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Der unscheinbare Weiler hat es in sich

Ernst Schmutz hat sein ganzes Leben in Hub verbracht. Und er hat an der Unternehmungslust, die ihm als Junge viele Abenteuer bescherte, nichts eingebüsst.

Bei Ernst Schmutz ist immer etwas los. Der Schreinermeister hat das Flobert weggestellt und braut jetzt sein eigenes Bier.
Bei Ernst Schmutz ist immer etwas los. Der Schreinermeister hat das Flobert weggestellt und braut jetzt sein eigenes Bier.
Marcel Bieri

Wenn man von Krauchthal auf der Hauptstrasse via Bolligen nach Bern fährt, durchquert man irgendwann eine Ansammlung von Häusern ohne wahren Kern. Das ist der Weiler Hub. Am Fusse des Bantigers liegt die letzte Bastion des Emmentals, bevor man über die Stockerehöchi in den periurbanen Raum rund um Bern gelangt.

Dass der Weiler kein eigentliches Zentrum hat, ist nicht weiter verwunderlich, wenn man bedenkt, dass Hub nie eine selbstständige Gemeinde war. Gemäss Wikipedia wurde der Weiler erstmals 1329 erwähnt und formte mit Hettiswil und Krauchthal eine agrikulturelle Kooperative, mit dem Zweck, Wald abzuholzen.

So sieht er aus: Der Weiler Hub von oben. Bild: Thomas Peter
So sieht er aus: Der Weiler Hub von oben. Bild: Thomas Peter

Einer, der sich mit der Geschichte Hubs auskennt, ist Ulrich Zwahlen, der Leiter des Ortsmuseums Krauchthal. Leben sei schon länger vorhanden gewesen in der Gegend, so Zwahlen. Auf der Fluh, die heute das Huber Wappen ziert, stand im frühen Mittelalter eine Burg. Die Ruinen seien nicht mehr zu sehen, was aber der Nachwelt erhalten geblieben sei, sei ein Sodloch, erklärt Zwahlen, ein Brunnen, der ins Grundwasser reicht.

Der geheime Tunnel

Noch besser als Zwahlen kennt sich Ernst Schmutz in Hub aus, denn er hat sein ganzes Leben im Weiler verbracht. «Für uns Jungs hatte dieses Sodloch immer so eine magische Anziehung», sagt er. «Meine Freunde und ich hörten Geschichten von einem möglichen Quereinstieg in den Schacht des Brunnens.»

Eines Nachmittags, sie seien ungefähr zwölfjährig gewesen, zogen sie los. «Denn wir dachten, den Eingang endlich ausgemacht zu haben.» Im Tal, in der nähe der Fluh, habe ein uraltes, schon halb verlottertes Bauernhaus gestanden, in dem ein kurliger alter Mann gewohnt habe. An diesem Nachmittag sollte das Haus leer stehen, meinten sie. Auf der Suche nach dem Tunnel hätten sie sich Zutritt verschafft.

«Doch als wir endlich drin waren, stand das Haus eben nicht so leer wie vermutet. Es folgte eine Standpauke sondergleichen – und den Zustieg hat bis heute noch niemand gefunden.» Es sind Geschichten wie diese, mit denen «Aschi» einen sofort in seinen Bann ziehen kann.

Abenteuer auf der Müllhalde

Aber der Mann kann nicht nur Geschichten erzählen, sondern auch anpacken. Seit 1990 führt Ernst Schmutz in seinem Elternhaus eine Schreinerei. «Am Anfang habe ich hartes Brot gegessen», sagt der Chef, der heute drei Vollzeitangestellte beschäftigt und Lehrlinge ausbildet. Er ist einer der wenigen Arbeitgeber im Weiler. Neben einem Metallbauer gibt es nur noch einen Muldenservice und eine kleine Firma, die mit Druckwaren handelt.

Die grosse Mülldeponie auf der anderen Seite des Baches steht auf Bolliger Boden. «Für uns Buben war die Müllhalde mehr Ersatzteillieferant für Velos als ein Abstellplatz.» Oft seien sie hingegangen, hätten gesucht, was abzuschrauben war, und sich mit dem Nötigen eingedeckt. «Und wenn man schon dorthinging, konnte man auch gleich das Flobert mitnehmen.» Kühlschränke und Fensterscheiben hätten gute Zielscheiben abgegeben.» Ihnen sei nie langweilig gewesen, sagt der Familienvater.

Weniger Freude mag im Weiler aber die Kehrichtverbrennungsanlage auf Bolliger Boden bereitet haben. Die Gemeinde auf der anderen Seite des Bantigers mochte sich herzlich wenig um die Anlage oder deren Emissionen geschert haben. Stattdessen mussten sich die Bewohner von Hub damit abfinden. Es sei nicht gefährlich, hätten die Verantwortlichen damals gesagt, erinnert sich Schmutz. «Aber im Winter, wenn Schnee lag, waren die Baumkronen auf den Hügeln alle schwarz.» Heute wird kein Kehricht mehr verbrannt, sondern die Schlacke aus der Anlage in Zuchwil gelagert.

Der Verein

Für Gemeinsamkeit sorgte in Hub die Schule. Diese hat eine interessante Geschichte: In früher Zeit schon gab es in Krauchthal eine zentralisierte Schule, in der alle Kinder der zugehörigen Weiler unterrichtet wurden. Im Gegensatz zu heutigen schulpolitischen Entscheidungen wurde in Hub dann aber eine neue Schule gebaut. «Die Klassen in Krauchthal bestanden zum Teil aus vierzig bis fünfzig Kindern», sagt Ulrich Zwahlen, und: «Es gab einige sehr kinderreiche Familien in Hub, welche das neue Schulhaus fast im Alleingang füllten.»

Als sich das änderte, füllten Kinder aus den neu überbauten Zonen die Schulbänke. In den 1990er-Jahren wurde das Gebiet Brünnliacker unter der Hardegg, wo Schmutz’ Elternhaus und Schreinerei stehen, mit Einfamilienhäusern überbaut. Also am Hang, wo er als Junge noch beim Heuen geholfen hatte. Dank den neu hinzugezogenen Familien konnte die Schule bis zur Jahrtausendwende am Leben erhalten werden. Diese Familien sind auch die Letzten, die die Reihen des Vereins der ehemaligen Hub-Schüler füllen. Seine Mitglieder treffen sich jedes Jahr zu einer Versammlung im Restaurant Laufenbad und schwelgen in Erinnerungen.

Das Bier von hier

Mit einem seiner ehemaligen Mitschüler trifft sich Ernst Schmutz aber häufiger. Zusammen verfolgen sie ein nicht alltägliches Hobby: Sie brauen das Bier Hardeggerperle. Der Name ist angelehnt an den Ort, wo Schmutz’ Elternhaus steht, wo notabene auch der erste Brauversuch unternommen wurde. «Das Ganze entstand aus einem Geburtstagsgeschenk», erzählt Schmutz. Er habe seinem besten Freund Andreas Schöni einen Braukurs im alten Tramdepot in Bern geschenkt und ihn dahin begleitet.

Aus dem einmaligen Kurs wurde ein mehrjähriges Projekt. Sein nun zwölf Jahren gibt es die Hardeggerperle als offiziell registrierte Brauerei. «Wir waren 2006 eine von 120 Brauereien in der Schweiz, heute gibt es über 1000», sagt Schmutz. Das Bier wird aber nur im Volg in Krauchthal verkauft. Es sei nicht dazu da, Geld zu verdienen, sondern vielmehr zur Zelebration der Braukunst. «Wir wollen kein Standardbier herstellen, das immer denselben Geschmack hat. Unser Bier hat Charakter und spricht wahre Liebhaber an.» Schmutz und sein Freund versuchen dabei, mit so vielen lokalen Zutaten wie möglich zu arbeiten.

Ob auf der Suche nach geheimen Tunneln, beim Sammeln von Ersatztteilen für das Velo oder bei Zielübungen auf der Müllhalde. Ob als selbstständiger Unternehmer oder Hobbybrauer; «Aschi» hat in Hub vieles bewerkstelligt und macht den Weiler ohne Kern zu einem erwähnenswerten Ort.

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