Wahlbeteiligung als 2006

An der Stapi-Wahl beteiligten sich 46,36 Prozent der stimmberechtigten Langenthaler und Langenthalerinnen. In die städtischen Urnen waren 4592 gültige Wahlzettel eingeworfen worden, dazu 59 leere und 10 ungültige. Das sind weit weniger als 2006, als die letzte Kampfwahl um das Stadtpräsidium ausgetragen worden war. Die Beteiligung lag damals bei 57 Prozent, als der amtierende Thomas Rufener (SVP) bereits im ersten Wahlgang zum Stapi erkoren wurde. Bei einem absoluten Mehr von 2524 Stimmen erzielte er 2861 für sich. Er war damals gegen Gemeinderat Kurt Blatter (SP, 1125 Stimmen) und Paula Schaub (EVP, 1060 Stimmen) angetreten.

Rufener war vor 4 beziehungsweise vor 8 Jahren mit 2094 und 2469 Stimmen wiedergewählt worden. Die Stimmbeteiligung lag 2012 bei 32,49 Prozent und 2008 bei höheren 36,13 Prozent. Immerhin: Das sind gut 10 Prozent weniger als in diesem Wahljahr. Allerdings ist davon auszugehen, dass die Beteiligung am zweiten Wahlgang, der in die letzte Herbstferienwoche fällt, nochmals tiefer ist.

Ausgangslage je nach Lager gut oder weniger günstig

Er sei vom Resultat nicht sonderlich überrascht, sagte etwa Daniel Steiner, Stadtrat und Präsident EVP Langenthal. «Ich hätte mir aber durchaus vorstellen können, dass Reto Müller gleich im ersten Anlauf Stadtpräsident wird.» Mit einem zweiten Wahlgang gerechnet hat Lukas Bissegger, Stadtrat und Präsident Jungliberale Langenthal und Umgebung. «Nun greifen wir aus dem Windschatten an.» Die Frage sei, wer Hans-Jürg Schmied gewählt habe und wer diese Stimmen im zweiten Wahlgang holen könne.

Guter Dinge war Priska Grütter, die Frau von Reto Müller. Sie machte im Anschluss an die Bekanntgabe einen zufriedenen Eindruck. «Eigentlich hätte ich mir eine Entscheidung im ersten Wahlgang gewünscht», sagte sie und bekannte: In die Ferien verreisen kann die Familie nun nicht. Das gilt umgekehrt natürlich auch für Familie Costa.

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«Die Ausgangslage ist nicht ungefährlich», findet Stefan Ryser, Präsident der SP Langenthal. «Das bürgerliche Lager wird zusätzlich mobilisieren.» Zähle man Hans-Jürg Schmieds Stimmen je zur Hälfte den beiden verbleibenden Kandidaten zu, sei Reto Müller Langenthals neuer Stadtpräsident. Anders sieht SP-Vizepräsidentin Saima Sägesser die Ausgangslage. «Wir werden nicht zurückstehen und weiter mobilisieren. Am Montag haben wir bereits wieder eine Sitzung.»

«Tiefenentspannt» sei er, bekannte Diego Clavadetscher, Präsident der FDP Langenthal. Und stellte klar: «Wir werden nicht kampflos aufgeben.» Das Resultat sei sehr knapp ausgefallen. «Dass der zweite Wahlgang in die Herbstferien fällt, ist unglücklich. Zahlreiche Stimmbürger werden dadurch nicht wählen können. Der zweite Wahlgang wird von einer gewissen Zufälligkeit geprägt.»

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