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Die Angst vor dem Sparpaket

Wenn der Grosse Rat im November über das Entlastungspaket 2018 debattiert, werden die Leiter der Emmentaler Alters- und Pflegezentren ­dies zitternd verfolgen. Denn die ­geplanten Sparmassnahmen hätten einschneidende Folgen, heisst es hier wie da.

Die Sparmassnahmen könnten auch die Amortisation des 40-Millionen-Franken-Neubaus des Alterszentrums Sumiswald beeinträchtigen.
Die Sparmassnahmen könnten auch die Amortisation des 40-Millionen-Franken-Neubaus des Alterszentrums Sumiswald beeinträchtigen.
Thomas Peter

Das werden keine einfachen ­Wochen. Mit schlaflosen Nächten ist zu rechnen. Der Grosse Rat behandelt in der Novembersession als zentrales Geschäft das Entlastungspaket 2018 des Regierungsrats. 130 Seiten ist es dick und enthält über 150 Massnahmen. 185 Millionen Franken will der Kanton pro Jahr damit einsparen.

Für Patrik Walther ist es die Seite 82 des Dossiers und die Massnahme mit der Nummer 45.10.1, die ihm schon jetzt den Schlaf raubt. Walther ist Geschäftsführer der Sumia, der Alterszentrum Sumiswald AG. Die Sumia ist einer der grössten Arbeitgeber in der Region und stellt nichts weniger als die Altersversorgung im mittleren Emmental sicher. 185 Mitarbeitende kümmern sich um 130 Bewoh­nerinnen und Bewohner.

Der ­Betrieb macht pro Jahr 13,5 Millionen Franken Umsatz. Wenn Walther der Session entgegenblickt, sorgt er sich um die Zukunft seines Betriebs. «Kurzfristig können wir reagieren», sagt er. «Aber auf die Dauer würde die geplante Einsparung einen heftigen Einschnitt bedeuten.»

«Kurzfristig können wir reagieren. Aber auf die Dauer würde die geplante Einsparung ein heftiger Einschnitt bedeuten.»

Patrick Walther, Geschäftsführer Alterszentrum Sumiswald

1,2 Millionen weniger

Konkret will der Kanton die Ergänzungsleistungen bei der Hotellerie um 2.50 Franken pro Tag und Person kürzen, um so pro Jahr 5,5 Millionen Franken einzusparen. Das ist nicht besonders viel, hat aber laut Walther für die Alters- und Pflegeheime kantonsweit weitreichende Konsequenzen. Denn während der Kanton nur rund einen Franken von den 2.50 Franken spart, weil hier auch der Bund mitfinanziert, bekommen die Heime den ganzen Betrag zu spüren. Für die 22 Emmentaler Institutionen würden diese Einsparungen schätzungsweise einen jährlichen Ertragsausfall von rund 1,2 Millionen Franken bedeuten.

Ein Blick in die Bücher der Sumia zeigt, was das konkret für einen solchen Betrieb bedeuten könnte. Der Kanton definiert jedes Jahr die sogenannte Ergänzungsleistungs-Obergrenze, die vorgibt, wie viel die Heime für die Infrastruktur, die Betreuung und die Hotellerie verlangen dürfen. Diese beträgt derzeit 183.55 Franken pro Tag (siehe Kasten).

Abzwacken will der Kanton die 2.50 Franken bei der Betreuung, einem Posten, der laut Walther schon heute sehr knapp bemessen ist und bereits mit den Einnahmen der Hotellerie quasi querfinanziert wird. Die Sumia verzeichnet pro Jahr rund 45 000 Pflegetage. Mit 2.50 Franken weniger pro Tag ergäbe das pro Jahr 120 000 Franken weniger Einnahmen.

Ein Loch, das Patrik Walther irgendwie stopfen müsste: «Mittelfristig müssten wir noch effizientere Betreuungs- und Behandlungsabläufe anpeilen.» Was nur noch zu mehr Zeitdruck im Pflegealltag führen würde. Ein Stellenabbau sei zwar nicht vorgesehen, könnte aber, auf die Dauer, nicht ausgeschlossen werden.

Schwierige Finanzplanung

Ähnliche Seufzer sind auch in anderen Institutionen in der Region zu vernehmen. Die Geschäftsleiter des Alterszentrums Schlossmatt in Burgdorf, des Dahlia in Langnau und der kleineren Institution in Utzenstorf, des Zentrums Mösli, alle sehen sich schon jetzt mit langfristigen finanziellen Schwierigkeiten konfrontiert. Zumal ihnen bereits die Einbussen der letzten Jahre zu schaffen machen. So etwa die 2013 um 2,5 Prozent gekürzten Pflegetarife. Und die Infrastrukturbeiträge, die seit 2011 durch die Indexierung stetig abnehmen und nächstes Jahr wieder um 1.25 Franken auf 29.50 Franken sinken. Die ­gesamte Region wird gemäss dieser Rechnung nächstes Jahr mit rund 3 Millionen Franken weniger auskommen müssen. Das könnte heikle Folgen haben.

So hat die Sumia kürzlich einen Neubau für 40 Millionen Franken realisiert – mit 27 Millionen Franken Fremdkapital. Die Vereinbarungen, die Patrik Walther mit den Banken getroffen hatte, basieren auf den Zahlen von 2012. Ein Ja zu den Sparmassnahmen würde die gesamte Finanzplanung durcheinanderbringen und für ihn nichts anderes als «ein defizitäres Budget 2018, mittel- und langfristig einen grundlegenden Verlust an Betriebssubstanz bedeuten», wie er sagt.

Ähnlich geht es Urs Lüthi als Geschäftsleiter des Alters- und Pflegeheims Dahlia in Langnau. Das Unternehmen erneuert gerade die gesamten Infrastrukturen. Konkret hat es in den letzten Jahren rund 35 Millionen Franken verbaut. Weitere Investitionen in derselben Grössenordnung folgen. Urs Lüthi sagt es so: «Die Kürzung würde die Agilität des Unternehmens und die Innovationskraft belasten sowie die Investitionsfähigkeit schwächen.»

Massnahmen zumutbar

Der Kanton weiss um die Herausforderungen, die auf die Heime zukommen. «Wir sind uns bewusst, dass die Sparmassnahmen bei den Heimen spürbar sein werden», sagt Astrid Wüthrich, Vorsteherin des Alters- und Behindertenamts Alba. «Unseres Erachtens kann es in wenigen Institutionen zu Engpässen kommen, wir gehen jedoch nicht davon aus, dass eine grosse Zahl oder gar eine Mehrheit nicht mehr rentabel arbeiten wird.» Dies, weil das Ausmass der Einsparungen zu relativieren sei. Es gehe um eine Reduktion von einem Bruchteil des Gesamtbetrags. Der Regierungsrat komme in einer Gesamtbeurteilung, die auch den Vergleich mit anderen Kantonen beinhalte, zum Schluss, dass die Massnahmen zumutbar seien.

Und auch in Bezug auf die In­frastrukturbeiträge differenziert das Alba: «Diese werden aufgrund ihrer Anbindung an den Hochbaupreisindex und den Referenzzinssatz für Hypotheken des Bundes jährlich angepasst und wurden – wie die Pflegekosten und die Betreuung – explizit vom Entlastungspaket ausgenommen.» Es sei mit der neuen Pflegefinanzierung von 2011 expliziter Wunsch des Gesetzgebers, dass die Heime für die Finanzierung ihrer Infrastruktur verantwortlich seien. Das heisse, dass Investitionsprojekte durch die Trägerschaft vorgängig auf ihre Tragbarkeit überprüft werden müssten. Dafür seien die Heimleitungen verantwortlich. Die Bedingungen hätten sich für die Institutionen seitens des Kantons seit 2011 nicht geändert.

Nicht weniger Zeit

Ob Dahlia oder Sumia, ob Schlossmatt oder Mösli, alle Verantwortlichen werden im November wohl kurze Nächte haben. Kommt die Massnahme durch, müssen sie entsprechend reagieren und den Gürtel noch enger schnallen. Zu hoffen ist, dass damit vor allem das eine nicht auf der Strecke bleiben muss: die Zeit für das Zwischenmenschliche.

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