Rüderswil

«Die Landwirtschaft ist keine Industrie»

RüderswilDas Bewusstsein für Agrikultur sei verloren gegangen, weil die Gesellschaft industriell denke. Deshalb sei die Landwirtschaft unter Druck geraten. Diese These vertritt der Historiker Peter Moser.

Nach der Ernte wird sich der Boden erholen müssen. Er lässt sich nicht beliebig auf Effizienz trimmen.

Nach der Ernte wird sich der Boden erholen müssen. Er lässt sich nicht beliebig auf Effizienz trimmen. Bild: Madeleine Schoder

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Auch die Kirche müsse sich damit auseinandersetzen. Der Signauer Pfarrer Lukas Schwyn meint die Tatsache, dass die Gesellschaft immer mehr Erwartungen an die Landwirtschaft stelle und die Bauern stets stärker unter Druck kämen. Schwyn ist Präsident des bäuerlichen Sorgentelefons.

Nun haben die Kirchgemeinden Signau, Eggiwil, Lauperswil und Rüderswil eine Vortragsreihe zum Thema «Landwirtschaft unter Druck» organisiert. Eröffnet wurde diese mit einem Referat von Peter Moser, dem Gründer und Leiter des Archivs für Agrargeschichte in Bern. Er zeigte auf, wie sich die Erwartungen an die Bauern in den letzten Jahrzehnten verändert haben.

Moser blickte zurück in die Zeit vor Mitte des 19. Jahrhunderts, bevor die Industrie aufkam. «Die Gesellschaft war vom Agrarischen bestimmt», sagte er. Kirche, Schule und Staat seien auf den Rhythmus der Saisonalität ausgerichtet gewesen. Man lebte von dem, was der Boden hergab, mal war es mehr, mal weniger. Das Bewusstsein dafür, dass die Ressource Boden nicht konstant produzieren könne, sondern sich selber zwischendurch erneuern müsse, sei selbstverständlich vorhanden gewesen.

Peter Moser stellt Veränderungen im Denken fest. Foto: Thomas Peter

Nutzung hier, Verbrauch dort

Dann kam die Industrie. Sie sei nicht ausgerichtet auf das, was auf dem Boden gedeihe, sondern auf die Energievorräte, die im Erdinneren steckten. «Die Industrie basiert auf dem Verbrauch von Ressourcen, die Landwirtschaft kann lebendige Ressourcen nutzen und wiederherstellen.»

Diese Unterschiede würden von der heutigen Industriegesellschaft nicht mehr zur Kenntnis genommen, ist Moser überzeugt. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts versuche der Mensch, aus der Landwirtschaft eine Industrie zu machen. Es werde eine Verstetigung der Produktion angestrebt. Aber gelingen könne das nicht.

«Man redet relativ konfus, wenn man Industrie und Landwirtschaft miteinander vermischt.»Peter Moser

Der Historiker beschrieb, wie der Traktor Pferd und Kuh als Arbeitstier ersetzte. Und seit der Erfindung der Zapfwelle könne er noch viel mehr, als bloss Geräte ziehen. «Aber auch mit dem Traktor ist der Landwirt an die Saisonalität gebunden und kann nicht kontinuierlich schaffen», gab der Referent zu bedenken.

«Die Begriffe fehlen»

«Man redet relativ konfus, wenn man Industrie und Landwirtschaft miteinander vermischt», so Moser. Über die Landwirtschaft werde fast nur noch in Zahlen oder Bildern gesprochen: In Zahlen, die Klarheit suggerierten, aber nicht interpretiert würden; in Bildern, die entweder Ideal- oder Skandalzustände präsentierten, aber nicht die Realität auf dem Bauernhof abbildeten.

«Wir müssen erst wieder eine Sprache entwickeln, damit wir über agrarische Realitäten streiten können.»Peter Moser
Leiter Agrararchiv Bern

Moser ortete darin Ablenkungsmanöver – gerade auch von Politikern – die darüber hinwegtäuschen wollten, dass «wir keine Sprache mehr haben, um über die Landwirtschaft zu sprechen». Die Begrifflichkeiten seien verloren gegangen. «Wir müssen erst wieder eine Sprache entwickeln, damit wir über agrarische Realitäten streiten können.»

Die Forderung nach mehr Effizienz lasse sich auf die Landwirtschaft nicht anwenden. Jedenfalls nicht, wenn nicht ausdiskutiert und definiert werde, was unter Effizienz in der Agrikultur zu verstehen sei.

«Billiger, schneller und mehr» funktioniere in diesem Bereich nicht. Moser wünscht sich eine Gesellschaft, die den Zusammenhang zwischen Pflanzenschutz und Handarbeit erkennt und die sich bewusst ist, dass Tierhaltung und Fleischpreise etwas miteinander zu tun haben.

«Die Bauern sind wichtig», sagte der Historiker am Schluss. «Was auf den Bauernhöfen passiert, finden wir schön und attraktiv.» Und der Mensch lebe schliesslich nicht nur von Nahrungsmitteln, sondern auch von der Ästhetik. (Berner Zeitung)

Erstellt: 12.09.2018, 15:52 Uhr

Vortragsreihe

Unter dem Titel «Landwirtschaft unter Druck» werden noch folgende Veranstaltungen stattfinden: «Das Zusammenleben auf dem Bauernhof», 25. September, Pfrundscheune Lauperswil. «Die heutigen Konsumenten und die Landwirtschaft», 23. Oktober, Pfarrstöckli Signau. «Welche Zukunft hat die Landwirtschaft?», 6. November, Dorfschulhaus Eggiwil. Jeweils um 20 Uhr. (sgs)

Artikel zum Thema

Bauern müssen sich anpassen

Langenthal Trockenheit und Hitze werden in Zukunft weiter zunehmen. Die Landwirtschaft muss den richtigen Umgang damit noch finden. Technische Mittel können dabei nur bedingt helfen. Mehr...

Wenn Farben das Herz erfreuen

Burgdorf Die Burger­gemeinde zeigt, dass das Miteinander von Biodiversität und produzierender Landwirtschaft möglich ist. Das Gebiet Schönenbüeli liefert den ­Beweis. Mehr...

Der Wandel in der Landwirtschaft ist unausweichlich

Ein Kommentar von BZ-Redaktor Christoph Aebischer zur Initiative «Für Ernährungssouveränität». Mehr...

Abo

Die ganze Region. Im Digital-Light Abo.

Die BZ Berner Zeitung digital im Web oder auf dem Smartphone nutzen. Für nur CHF 17.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Kein Ball aber viel Rauch: Der Fussballer Tyler Roberts von Wales steht beim Spiel gegen Dänemark in Cardiff im Dunstkreis von einer Fan-Fackel. (17. November 2018)
(Bild: Matthew Childs) Mehr...