Sumiswald

Der erste Mann auf dem letzten Achttausender

Sumiswald Er nahm den letzten unbestiegenen Achttausender Nepals in Angriff: Albin Schelbert war im Jahr 1960 Teil eines Expeditionsteams. Im Altersheim Sumia berichtete er von seinen Erlebnissen.

Albin Schelbert ist heute noch ein emsiger Berggänger.

Albin Schelbert ist heute noch ein emsiger Berggänger. Bild: Olaf Nörrenberg

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Dicht an dicht sassen die sechs Bergsteiger im Zweierzelt. Bei jeder Bewegung tropfte das angetaute Wasser auf ihre Köpfe. Das letzte Lager vor dem grossen Aufstieg. Auf 7800 Metern über Meer nächtigte das Expeditionsteam vom 12. auf den 13. Mai im Jahr 1960.

Die Schweizer Albin Schelbert, Ernst Forrer und Peter Diener, der Österreicher Kurt Diemberger und die beiden Sherpas Njima Dorje und Nawang Dorje. Die Luft war dünn, die Nacht eisig am Fusse des Dhaulagiri, des letzten unbestiegenen Achttausenders Nepals. «Wir haben kein Auge zugetan», erinnert sich Albin Schelbert.

Bis zum Gipfel fehlten 300 Meter. Ob der Aufstieg diesmal klappen sollte, war ungewiss. Sieben Expeditionen waren bereits am 8167 Meter hohen Gipfel gescheitert, zwei Bergsteiger ums Leben gekommen.

«Bereits nach drei Schritten gerät man auf dieser Höhe ausser Atem.»Albin Schelbert

Das Wetter am Berg ist unberechenbar, nachmittags ziehen oft Schneestürme auf. An jenem Morgen aber war der Himmel klar, die Bedingungen ideal. Ein Kampf war es trotzdem. «Bereits nach drei Schritten gerät man auf dieser Höhe ausser Atem.» Sauerstoff hatten sie keinen dabei. Die alten Armee-Sauerstoffflaschen funktionierten nicht.

Doch der Aufstieg ­gelang. Besonders der damals 26-jährige Schelbert war fit an diesem Morgen, seilte sich auf den letzten Metern gar von seinem Kollegen Peter Diener los. «Ich wollte nur noch nach oben.» Auf dem Gipfel angelangt, konnten sie ihr Glück kaum fassen, schauten über die Weiten Nepals, schossen Fotos.

Immer in Bewegung

Auch heute, 58 Jahre später, ist Albin Schelbert ein emsiger Berggänger. Bis Ende Mai stehen noch einige Skitouren an. «Seit ich zwei neue Kniegelenke habe, geht das problemlos», sagt der 85-Jährige. Wenn er spricht, hüpft er von einem Thema zum nächsten, Wortschwall an Wortschwall, voller Energie, stets in Bewegung.

Zwar steht an diesem Nachmittag keine Tour in der Höhe mehr an, die Wanderschuhe dürfen aber trotzdem nicht fehlen. Albin Schelbert ist Gast im Alterszen­trum Sumia in Sumiswald. Der Dokumentarfilm «Gipfelsturm der Veteranen», den das Schweizer Fernsehen 50 Jahre nach der Besteigung des Dhaulagiri drehte, wird hier gezeigt.

Einige Altersheimbewohner dürften in ähnlichem Alter sein wie der 85-Jährige. Auch seine Frau Heidi Schelbert weilt hier. Nach schwerer Erkrankung kann sie derzeit nicht mehr in ihrem Haus auf dem Waltisberg ob Wasen wohnen. Dieses erwarben der gebürtige Basler und die gebürtige Zürcherin vor 37 Jahren.

Die Filmvorführung lockt die Altersheimbewohner an. Viele gratulieren Schelbert zu seiner Leistung von damals, erwähnen beiläufig, dass sie immer ­gerne gewandert seien. Früher natürlich.

Die Rückkehr

Albin Schelbert hingegen schreckt auch viele Jahre nach der Pensionierung nicht vor kräftezehrenden Wanderungen zurück. So kehrte er 50 Jahre nach der Erstbesteigung des Dhaulagiri nach Nepal zurück. Zusammen mit zwei seiner ehemaligen Weggefährten sowie dem Filmteam des Schweizer Fernsehens.

Ziel war es, die Strecke bis zum damaligen Basislager auf 5700 Meter zurückzulegen: Ein neuntägiger Marsch, mehrere Tausend Höhenmeter, stechende Hitze. Für zwei der drei Veteranen zu viel. Sie mussten vorzeitig abbrechen.

Einzig Schelbert schaffte es bis zum Basislager. «Ich habe zwar 50 Jahre gebraucht, aber jetzt habe ich die ganze Strecke zu Fuss gemacht», witzelte er im Film.

Der Flugzeugabsturz

Damals bei der Erstbesteigung dauerte der Weg bis zum Basislager nämlich keine 14 Tage, sondern nur 50 Minuten. Sie wurden mit dem Yeti, einem Prototyp des Pilatus Porter, hingeflogen. Bis heute ein Rekord: die Landung auf 5700 Metern.

Doch einige Kollegen mussten die Strecke zu Fuss zurücklegen. Denn der Flieger erlitt einen Motorschaden und stürzte ab, bevor er alle Männer hochtransportiert hatte. Die beiden Piloten überlebten, der Yeti hingegen hatte einen Totalschaden.

Die Gruppe im Basislager bekam vom Unglück nichts mit. Sie hatten zwar Armeefunkgeräte dabei, aber keinen Empfang. «Wenn etwas passiert wäre, wären wir ganz schlecht dran gewesen», sagt Schelbert.

Auf der Spitze des Dhaulagiri: Albin Schelbert erreichte als erster Mensch den höchsten Punkt des Berges. Bild: pd

Zum Glück lief alles gut und es war kein Notruf nötig. So wurde die Expedition zum Erfolg, die jungen Männer wurden als Helden gefeiert. Für Albin Schelbert sollte es ein einmaliges Erlebnis bleiben. Das Bergsteigen wurde nie zu seinem Beruf, er arbeitete lieber als Architekt.

Doch die Erlebnisse am Dhaulagiri verbinden die Expeditionsteilnehmer noch heute. Jedes Jahr treffen sie sich exakt an jenem Tag der Erstbesteigung. Auch in diesem Jahr. Am Sonntag ist es wieder so weit. Sie sind in Wildhaus zum Mittagessen verabredet. «Wanderung werden wir wohl keine mehr machen, aber bestimmt die eine oder andere Geschichte von damals erzählen.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 15.05.2018, 09:38 Uhr

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