Burgdorf

Die letzten Felsenbewohner

BurgdorfEine Wohnung mitten in der Felslandschaft klingt abenteuerlich. Doch das Leben in den Flüe war hart und voller Entbehrungen. Ein dunkles Kapitel, das man lieber verschwieg.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ein kleines Holzhüttli stand einst mitten in der schroffen Felslandschaft der ersten Gisnauflue. Versteckt und fernab von der Stadt, nur über ausgesetzte Trampelpfade erreichbar.

Was romantisch klingen mag, war keineswegs ein gemütliches Heim. Vielmehr waren jene, die dort hausten, arm. Sie mussten ohne Strom und Wasser auskommen, waren ganz den Launen der Natur ausgesetzt. Bis 1937 war das Haus in den Burgdorfer Felsen noch bewohnt. Ein Jahr später wurde es abgerissen.

Die Zeitzeugen

Heute zeugen nur noch Spuren im Sandstein und alte Postkarten von der Behausung. Auf einer Aufnahme von 1910 sieht man zwei kleine Mädchen auf dem Felsvorsprung, der als Garten diente.

Wer sie waren und wie sie lebten, ist jedoch nirgends dokumentiert. Nur Zeitzeugen können noch von solchen Lebensgeschichten berichten. Deren zwei haben sich auf einen Artikel über die Felsenwohnung bei dieser Zeitung gemeldet.

Willi Lüthi, Landwirt auf der Breitenegg in Rüedisbach, ist einer davon. Zwar war das Felsenhaus bereits Geschichte, als er 1942 zur Welt kam. Aus nächster Nähe hat aber die Magd der Familie, Sofie Kupferschmied, das Leben in den Flüe erlebt.

Bevor sie zu Lüthis kam, hatte sie mit ihren Eltern und der Schwester nämlich dort gewohnt. Sie ist das jüngere der beiden Mädchen auf der Karte. «Söfeli war eine gute Seele», erinnert sich Willi Lüthi. Sie sei leicht behindert gewesen und habe an einem Sprachfehler ge­litten.

Doch habe es sich um ­Geburtstage gehandelt, habe ihr Gedächtnis nie versagt. Sie habe jedem eine Karte geschrieben. Zwar habe sich Sofie auch viel um die Buben, von denen Willi Lüthi einer war, gekümmert.

Am liebsten habe sie aber für die Hühner gesorgt. «Wenn Sofie in die Nähe des Hühnerhauses kam, flatterte das Federvieh herbei.» Sie hätte auf ihre Weise mit den Tieren kommuniziert.

«Sie hat dort wohl grüseli einfach gelebt.»Willi Lüthi, Landwirt

Ging es um ihre Kindheit in den Felsen, sei die Magd aber wortkarg gewesen. Sie habe schon gesagt, dass sie dort gelebt habe. Viel mehr sei ihr aber nicht zu entlocken gewesen. Und dabei hätte sich Willi Lüthi brennend für die Geschichten interessiert. Ging doch auch er als Schulbub gerne auf Erkundungstour bei den Flüe. «Sie hat dort wohl ­grüseli einfach gelebt», vermutet Lüthi.

Ganz aus den armen Verhältnissen ist Sofie Kupferschmied nie herausgekommen. Bei der Bauernfamilie arbeitete sie für ein kleines Gehalt, Kost und Logis. So, wie es zu dieser Zeit als sogenannte Jungfer gang und gäbe war. Ihren Lebensabend verbrachte sie dann im Dienstbotenheim in Oeschberg. Ehemann und Kinder hatte Sofie Kupferschmied keine.

Ihre Schwester hingegen, das ältere der beiden Mädchen auf der Karte, habe in Burgdorf eine Familie gegründet und sei Heilsarmeeoffizierin gewesen, erinnert sich Lüthi weiter. Ihr einziger Sohn sei aber kinderlos gewesen und bereits verstorben. So finden sich keine Nachkommen der beiden Schwestern mehr.

Verlassenes Häuschen

Doch Kupferschmieds waren nicht die Einzigen, die in den Flüe lebten. Nach ihnen wohnte dort die Familie Jost. Über die Eltern ist nicht viel bekannt. An deren Sohn mag sich Karl Iseli, der zweite Zeitzeuge, allerdings noch gut erinnern.

Er lernte Willi Jost während seiner Stifti in der Garage Bärtschi in Burgdorf kennen. Jost, ein paar Jahre älter als Iseli, sei dort als Hilfsarbeiter angestellt gewesen. Und einmal machten die beiden einen Ausflug, der dem 96-Jährigen bis heute im Gedächtnis geblieben ist.

Sie kletterten den schmalen Pfad zur Felsenwohnung hoch. Zwar habe Willi Jost damals bereits nicht mehr dort gehaust. Entsprechend verlassen habe das Häuschen ausgesehen: leer geräumt, mit sandigem Boden, verwahrlost. Und eigentlich sei es verboten gewesen, die Wohnung zu betreten. «Aber Willi Jost meinte, es sei schon in Ordnung, schliesslich sei dies sein Zuhause gewesen», sagt Karl Iseli.

Geschichten entlocken

Viel über seine Kindheit habe auch der Hilfsarbeiter nicht erzählt. Aber so schnell liess Karl Iseli nicht locker. Und nach mehrfachem Nachfragen habe Willi Jost manchmal kleine Einblicke gewährt.

So habe er berichtet, dass es im Winter dermassen kalt gewesen sei, dass sie jeweils dick eingepackt mit den wärmsten Kleidern ins Bett gingen. Willi Jost sei dann recht früh gestorben. «Wahrscheinlich war diese Kindheit mitten in den Felsen ziemlich ungesund», vermutet Karl Iseli.

Romantisch ist das Leben in den Flüe also keineswegs ge­wesen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 10.01.2018, 20:28 Uhr

Artikel zum Thema

Das geheimnisvolle Haus im Fels

Burgdorf Auf einem Felsvorsprung der ersten Gisnau­flue stand in Burgdorf einst ein bescheidenes Holzhaus. Ohne Wasser und Strom lebten dort bis in die 1930er-Jahren Menschen: versteckt und fernab der Stadt. Mehr...

Kommentare

Die Welt in Bildern

Sonnenbaden mit gummigem Halsband: Dieses Krokodil trägt schon seit zwei Jahren einen Pneu um den Hals.
(Bild: Antara Foto/Mohamad Hamzah/ via REUTERS) Mehr...