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Die Schangnauer verlieren ihren Beistand

Wann immer es in den letzten 30 Jahren einen Weg, eine Brücke oder eine Leitung zu bauen gab, amtete Peter Zürcher als Projektleiter. Jetzt geht der Ingenieur in Pension. Das bereitet dem Gemeindepräsidenten Sorgen.

An der Begehung der Weggenossenschaft Schwandweid übergab Peter Zürcher (Mitte, blonde Haare) sein 75. und letztes Projekt.
An der Begehung der Weggenossenschaft Schwandweid übergab Peter Zürcher (Mitte, blonde Haare) sein 75. und letztes Projekt.
Olaf Nörrenberg

Am 23. Juli 2014 traf sich Peter Zürcher in Grosshöchstetten mit einer Mitarbeiterin der Gemeindeverwaltung Schangnau und übergab ihr einen Stapel Papiere. Es war die Abrechnung für jene Bauarbeiten, die 2012 nach einem Unwetter in Schangnau nötig geworden waren. Bis alles fertig und von Zürcher, dem Projektleiter des Berner Ingenieurbüros Bächtold & Moor AG abgerechnet war, hatte es seine Zeit gedauert.

Am Tag nach der Übergabe goss es in Schangnau, wie es dort vorher noch nie gegossen hatte. Zürcher konnte davon ausgehen, dass er wieder viel zu tun bekommen würde. Denn wann immer die Gemeinde oder eine Weggenossenschaft eine Strasse bauen oder flicken, eine Brücke ersetzen, eine Kanalisation oder eine Wasserversorgung bauen wollte: Immer wandten sich ihre Vertreter in den vergangenen 33 Jahren an ihn. «Die Gemeinde wählte das Büro Bächtold & Moor AG, meinte aber Peter Zürcher», sagt der aktuelle Gemeindepräsident Beat Gerber.

Hilfreicher «Bürogummi»

In all den Jahren fassten die Schangnauer Vertrauen in ihn, obwohl nicht jeder Bürger jeweils von Beginn weg Verständnis hatte, wenn der «Bürogummi» nicht jeden Wunsch erfüllen konnte. So waren auch ihm die Hände gebunden, als der Gemeinderat die gedeckte Holzbrücke in Bumbach ersetzen wollte, diese aber nicht abreissen konnte, weil sich die Denkmalpflege dagegen wehrte.

Am Tag nach dem gigantischen Unwetter musste der Planer heimlich lachen, als er ein Telefon aus dem Schangnau bekam und man ihm sagte: «Das Problem mit der Brücke ist gelöst. Sie ist weg.» Die Fluten hatten sich einen Dreck um die Denkmalpflege gekümmert und den Bau mitgerissen. Jetzt führt eine Betonbrücke über die Emme. Cars können zum Gasthof Rosegg fahren, und den Landwirten mit ihren stets breiteren und schwereren Gefährten dient der Übergang ebenfalls.

Erst das Unwetter von 2014 machte diese Betonbrücke möglich. Bild: Hans Wüthrich
Erst das Unwetter von 2014 machte diese Betonbrücke möglich. Bild: Hans Wüthrich

Gleichzeitig freut sich Zürcher, dass er im Zusammenhang mit der Wanderwegverlegung Büetsch­li–Stegmatte helfen konnte, die gedeckte Mülibrücke aus dem Jahr 1866 zu erhalten, indem sie über den Beutlerschwandgraben verlegt wurde.

Harte Überzeugungsarbeit

Zwei Drittel seiner beruflichen Tätigkeit widmete der in Mün­singen lebende Peter Zürcher der Gemeinde Schangnau. Dabei spielten die Unwetter eine immer grössere Rolle. «Früher gab es ab und zu ein Gewitter, heute sind es oft gleich Unwetter», stellt er fest. 2005 wurde das erste Sanierungsprojekt geplant, 2008, 2010, 2012 und dann 2014 folgten weitere.

Jetzt muss vorne im Tal, in der Nähe der Räbenbrücke, wieder eine Strasse saniert werden. Das ist nicht mehr Zürchers Projekt. Denn der inzwischen 68-Jährige will sich nun definitiv aus dem Berufsleben zurückziehen. Gemeindepräsident Beat Gerber blickt deshalb besorgt in die Zukunft. Denn er weiss, dass Zürchers Wort bei den Subventionsbehörden Gewicht hatte. Er hat offenbar manches Gefecht ausgetragen mit den zuständigen Stellen der öffentlichen Hand.

Mit dem Kanton habe er sehr gut zusammengearbeitet. Aber es sei schwierig gewesen, die entsprechenden Leute beim Bund mit den speziellen Verhältnissen in Schangnau vertraut zu machen und sie etwa davon zu überzeugen, dass es hier angesichts der stärker werdenden Niederschläge sinnlos sei, Fahrspuren mit Rasengittersteinen zu bauen. Da müsse ein Hartbelag aus Bitumen her, sonst spüle es beim nächsten Gewitter gleich alles weg.

Entsprechend erfüllte es den Ingenieur mit Genugtuung, als sich die Kantons- und Bundesstellen bei den beiden aktuellen Alperschliessungen (Baumgarte und Luterschwändi) positiv zu einem vollflächigen Belag äus­serten.

In hartem Ringen sei manche gute Lösung gefunden worden. Der Ingenieur erwähnt etwa die Verbauung der Bochtenkurve hinter dem Kemmeriboden, wo zur Sicherung der Strasse neben der Emme eine rund zehn Meter hohe Natursteinverbauung realisiert werden konnte. «Ohne vorgängiges Unwetter wäre dies kaum denkbar gewesen», ist der Fachmann überzeugt.

Wie es ist, wenn es in Schangnau richtig schüttet, hat Zürcher nach einer offiziellen Bausitzung bei der Holzbrücke im Kemmeriboden erlebt . Kaum war sie vorbei, setzte ein Gewitter ein. Zürcher verabschiedete sich früh, weil er in die Ferien wollte. «Eine halbe Minute später – und ich wäre in der Emme gelandet.» Er sei auf der Bumbachstrasse bereits über etwas Geröll geholpert. 30 Sekunden später donnerte eine Erdlawine herunter.

Grosszügige Schangnauer

Doch in der Gemeinde wurde nicht nur repariert, es wurden auch fleissig Güterwege und neuerdings auch Alperschliessungen gebaut. Auf wie vielen Kilometern Hartbeläge eingebaut wurden, kann Zürcher nicht sagen. Doch letzte Woche hat er der Weggenossenschaft Schwandweid sein insgesamt 75. in Schangnau realisiertes Objekt offiziell übergeben.

«Einmalig» sei es, wie grosszügig die Gemeinde Schangnau die Eigentümer beim Bau ihrer Zufahrten unterstütze. Während Bund und Kanton die Vorhaben zusammen mit etwa 65 Prozent subventionierten, übernimmt die Gemeinde von den Restkosten jeweils weitere 65 Prozent. «Andere Gemeinden bezahlen gar nichts oder einen Beitrag nach Ermessen des Gemeinderates», weiss Zürcher.

«Schangnau ist nicht Jura»

Jetzt kommen die ersten Strässchen, die der Ingenieur geplant hat, in die Jahre und müssen ausgebessert werden. Entscheidend wird nun sein, ob die Subventionsbehörden die Arbeiten der «periodischen Wiederinstandstellung» (PWI) zuschreiben oder als «ordentliche Sanierung» betrachten. Je nachdem werden Bund und Kanton mit etwa 40 oder 65 Prozent subventionieren.

Wenn die Restkosten steigen, nehmen die Ausgaben für die Gemeinde zu. «So müsste Schangnau ein Interesse daran haben, dass die Eigentürmer ihre Strassen verlottern lassen, bis ein ausgewachsenes Sanierungsprojekt nötig ist», erklärt Zürcher ironisch. Er findet die seit mehreren Jahren geltende Unterscheidung zwischen PWI und Sanierung nicht zweckmässig.

Aber jetzt kann er seinen Einfluss nicht mehr geltend machen. Er wird keine dieser «aufregenden» Diskussionen mehr führen, um den Leuten bei Bund und Kanton zu zeigen, weshalb die Schangnauer mit ihren Niederschlägen nicht gleich behandelt werden könnten wie etwa eine Gemeinde im Berner Jura.

Deshalb sieht es Gemeindepräsident Beat Gerber gar nicht gern, dass der 68-Jährige nun definitiv in den Ruhestand tritt.

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