Der Wald muss viel, aber nicht überall das Gleiche können

Wieder führte der pensionierte Forstingenieur Walter Marti ausländische Gäste durch seine Region. Sein Ziel war es zu zeigen, wie man dem Wald hilft, unterschiedlichen Erwar­tungen gerecht zu werden.

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Im Zentrum der Exkursionen steht der regionale Waldplan. Das klingt nach viel Papier und einer trockenen Materie. Doch der Förster aus Mazedonien, der diese Woche im Emmental die konkreten Auswirkungen erlebt, sieht das anders. Er erkennt ein Instrument, das ihm den Arbeitsalltag zu Hause erleichtern könnte. Denn in seiner Region schaue jeder für sich, berichtet er.

Die Forstunternehmer kämen bei der Holzernte ständig in Konflikt mit Touristikern, die in Waldhäusern Gäste beherbergen wollten. Im Emmental hingegen sorgt der regionale Waldplan dafür, dass die Interessen aller am grünen Tann interessierten Akteure berücksichtigt und aufeinander abgestimmt werden.

Viele Ansprüche

Zum letzten Mal führte Walter Marti, der ehemalige Leiter der Waldabteilung 4 (Emmental) diese Woche ausländische Gäste durch die Region. Er wollte ihnen vor Augen führen, welche Funktionen der hiesige Wald erfüllen muss. Und mit welchen Massnahmen wer dafür zu sorgen hat, dass er Holz liefert, der Erholung dient und gleichzeitig ein Hort der Biodiversität bleibt.

Welche Aufgaben er wo vordringlich erfüllen soll, ist in besagtem Plan definiert. Dort steht etwa, dass der Wald den steilen Hang oberhalb der Bahnstrecke zwischen Emmenmatt und Schüpbach vor Rutschen schützen soll. Also habe man hier schräg stehende und Bäume mit wenig tiefem Wurzelwerk in einem sogenannten Schutzwaldprojekt herausgeholt.

Anschauungsunterricht

Hinter Trubschachen wurden 2012 und 2015 ebenfalls von der öffentlichen Hand finanzierte Schutzwaldprojekte realisiert. Das Resultat zeigt Walter Marti nun der mazedonischen Delegation, die im Rahmen eines vom Bund finanzierten Helvetas-Projekts mit den Schweizern in Kontakt kam.

Hier soll der Wald ­gemäss Plan weniger vor Hangrutschen schützen als vor Steinschlag. Denn auf der unten vorbeiführenden Staatsstrasse verkehren laut Marti täglich 7500 Autos. Gleich daneben liegen die Bahnschienen, auf denen pro Tag 76 Züge fahren.

«Wenn es rutschen will, rutscht es.»Walter Marti, pensionierter Leiter Waldabteilung 4

Weil der Hang steil und das Holzen gefährlich ist, hätten die privaten Waldbesitzer hier 50 Jahre lang «nichts gemacht», erklärt Marti seinen osteuropäischen Gästen. Er weist auf einen 40 Meter breiten Streifen oberhalb der Strasse, auf dem man sämtliche Bäume entfernt habe, damit kein Stamm mehr auf die Strasse fallen könne.

Weiter oben wurde so ausgeholzt, dass wieder Licht in den Wald fällt und Junges nachwachsen kann. Ziel sei es gewesen, einen Wald zu erhalten, in dem auf einer Hektare 400 mindestens 16 Zentimeter dicke Bäume stehen. Wo dies nicht der Fall war, wurden Stämme quer zur Strasse in den Hang gelegt, damit diese allfällig loses Geröll auffangen. Nun sollten Strasse und Bahntrassee vor Steinschlag sicher sein.

Regen, bis es rutscht

«Doch ein Förster kann nicht alles voraussehen», sagt Marti. Niemand konnte ahnen, dass genau in diesem Gebiet während eines Gewitters innerhalb einer Stunde 90 Millimeter Regen fallen würde. Vorige Woche ist es passiert. Eine Schlammlawine ergoss sich den Abhang hinunter auf die Strasse.

Gemäss der Website der Gemeinde Trubschachen wird der Verkehr seither einspurig geführt. Doch Walter Marti staunt, als er seine Gäste bis zur Abrissstelle führt: Bereits sind unterhalb und oberhalb des Wanderweges Schutznetze gespannt, die das rutschige Material bremsen und zurückhalten sollen. Der Wanderweg bleibe aber weiterhin gesperrt, schreibt die Gemeinde.

«Wie sie dieses Problem langfristig lösen wollen, weiss ich nicht», sagt der pensionierte Fachmann und betont, dass der Rutsch mit den getroffenen waldbaulichen Massnahmen nichts zu tun habe: «Wenn es rutschen will, rutscht es. Ein gewisses Risiko bleibt immer.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 16.06.2018, 07:11 Uhr

Walter Marti

In mindestens 60 Nationen dieser Welt gibt es Leute, die dank dem Langnauer Forstingenieur Walter Marti wissen, wie naturnaher Waldbau funktioniert. Praktika hatten ihn nach dem Studium an der ETH zuerst ins französischsprachige Neuenburg und danach nach Südafrika geführt. Seine Französisch- und Englischkenntnisse hätten ihm dann viele Türen geöffnet, sagt er. Und weil Marti hinter der Schweizer Forstwirtschaft eine Erfolgsgeschichte des naturnahen Waldbaus sieht, hat er auf ehrenamtlicher Basis immer wieder Gruppen zum praktischen Anschauungsunterricht in Emmentaler Wälder geführt und im Ausland über die hiesigen ­Erfahrungen referiert.
Von 1982 bis 2013, als er als Leiter der für das Emmental zuständigen Waldabteilung pensioniert wurde, habe er etwa 160 ausländische Gruppen empfangen. Seither kamen eine ganze Reihe weiterer Besuche (auch von der UNO) hinzu. Die Gruppe aus Mazedonien ist die letzte, die der 67-Jährige durchs Emmental führte. Ob weitere Auslandeinsätze folgen, ist für Walter Marti noch offen. Sie brachten ihn unter anderem bis nach Ruanda, Japan, Peru, Bhutan und ­Kirgistan.sgs

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