Die Aussichten waren auch schon besser

Burgdorf

«Zur schönen Aussicht» von Ödön von Horvath zeigt die Theatergruppe Burgdorf derzeit auf der Casino-Bühne. Macht und Geld, Korruption, vorgespielte und echte Liebedominierten damals – 1926 – wie heute.

Begehrte junge Frau: Christine (Annina Brodbeck), hinter ihr der Versicherungsagent Müller (Hansjürg Brodbeck).<p class='credit'>(Bild: Werner Eichenberger/zvg)</p>

Begehrte junge Frau: Christine (Annina Brodbeck), hinter ihr der Versicherungsagent Müller (Hansjürg Brodbeck).

(Bild: Werner Eichenberger/zvg)

Eine schäbige Hotelréception. Hinter dem Bartresen ein gelangweilter Kellner mit offenbar krimineller Vergangenheit als Autoschieber (Bruno Böhlen). Und ein schlitzohriger Chauffeur (René Schärer), den das Wort «Dalmatien» in Rage bringt. Aus dem Obergeschoss sind Lustgestöhne und wildes Gerangel zu hören. Georgette Baronesse de Rothschild (Marie-Louise van Laer) empfängt in diesem Moment höchstwahrscheinlich Dienstleistungen der besonderen Art von Hoteldirektor Strasser (Ad­rian Schmid).So präsentiert sich die Ausgangslage im Hotel zur schönen Aussicht.

Die Aussichten sind alles andere als schön: Die alte Baronin ist einziger Gast und Besitzerin, hat als Einzige Geld und damit Befehlsgewalt über alles und jeden: «Ich habe dich gekauft, nur ich befehle dir, was du darfst», sagt sie zu Strasser. Im braunen Spitzenkleid mit goldenem Gurt und sexy Stiefeletten trippelt sie über die Bühne – etwas schwankend und stets auf der Suche nach dem nächsten Schluck Alkohol.

Ihren Bruder Auguste Emanuel Baron de Rothschild (Ruedi Schütz) kanzelt sie höhnisch ab, als er sie um Geld bittet, um Spielschulden zu begleichen. Und Herr Müller (Hansjürg Brodbeck), als Versicherungsagent ebenfalls auf Geldsuche, wird subito zum «Generaldirektor» erhoben und an den fleckenübersäten Tisch zum Dinner mit nicht vorhandenen Zutaten gebeten.

Ein fieser Plan

Das skurrile Treiben dieser Gesellschaft, in der jeder weiss, was der andere hat und will, wird plötzlich unterbrochen: Die liebreizende junge Christine (Annina Brodbeck) taucht unvermutet auf und konfrontiert ihren früheren Liebhaber Strasser mit seiner Vaterschaft – und ihrer Liebe. Eine peinliche Situation für ihn.

Zusammen mit den übrigen Männern heckt er einen Plan aus: Jeder soll angeben, mit Christine eine Affäre gehabt zu haben, damit die Vaterschaft ungesichert ist und keiner Alimente bezahlen muss. So weit, so gut. Nur: Christine will den Mann, nicht sein Geld. Denn sie hat genug geerbt: 20 Millionen. Das wiederum ist für alle eine Verlockung. Jeder buhlt nun um die Gunst von Christine. Doch aus der naiven Christine ist durch all die Turbulenzen eine selbstbewusste Frau geworden.

Derweil sitzt die alte Baronesse abgetakelt mit dicker Schminke und gefärbtem Haar vollständig besoffen am kleinen Tisch. Ein ewiger Kreislauf von Geld, Macht und Besitz. Die Klänge von Kyrie eleison (Herr erbarme dich) aus dem Off als Abschluss untermalen diese Tatsache.

Was das Ensemble unter der Regie von Stefan Meier im nüchternen Bühnenbild von Heinz Egger und Sabine Käch zeigt, ist hervorragend. Jede Figur überzeugt mit differenziertem Spiel, Witz und Sprache. Marie-Louise van Laers Darbietung als verlebte, versoffene Baronin, die in Körperhaltung, Gestik und Mimik völlig die alte Frau ist, gerät zur Sonderleistung.

Weitere Vorstellungen:5., 6., 7., 13., 14. Februar. Beginn Fr und Sa um 20 Uhr, So um 17 Uhr. Casino-Theater Burgdorf. Vorverkauf: 034 422 21 75.

Berner Zeitung

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