Die Helden vom Gyrischachen

Burgdorf

Vier Jugendliche sorgen für ein sauberes Quartier: Seit Oktober sind sie als Trash He­roes unterwegs. Auf ihren Entsorgungstourenstossen die Jungs auf allerlei Unrat – und auch auf Schätze.

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Fussball spielen, am Computer zocken oder einfach ein bisschen faulenzen: Es gibt viele Dinge, mit denen sich 14-jährige Jungs an einem Mittwochnachmittag die Zeit vertreiben könnten. Doch Aid, Orhan, Davide und Ajrun räumen lieber auf. Und zwar gleich ihr ganzes Quartier.

Seit vergangenem Oktober sind sie im Gyrischachen als Abfallhelden, Trash Heroes genannt, unterwegs. So auch an diesem Nachmittag. Vor dem Gyriträff ist Besammlung. Und kurz vor 14 Uhr kommt der Letzte mit dem Rad angefahren. «Diese vier sind immer pünktlich und haben noch keinen Einsatz verpasst», sagt Jugendarbeiter Sebastian Etzensperger.

Er ist zuständig für das Projekt. Gemeinsam mit dem Quartierverein, der Quartierarbeiterin und der Baudirektion hat die Jugendarbeit das Pilotprojekt lanciert. Anfangs seien noch mehr Jugendliche dabei gewesen, einige seien aber wieder abgesprungen.

Der Dreck nervt

Die vier Jungs hingegen sind der harte Kern. «Es hat so viel Dreck hier, das nervt», sagt Aid. Manche Leute würden ihren Müll einfach vom Balkon runterwerfen, ergänzt Davide und runzelt die Stirn. Sie hätten deshalb in einem Park, wo es besonders schlimm gewesen sei, ein Schild aufgestellt. «Der Abfall gehört nicht auf die Wiese. Ein Gruss von den Trash Heroes», stand darauf. Viel gebracht habe es nicht, meint ­Davide.

Wahrgenommen wird hingegen die Arbeit der Jungs. Und zwar von den Quartierbewohnern. Manche hätten bemerkt, dass die Strassen und Wiesen seither sauberer seien, so der Jugendarbeiter. Aber es gebe auch kritische Stimmen. «Die haben es ja mehr lustig, als dass sie arbeiten», habe er schon zu hören bekommen.

Spass muss sein

Während die Jungs mit der Ausrüstung ausgestattet werden, darf der Spass ebenfalls nicht fehlen. Davide und Orhan tragen bereits Leuchtwesten und Handschuhe. Bis die anderen beiden bereit sind, kneifen sie sich gegenseitig mit den Abfallklemmen, lachen vergnügt.

Sobald es mit der Sammeltour losgeht, sind sie wieder voll bei der Sache. Aus dem Gebüsch fischt Ajrun eine Smarties-Verpackung. «Gehört das zum brennbaren Abfall?», fragt er den Jugendarbeiter. Dieser bestätigt mit einem Kopfnicken. PET, Glas, Alu, Kehricht: Im Rollcontainer wird schon unterwegs feinsäuberlich getrennt. Auch dafür sollen die Jugendlichen sensibilisiert werden.

Zudem sei es eine gute Vorbereitung auf die Lehre, meint der Jugendarbeiter. Als Lehrer sieht er sich hingegen nicht. «Sie sollen selbst Verantwortung übernehmen.» Auf ihrer Tour sind sie in der Regel allein unterwegs. Anfangs hätten sie schon Anleitung gebraucht. «Erst haben sie jeden einzelnen Zigarettenstummel aufgelesen», sagt Etzensperger. So seien sie natürlich nicht vom Fleck gekommen.

Inzwischen schaffen sie aber in eineinhalb Stunden die vorgesehene Tour quer durchs Quartier. Und dieses sei übrigens nicht ausgewählt worden, weil es besonderen Reinigungsbedarf habe. «Es ist der einzige Bezirk mit einer Quartierarbeiterin», hält der Jugendarbeiter fest. Und sie habe das Projekt initialisiert. In Zukunft könnte es auf weitere Quartiere ausgedehnt werden. Die Trash Heroes könnten andernorts zum Einsatz kommen oder gar neue Trash Heroes ausbilden, meint Etzensperger.

Keine Kinderarbeit

Erst werden im Gyrischachen noch Jugendliche für eine zweite Gruppe gesucht. Engagierte Teenager zu finden, scheint nicht ganz einfach. «Viele Kinder möchten mitmachen, aber sie müssen mindestens 13 Jahre alt sein», sagt Etzensperger. Erst ab diesem Alter dürfen Jugendliche nämlich leichte Arbeiten ausführen, so will es das Gesetz.

Während der Schulzeit darf eine leichte Arbeit höchstens drei Stunden pro Tag und neun Stunden pro Woche dauern. In diesem Rahmen können die Teenager an­gemessen entlohnt werden. 12 Franken pro Stunde bekommen die Trash Heroes von der Stadt.

Doch dies scheint nicht ihr einziger Lohn. Auch Schätze finden die Jungs auf ihren Touren. Inzwischen sind sie wieder beim Gyriträff angekommen. Und haben nebst jeder Menge Müll Dinge gefunden, die sie behalten wollen: einen Plastiktannenbaum, Weihnachtskugeln, einen roten Sonnenschirm. Und wofür brauchen sie diese Fundstücke? Einen konkreten Plan scheinen sie noch nicht zu haben. «Das sind einfach Souvenirs», so Davide.

Berner Zeitung

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