Die Pionierin steht vor dem Aus

Utzenstorf

Die «Papieri» Utzenstorf verkauft auf Ende Jahr ihr operatives Geschäft an die Perlen Papier AG im Luzernischen. Die Arbeitsplätze von etwa 200 Mitarbeitenden stehen auf dem Spiel.

Diese Anlage steht bald nicht mehr: Die Fabrik auf dem 230'000 Quadratmeter grossen Industriegelände soll einer neuen Nutzung Platz machen.

Diese Anlage steht bald nicht mehr: Die Fabrik auf dem 230'000 Quadratmeter grossen Industriegelände soll einer neuen Nutzung Platz machen.

(Bild: Olaf Nörrenberg)

Chantal Desbiolles

«Ein harter Schlag», stellt Beat Singer fest, «der die ganze Region trifft.» Der Utzenstorfer SVP- Gemeinderatspräsident ist betroffen angesichts der Hiobsbotschaft. «Wir bedauern, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihre Stelle verlieren.»

Die Betroffenen seien derzeit im Fokus der Gemeinde – und weniger der Umstand, dass Utzenstorf den grössten Arbeitgeber und Steuerzahler verlieren wird. «Das Finanzielle ist jetzt zweitrangig», so Singer. Etwa 35 der «Papieri»-Angestellten leben in Utzenstorf, etwa 85 Prozent der Belegschaft wohnen im Umkreis von 20 Kilometern.

Jedoch habe der Gemeinderat auch Verständnis für den Weg, den die «Papieri»-Verantwort­lichen nun einschlagen, macht ­Singer deutlich. «Auch wenn es schwer ist»: Die Alternative, das Unternehmen «an die Wand zu fahren», wäre nicht vertretbar gewesen.

Die Gemeindeexekutive sei seit Jahren in sehr engem Kontakt mit der Firmenleitung, sie sei transparent und regelmässig über den Geschäftsgang ins Bild gesetzt worden.

Sortierung bleibt bestehen

Die Utzenstorfer Altpapierrecyclerin ist durch die Aufhebung des Euromindestkurses vor zweieinhalb Jahren ins Schlingern geraten. Im Frühjahr 2016 kündigte sie einen Schuldenschnitt in Höhe von mehreren Millionen Franken und eine Neufinanzierung an. Es folgten vorübergehende Lohnsenkungen um 5 Prozent, ein ­Stellenabbau um 10 Prozent, die Reduktion der Einkaufspreise für Altpapier bei den Gemeinden, ein Wechsel in der Leitung.

Am Montagabend nun wurden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter darüber informiert, dass die Papierfabrik auf Ende Jahr verkauft und der Standort geschlossen wird. Mit einer Ausnahme: Das Altpapiersortierwerk, in dem jährlich 30'000 Tonnen Altpapier und Karton getrennt werden, wird in Utzenstorf weitergeführt. Deswegen werden sicherlich mindestens 7 Angestellte von total 219 ihre Arbeit weiterführen können.

Das Werk macht dicht, die Sortierung bleibt: In ­Utzenstorf ­wurden jährlich 260'000 Tonnen Altpapier aus 800 Gemeinden verarbeitet. Bild: Thomas Peter

Wie die Verkäuferin und die Käuferin am Dienstag bekannt gaben, übernimmt die Perlen Papier AG das operative Geschäft der Pa­pierfabrik Utzenstorf AG. Konkret wechseln die Altpapiersortieranlage, die Vertriebsverträge, die Kundenbeziehungen, die Lager sowie die Altpapierbeschaffungsverträge den Besitzer. Zum Verkaufspreis wurde Stillschweigen vereinbart.

Erlös fliesst in Sozialplan

Mit dem Erlös aus dem Verkauf soll ein «vernünftiger» Sozialplan finanziert werden, so Mit­inhaber und Verwaltungsratspräsident Bernhard Ludwig ­(siehe Interview). Die Zukunft der Belegschaft ist Gegenstand eines Konsultativverfahrens mit Arbeitnehmervertretern. Mitte ­August wird es abgeschlossen sein. Danach will der Verwaltungsrat über die Details informieren.

Die Gewerkschaft Unia hat am Dienstag über die Medien von der ­drohenden Massenentlassung in ­Utzenstorf erfahren. Sie will ihre Mitglieder unterstützen, ein ­Gesamtarbeitsvertrag besteht jedoch nicht.

Mit dem Verkauf folgen die beiden Unternehmen der «industriellen Logik»: dass in der Schweiz nur eine Zeitungspapierfabrik Bestand haben könne. Durch die Übernahme wird die Perlen Papier AG zur letzten Papierfabrik für Zeitungsdruck- und Magazinpapiere in der Schweiz. Sie ist das grösste von drei Standbeinen der CPH Chemie + Papier Holding AG, die mit Chemikalien, Pressepapieren und pharmazeutische Verpackungsfolien weltweit tätig ist.

Dank des zusätzlichen Altpapiers aus Utzenstorf, das künftig im luzernischen Perlen verarbeitet wird, kann die Gruppe teure Importe ersetzen. Indem der Anteil an inländischem Altpapier steigt, sinken die Kosten für den Rohstoff, was das Papier der Perlen AG international wettbewerbsfähiger macht.

In Perlen werden ab 2018 jährlich gegen 500'000 Tonnen Altpapier aus dem Inland zu neuem Papier verarbeitet. In Utzenstorf wurden jährlich rund 260'000 Tonnen Altpapier verarbeitet, die Aktiengesellschaft erwirtschaftete ei­nen Umsatz von 100 Millionen Franken.

Areal soll neu genutzt werden

Die Gebäude auf dem 230'000 Quadratmeter grossen Areal sollen abgerissen werden. Das Industriegebiet wird einer neuen Nutzung zugeführt. Für Gemeinderatspräsident Singer steht ausser Frage, dass dafür nur eine vergleichbare Nutzung infrage kommt. Eine Umzonung sei kein Thema.

Berner Zeitung

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