Der Lokführer, der von der Rolle war

Schafhausen

Der Führer eines BLS-Zuges verpasste den Bahnhof Schafhausen und bat die Passagiere, ins Dunkle auszusteigen.

Als der Zug zum Stehen kam, war vom Bahnhof Schafhausen nichts mehr zu sehen. Bild: Google Street View

Ein ganz normaler Dienstag war es nicht – erst recht nicht für die Bahnpassagiere. Weil die Neubaustrecke Olten–Bern wegen einer Störung an der Bahnanlage den ganzen Tag gesperrt war, liessen die SBB sämtliche Züge via Langenthal und Burgdorf nach Bern fahren. Die Strecke war dermassen überlastet, dass die Interregiozüge IR 17 – zum Beispiel 19.07 Uhr ab Burgdorf – nicht verkehrten.

Aber auch auf die BLS war am letzten Dienstag kein Verlass, jedenfalls nicht am Abend. Der Lokomotivführer, der den Regio 19.25 Uhr ab Burgdorf in Richtung Thun pilotierte, erwischte wahrlich nicht seinen besten Tag. Bis zur Station Hasle-Rüegsau verlief die Fahrt noch ereignislos. Doch dann, oha lätz, liess die Konzentration des BLS-Mannes nach. In Schafhausen hielt er seinen Zug zwar an, doch von der Station, geschweige denn von einem Perron, war weit und breit nichts zu sehen.

Nichts mehr zu sehen, müsste man sagen. Der Lokführer, der zuvor hoffentlich nicht eingenickt war, orientierte die Passagiere per Lautsprecherdurchsage, dass er zwar zu weit gefahren sei, die Türen aber trotzdem öffne. Die Reisenden sollten deshalb achtgeben, wenn sie in die Dunkelheit hinaus auf den Schotter hinunterspringen würden.

«Das isch doch e Tubu», rief da eine nicht mehr ganz junge Frau durch den Wagen. Eine wenig schmeichelnde Bemerkung, die der Lokführer leider nicht hören konnte. Denn ein Sprung auf das etwa einen Meter tiefer liegende Trassee war der Dame weder zuzumuten noch möglich. Zu hoch und zu gefährlich wäre der Ausstieg ins Nichts gewesen.

Und auch die Zeit für ein allfälliges Hinunterklettern hätte nicht gereicht. Der Mann im Führerstand hatte es eilig. Zu eilig. Oder wollte er die verlorene Zeit aufholen, damit jene Passagiere, die in Schafhausen nicht auszusteigen imstande waren, in Walkringen auf den Gegenzug in Richtung Hasle hätten umsteigen können? Dies jedenfalls plante die Dame, nachdem sie sich etwas beruhigt hatte.

In Walkringen angekommen, sprang sie flugs aufs Perron, um den Gegenzug zu erhaschen. Doch die Kluge hatte ihre Rechnung ohne den fehlbaren Lokführer gemacht. Dieser schien so komplett von der Rolle zu sein, dass er seinen Kollegen im Zug in Richtung Hasle nicht über die allenfalls wieder zurückfahrenden Reisenden informiert hatte.

So kam es, wie es kommen musste, wenn man oder eben frau richtig Pech haben soll: Der Zug nach Schafhausen setzte sich in ­Bewegung. Ohne Dame. Urs Egli

Berner Zeitung

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