Rüegsauschachen

Die Mehrbesseren tafelten im Hinterstübli

RüegsauschachenIm Gasthof Sonne kehrten einst Leute aus verschiedenen Schichten ein. 2013 wurde die Wirtschaft geschlossen. Seither werden die Räumlichkeiten als Wohn­gemeinschaft genutzt.

Früher ein Gasthof: Die Sonne auf einer Postkarte um 1920. Heute ein Wohnhaus: Vierzehn Einzelpersonen und zwei Familien leben unter einem Dach. Bilder: pd/Paul Schöni, Thomas Peter

Ein herrschaftliches Haus mit gepflegtem Umschwung. Beim Eingang steht eine Frau in langem Kleid. Auf einer anderen Seite der Liegenschaft sind zwei adrett gekleidete Herren mit Hüten zu sehen. So präsentiert sich das Restaurant Sonne in Rüegsauschachen auf einer Postkarte um 1920. Abgebildet ist bereits die neue Sonne, denn einige Jahre zuvor wurde das alte Gebäude ein Raub der Flammen.

Die Postkarte diente nicht nur dazu, liebe Grüsse an ­Daheimgebliebene zu senden, sondern auch dazu, Werbung zu platzieren: 200 Meter bis zum Bahnhof Hasle-Rüegsau, gut eingerichtetes Hotel, elektrisches Licht, schöner Garten und schöne Gesellschaftsräume, zwanzig Betten, ist auf der Karte zu lesen. Als Spezialitäten werden Forellen und Waadtländer Weine genannt.

Der Lokalhistoriker An­dreas Mathys weiss um die einstige Beliebtheit des Restaurants. «Es war eine Wirtschaft für alle», sagt er. Während in der Gaststube das Fussvolk eingekehrt sei, habe die Crème de la Crème in einem Hinterstübli getafelt.

Ein eigener Stallknecht

Neben dem Restaurant hatte es einen Stall, erklärt Mathys. In diesem habe der Wirt ein paar Kühe gehalten. Gäste, die mit Ross und Wagen vorfuhren, konnten ihre Pferde in der grossen Scheune gegenüber dem Gasthof unterbringen. «Scheunen gehörten früher zu jeder grösseren Emmentaler Wirtschaft», weiss An­dreas Mathys. Sie hätten Einkommen durch das Militär, aber auch durch Private gebracht.

Vor hundert Jahren hatte die Sonne sogar einen eigenen Stallknecht. So konnten auch grosse Truppenteile untergebracht oder Versammlungen im Ort abgehalten werden. «Die Sonne-Scheune blieb schätzungsweise bis nach dem Zweiten Weltkrieg bestehen», sagt Mathys. Danach wurde sie abgerissen und die Parzelle als Parkplatz genutzt.

Küchenbauer kaufte das Haus

Gewirtet wurde bis Ende Juli 2013. Danach war offen, wie es mit der Sonne weitergehen sollte. Das brachte die Dorfvereine in die Bredouille, weil sie den Sonne-Saal, der sich neben der Wirtschaft befand, für Proben und Anlässe nutzten. Der damalige Besitzer, die Sunne AG, verkaufte das Haus an Manfred Loosli, Inhaber eines Küchenbauunternehmens in Wyssachen. Er baute die Liegenschaft um, und der Saal wurde abgerissen.

2014 zogen die Mitglieder der «Housy-WG» in die Sonne. Die Wohngemeinschaft ist als Verein organisiert, der sich zum Ziel gesetzt hat, das gemeinschaftliche Wohnen zu fördern. Christliche Werte würden als Grundlage für das Zu­sammenleben dienen, ist auf der Website der «Housy-WG» nachzulesen. Derzeit wohnen vierzehn Einzelpersonen und zwei Familien im ehemaligen Gasthof.

Hinter der Sonne, im einstigen Stall, leben zwei weitere Familien, die ebenfalls Teil der WG sind. Der grosse Parkplatz in­dessen verkaufte die Sunne AG nicht. Sie baute darauf ein Mehrfamilienhaus. Jacqueline Graber (Berner Zeitung)

Erstellt: 08.03.2018, 11:44 Uhr

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