Die Raubkatze hat sich heimlich etabliert

Wasen

Als letzthin auf Facebook der Schnappschuss eines Luchses auftauchte, löste das vielerorts nebst Entzücken auch Erstaunen aus. Doch der Luchs ist schon lange wieder im Emmental unterwegs.

Dem Luchs ist es auch im Emmental wohl.

Dem Luchs ist es auch im Emmental wohl.

(Bild: Ernst Zbären)

«Wunderschön, den will ich auch mal sehen!» «So schön, hoffentlich darf er bleiben.» So und ähnlich lauteten die Kommentare, die zu lesen waren, nachdem Neo 1 auf Facebook letztes Wochenende ein nicht alltägliches Bild publiziert hatte. Einem Hörer des Lokalradios war in der Oberei bei Wasen ein seltener Schnappschuss gelungen, als ihm ein durch den Schnee hastender Luchs vor die Handykamera lief.

Das passiert selten. Luchse seien nachtaktiv und lebten hauptsächlich in bewaldeten Gebieten, erklärt der Wildtierbiologe Fridolin Zimmermann. Er leitet bei der Fachstelle Kora (siehe Infobox) das Luchsmonitoring. Weil der Luchs ein heimliches Leben führe, werde seine Anwesenheit von den Menschen selten bemerkt. «Es ist aber auch möglich, dass uns nicht immer alle Beobachtungen gemeldet werden», weiss Zimmermann.

Wohl längst über alle Berge

Nun wäre es jedoch kaum von grossem Erfolg gekrönt, wenn scharenweise mit Kameras bewehrte Hobbyfotografen in Wasen auf Luchssuche gingen. «Kann sein, dass er sich schon an einem ganz anderen Ort befindet», gibt der Fachmann zu bedenken. Denn Luchse hätten «grosse Lebensraumansprüche». Bei Weibchen umfasse das mittlere Wohngebiet 90 Quadratkilometer, bei Männchen gar 150.

Nachdem der Luchs in der Schweiz vor rund 40 Jahren wieder angesiedelt wurde, konnte er im Verwaltungskreis Emmental 1997 zum ersten Mal gesichtet werden. 2007 fand man laut Zimmermann in Bowil, knapp ennet der Grenze zum Emmental, zum ersten Mal einen toten Luchs. Er war einer Krankheit erlegen. Letztes Jahr kam einer in Kernenried bei einem Verkehrsunfall ums Leben.

Bisher sei im Emmental kein gezieltes Fotofallen-Monitoring durchgeführt worden, weshalb Kora auch keine genauen Zahlen zum aktuellen Bestand nennen könne, teilt Zimmermann mit. 2014 schätzte die Stelle schweizweit einen Bestand von 173 Luchsen, wovon 58 im ­Jura und 115 in den Alpen vermutet wurden.

Kommt jetzt der Jäger?

Auf Gartegg ob Langnau sei letzthin auch einer gesehen worden, wurde auf Facebook mitgeteilt. Doch während sich die einen über das Bild und die Entdeckung freuten, äusserten andere umgehend Sorge: Bald würden nun die Jäger dessen Spur aufnehmen, befürchtete jemand. «Alle möchten das schöne Tier sehen. Aber wenn der Luchs mal Schaden ­anrichtet, muss er gleich weg», schrieb ein anderer.

Befehl, den Luchs zu jagen, gibt es jedoch keinen, im Gegenteil. «Der Luchs ist eine geschützte Tierart, die nicht gejagt werden darf», stellt der kantonale Jagdinspektor Niklaus Blatter klar. Sollte trotzdem einer erlegt werden, wäre das Wilderei, und diese werde durch das Jagdinspektorat konsequent verfolgt. Luchswildereien seien im Vergleich zu früher jedoch kein grosses Thema mehr, da sich die Emotionen ­gelegt hätten. «Aber ganz verschwunden sind sie nicht», sagt Blatter.

In der Oberei bei Wasen huschte mitten am Nachmittag ein Luchs vorbei. Martin Kropf zückte das Handy und drückte ab. Bild: zvg/Martin Kropf

Im Emmental gebe es keine Gründe, in die Luchspopulation einzugreifen, doppelt Fridolin Zimmermann nach. Die Schäden, die die Raubkatze in der Schweiz anrichtete, hielten sich seit 2004 ohnehin auf tiefem Niveau. Letztes Jahr seien dem Luchs 31 Nutztiere zum Opfer gefallen.

Im Berner Jura habe sich die Raubkatze 2 und in den Berner Alpen 13 Schafe geholt. Seit seiner Wiederansiedlung in den 1970er-Jahren haben die offiziellen Stellen im Emmental dem Luchs folgende Schäden angelastet: vier Nutztiere in den 1980er-Jahren, je ein ­gerissenes Nutztier in den Jahren 2007, 2008 und 2012.

Nie hätte Martin Kropf damit gerechnet, dass sein Schnappschuss derart viele Reaktionen auslösen würde. Seit der Veröffentlichung seines Glückstreffers vergehe kein Tag, an dem er und seine Frau nicht darauf angesprochen würden.

Es sei «wie ein Sechser im Lotto» gewesen, als er am Samstagnachmittag mit dem Auto Richtung Wasen fahrend das Tier in der Oberei entdeckt habe. Er habe gerade genug Zeit gehabt, anzuhalten und mit dem Handy einmal abzudrücken. «Für ein zweites Bild reichte es nicht.» Der Luchs war zu schnell un­terwegs.

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