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Die Genügsamen aus der Heide

Im Unter­emmental leben Schafe, die eigentlich in den Norden Deutschlands gehören: Heidschnucken. Die Tiere stört das aber nicht. Sie fühlen sich wohl hier.

Ursula Bracher bei ihren Heidschnucken. Damit die Schafe fürs Bild einen Moment stillhalten, hat sie ausnahmsweise «Läckerli» mitgebracht. Im Hintergrund wartet Border Collie Wanja auf seinen nächsten Einsatz.
Ursula Bracher bei ihren Heidschnucken. Damit die Schafe fürs Bild einen Moment stillhalten, hat sie ausnahmsweise «Läckerli» mitgebracht. Im Hintergrund wartet Border Collie Wanja auf seinen nächsten Einsatz.
Marcel Bieri

Ruhig, aber bestimmt erteilt Ursula Bracher kurze Befehle. Border Collie Wanja gehorcht aufs Wort und treibt eine kleine Schafherde aus dem Schatten in den Sonnenschein. Die in ihrer Ruhe Gestörten reklamieren zwar lautstark, tun dann aber doch wie geheissen und scharen sich um «ihre» Bäuerin. Weil Wanja es so will, natürlich – aber auch, weil Ursula Bracher ausnahmsweise Extrafutter mitgebracht hat.

Nicht nur Hunde und Katzen lassen sich mit «Läckerli» bestechen. Und Bestechung ist nötig, damit der Fotograf ein hübsches Bild machen kann. Wanja hat derweil Platz gemacht und schaut aufmerksam zu.

Willkommen in Alchenstorf, auf dem Hof Oberhuus. Wegen Ursula und Andreas Bracher, die den Betrieb führen, sind wir allerdings nicht auf Besuch. Und auch nicht wegen Wanja, obwohl ihre Arbeitsleistung wirklich beeindruckend ist. Nein, der Besuch gilt den etwa zwanzig Schafen, die sich immer noch um das Zusatzfutter streiten: Sie sind Heidschnucken und damit geeignete Kandidaten für die Serie «Tierisch fremd».

Aus Norddeutschland

Daheim sind Heidschnucken eigentlich im Norden Deutschlands, genauer im Bundesland Niedersachsen, in der Lüneburger Heide. Während ihre Verwandten im «hohen Norden» Büsche und Bäume kurz halten, fressen die Schnucken im unteren Emmental einfach Gras. «Das reicht ihnen völlig, die Tiere sind sehr genügsam», erklärt Ursula Bracher.

Gras und Wasser, die Möglichkeit, während der grossen Hitze im Schatten zu liegen, und die Gesellschaft ihrer Kameraden – damit sind Heidschnucken zufrieden. Und wenn sie in kalten Winternächten, wenn das Thermometer 20 Grad minus und weniger anzeigt, in den Stall dürfen, «dann ist das eher meiner Empfindlichkeit geschuldet als der der Schafe», sagt Ursula Bracher und lacht. Nur im Frühling, wenn die Lämmer zur Welt kommen, behält sie die Muttertiere zwei, drei Tage im Stall – ansonsten sind sie dort, wo sie hingehören: draussen.

Von Pferden und einem Hund

Die Geschichte, wie Brachers zu ihren Schafen kamen, beginnt mit einem Hund und zwei Pferden: Es war einmal Hofhund Beni. Der hätte nichts lieber getan, als die zwei Pferde der Familie Bracher vom Stall auf die Weide und wieder zurück zu treiben. Das durfte er natürlich nicht, Pferde sind ja schliesslich keine Schafe. Im Jahr 2010, Beni war längst nicht mehr, hatten Brachers die Idee, die Schweine tagsüber auf die Weide zu lassen.

Dumm nur, dass die eigentlich intelligenten Tiere so gar nicht verstanden, was man von ihnen wollte. «Wir haben sie am Morgen mit viel Mühe ins Freie getrieben und später mit noch mehr Mühe wieder in den Stall», erinnert sich Ursula Bracher. Da kamen ihr Beni und seine Leidenschaft in den Sinn, und sie überlegte, dass mit Schweinen doch eigentlich funktionieren müsste, was mit Schafen seit Jahrhunderten geht: Man lässt sie von einem Hund treiben.

Schweine treiben

Gedacht und ausprobiert, Ursula Bracher ging mit Hofhund Toffi – und später auch mit Wanja – zu einer Schäferin in die Schule. Es klappte. Toffi, ein Australian Shepherd, lernte, die Schweine dahin zu dirigieren, wo man sie haben wollte. Er darf auch heute noch mitarbeiten, allerdings nicht ganz so oft wie Wanja. «Toffi hat seinen eigenen Kopf», sagt die Bäuerin, «und manchmal versucht er, den durchzusetzen. Dann wird es eher mühsam.»

Aber zurück zu den Schafen: Ursula Bracher freundete sich mit ihrer Lehrerin an und gewährte ihr während zweier Winter Unterkunft für sich und ihre Tiere. Aus Dankbarkeit überliess ihr diese ein paar Schafe – et voilà, die Heidschnuckenzucht im Oberhuus war Tatsache.

Wobei: Die Herde ist klein, viel Geld spült das Geschäft mit den Schafen nicht in die Betriebskasse. «Mit sieben bis neun Muttertieren gehen wir in den Winter», erklärt Ursula Bracher. Das heisst, sie bekommen im September Besuch vom Bock und bringen im Frühling Lämmer zur Welt – sofern der Herr seine Arbeit gut gemacht hat. Letztes Jahr hat er, die Herde zählt 21 Tiere.

Im Herbst werden die jungen Schafe zum Metzger gebracht, und der Kreislauf beginnt von vorn. «Weil sie sehr langsam wachsen, schmeckt das Fleisch der Heidschnucken fast wie Wild», erklärt Ursula Bracher. Einmal im Jahr werden die Schafe geschoren. Die Wolle kommt weg, «sie hat keinen Wert. Für die Weiterverarbeitung ist sie viel zu grob.»

Und tschüss

Der Besuch auf der Weide ist vorbei, die Bilder sind gemacht. Ursula Bracher räumt die Plastikbecken zusammen, in denen sie ihr «Bestechungsgeld» dabeihatte, und fährt dem einen oder anderen Schaf über den Kopf. Sie mag die Tiere – nicht nur, weil sie widerstandsfähig und genügsam sind. «Die Heidschnucken machen mir einfach Freude.»

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