Detektiv in der Emmentaler Historie

Hobbyhistoriker Jonas Glanzmann hat in den letzten Jahren mit einer Reihe spektakulärer Funde – gerade auch im Emmental – auf sich aufmerksam gemacht. Für ­seine Forschungen braucht er alte und hochmoderne Karten – sowie gutes Schuhwerk.

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Die Bändel der Wanderschuhe sind festgezurrt, die Autos vor dem steilen Waldstück abgestellt und der Reissverschluss der Jacke hochgezogen. Nun beginnt das Vorhaben, das eigentlich etwas vermessen ist. Jonas Glanzmann will an diesem Nachmittag mal eben einen wichtigen, aber heute unbekannten frühmittelalterlichen Verkehrsweg finden.

Der 41-jährige Hobbyhistoriker ist überzeugt, dass die Route irgendwo durch den Wald oberhalb des Weilers Längenbach bei Emmenmatt führte. Es wäre nicht das erste Mal, dass Glanzmann ein wenig Licht in die dunkle, weil praktisch berichtslose und wenig erforschte Zeit des Früh- und Hochmittelalters im Emmental brächte. Er hat bereits in Langnau, Konolfingen und heuer in Rüderswil Burgstellen entdeckt.

Ein enormer Hohlweg

Die ersten Meter laufen wir noch auf einem asphaltierten Strässchen. Dann biegen wir auf eine Waldpiste ein. Glanzmann legt sofort ein zackiges Tempo vor. Immer wieder hält er inne und wirft einen kurzen Blick auf die verschiedenen Karten, die er mitgebracht hat.

Nach wenigen Minuten schon wird er fündig: «Da ist es!» Etwas weiter vorne gräbt sich der Weg tief in den Wald­boden ein, übermannshoch. «Ich habe schon gedacht, dass hier etwas ist – aber das hier ist sehr erstaunlich.» Der Hohlweg, in dem wir stehen, ist heute nicht der Weg, sondern schon das Ziel.

Er ist, da ist Glanzmann überzeugt, Teil der historischen Wegverbindung zwischen Lützelflüh und Signau, die über die Höger führte, weil die Talsohle damals Emme­schwemmgebiet und damit schlecht passierbar war.

«Das Messen allein beweist natürlich noch gar nichts.»Jonas Glanzmann

Grob vermisst Glanzmann den Hohlweg. Drei Meter hoch, zwei Meter breit. «Mehr als genug Platz für einen Säumer mit einem Maulesel.» Was aber macht ihn sicher, dass der Weg tatsächlich so alt ist und so bedeutend war? «Das Messen allein beweist natürlich noch gar nichts», erklärt er. Aber immerhin sei die Dimension des Wegs ein weiteres, starkes Indiz.

Die Schatten des Gotthard

Weiter gehts durch die hohle Gasse nach oben. Glanzmann nutzt die Gelegenheit und erzählt, wie sich dieser Weg in das historische Puzzle einfügt. Er tut dies nicht etwa professoral und von oben her­ab. Er gibt sich Mühe, komplexe historische Zusammenhänge begreiflich zu machen.

«Ich bin überzeugt, dass im Emmental vom 9. bis zum 12. Jahrhundert viel mehr los war, als man bislang angenommen hat.» Denn der kürzeste Weg von Norden in die Lombardei nach Mailand sei durch das Emmental verlaufen. «Die Menschen damals dachten ja nicht anders als wir: Weshalb hätten sie nicht den kürzesten Weg wählen sollen?»

Die Region sei also eine Durchgangszone gewesen. «Und deshalb bin ich sicher, dass die Wege in der Gegend eine über­regionale, wenn nicht sogar eine internationale Bedeutung hatten.»

«Die Menschen damals dachten ja nicht anders als wir: Weshalb hätten sie nicht den kürzesten Weg wählen sollen?»Jonas Glanzmann

An Stellenwert eingebüsst habe das Emmental ab dem 13. Jahrhundert mit der Eröffnung der Gotthardroute. Nach Glanzmann war es also der Bau der Teufelsbrücke, der das Emmental zur Provinz machte.

Das Grüppchen gelangt bei einer Lichtung an. Es gibt auffällig viele Fuchs- und Dachsbauten. Die meisten Historiker verirren sich vielleicht in Archiven, aber kaum je dorthin, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen. Für Jonas Glanzmann jedoch sind die tierischen Unterkünfte weitere Hinweise.

«Ich habe das schon oft gesehen: Im Bereich von künstlichen Bauten ist die Erde offenbar auch noch nach Jahrhunderten lockerer.» Deshalb sei es für die Waldbewohner leichter, dort ihre Behausungen zu bauen.

Er glaubt es selber nicht

Die Zeitreise ist vorerst zu Ende. Zurück im Auto, zeigt sich Jonas Glanzmann glücklich. «Das war genau das, was ich mir erhofft hatte.» Oft finde man nämlich nicht, womit man gerechnet habe. Und dann dreht er den Zündschlüssel. Wir fahren die asphaltierte Strasse entlang den Hoger hinauf.

Während Jonas Glanzmann den Wagen durch die engen Kurven des Strässchens steuert, sinniert er über seine spektakulären Funde in den letzten Jahren. «Manchmal kann ich es selber nicht glauben.»

Momentan gebe es in der ganzen Schweiz nirgendwo so viele Neuentdeckungen von Burgstellen und alten Wegen wie im Emmental ­– und das meiste geht auf das Konto von ihm, der mit seiner Familie in Thun lebt, in Bern bei einer Immobilienfirma arbeitet und sich der Historie in seiner Freizeit widmet. Wie kommt das? «Ja, wie kommt das?», wiederholt er die Frage, die sich wohl auch einige Historiker und Archäologen stellen.

Wie Glanzmann funktioniert, zeigt sich beim nächsten Halt auf halbem Weg nach oben. Die neue Strasse unterbricht das alte Trassee. Wo setzt sich der Weg fort? Die Ratlosigkeit ist nur von kurzer Dauer: Nachdem er die Umgebung mit konzentriertem Blick gescannt hat, zeigt er auf eine Baumreihe in einem Feld. «Ich vermute, dass der Weg diese Bäumen entlangführte.» Denn diese seien typische «Wegbegleiter».

Die richtigen Fragen

Jonas Glanzmann ist kein Fantast. Er lässt seine Funde stets vom kantonalen Archäologischen Dienst, für den er ehrenamtlich arbeitet, bestätigen. Als erster Nichtakademiker darf er nun im archäologischen Jahrbuch publizieren. «Das macht mich schon ein bisschen stolz», sagt der Geschichtsautodidakt.

So spektakulär Glanzmanns Funde, so nachvollziehbar ist seine Vorgehensweise. «Natürlich lese ich zunächst die relevante Literatur und steige ins Archiv», erklärt er, während wir, inzwischen oben angekommen, auf dem Grat emporsteigen. Danach aber müsse man die richtigen Fragen stellen: «Man muss dabei ganz einfach denken. Zum Beispiel: Wieso ist die Burgstelle Aegerten, zu der wir jetzt unterwegs sind, genau dort, wo sie ist?»

Sodann nimmt er Karten zu Hilfe, etwa die Siegfriedkarte aus dem 19. Jahrhundert. «In dieser sind oft noch alte Wege und Bezeichnungen zu finden.» Aufschlussreich seien auch die modernen Lidar-Laserscanning-Karten. «Diese machen kaum noch wahrnehmbare Strukturen, wie eben den alten Weg zwischen Längenbach und Signau, wieder sichtbar.»

Schliesslich geht Glanzmann ins Feld. «Das ist vielleicht ein bisschen meine Nische», sagt er, inzwischen im Graben der Burg Aegerten stehend. Er stelle immer wieder fest, dass viele Forscher nur vom Schreibtisch aus arbeiten würden. Das könne zu Trugschlüssen führen. «Man muss die Augen immer offenhalten und dem Naheliegenden nachgehen: Wie kamen die Leute zur Burg, wo ist der Weg, mit welchen Orten und Befestigungen stand sie in Verbindung?»

Man muss die Augen immer offenhalten und dem Naheliegenden nachgehen.» Jonas Glanzmann

Die Kombination von Flurnamen, verdächtigen Linien auf Karten und historischem Wissen hat auch bei der Burgstelle Aegerten und der darunterliegenden Gegend «Gemmi» zum Ziel geführt. «Wenn man nun eben weiss, dass hier ein wichtiger Weg durchführte, ergibt der scheinbar abgelegene Standort der Burg Sinn: Sie diente zur Überwachung der Strasse. Und ‹Gemmi› war nichts anderes als der Passübergang – es gibt also auch im Emmental einen Gemmipass.»

Die Tour ist beendet, ein alter Weg gefunden und das Geheimnis um die Burgstelle Aegerten und die «Gemmi» gelöst. Wer nun glaubt, Glanzmann lasse es ruhiger angehen, irrt. «Ich werde nächstes Jahr eine Art historisches Wanderbuch zum Emmental publizieren», sagt er, während er sein Auto den Berg hinunter­navigiert.

«Und dann habe ich eine weitere, bislang unbekannte Burgstelle im Emmental gefunden», fügt er ein bisschen verlegen an. Zusammen mit den Kantonsarchäologen werde er diese öffentlich vorstellen. Wo die Burg einst stand, will er jedoch noch nicht verraten.

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