Rüderswil

Der letzte Gärtner

RüderswilDer Beruf des Totengräbers gehört seit über 200 Jahren zur Familie. Es ist eine lange Tradition, die mit der Pensionierung von Peter Wälti zu Ende geht. Den 67-Jährigen stört das aber überhaupt nicht.

Die, die hier liegen, hat Totengräber Peter Wälti fast ausnahmslos gekannt.

Die, die hier liegen, hat Totengräber Peter Wälti fast ausnahmslos gekannt. Bild: Thomas Peter

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Wenn es für Peter Wälti einmal zu Ende gegangen sei, wolle er «einen letzten Schwumm die Maggia hinab» machen, wie er sagt. Seine Asche soll in jenem Tessiner Tal ausgeschüttet werden, das er seit 1978 immer wieder besucht und ihm viel bedeutet. «Aber grundsätzlich – das ist meine persönliche Meinung – sollte es Sache der Hinterbliebenen sein, zu entscheiden, was mit den Verstorbenen geschehen soll.»

Der Friedhof Rüderswil liegt am Dorfrand auf offenem Gelände unweit der Kirche. Er ist nicht besonders gross und wirkt sehr aufgeräumt. Es gibt ein Dutzend Laub- und Nadelbäume, eher schlichte Grabsteine, nur wenige Kreuze. Der Blick geht von hier aus weit ins obere Emmental ­hinauf. Das Gemeinschaftsgrab liegt in der Mitte und ist ein kleiner, von Sträuchern umringter Hügel.

Schon der Ururgrossvater

Peter Wälti ist heute 67 Jahre alt. 33 Jahre lang war er im Nebenamt der Totengräber und Friedhofgärtner der Gemeinde. 700 Bestattungen hat er in all der Zeit vorgenommen. Auf Ende 2017 ging er in Pension.

Für Peter Wälti hatten Friedhöfe nie etwas Einschüchterndes. Der Tod war immer etwas Natürliches. «Ich bin sozusagen auf dem Friedhof aufgewachsen», sagt er. Denn vor ihm war auch schon sein Vater, sein Grossvater, sein Urgrossvater und wohl auch sein Ururgrossvater Totengräber.

«Quasi aus Trotz habe ich Spengler gelernt.»Peter Wälti

Wie lange dieser Beruf bereits Teil der Familiengeschichte ist, weiss Peter Wälti nicht genau. «Aber 200 Jahre mindestens», sagt er. Davon zeugen auch drei in Backpapier eingefasste Bücher, die er mitgebracht hat. Von Generation zu Generation weitergereicht, sind darin alle Begräbnisse seit 1878 aufgelistet. Fein säuberlich sind Vor- und Nachname, Wohnort, Grabnummer und früher auch der Beruf der Verstorbenen vermerkt.

Der Vater habe ihn und seine Brüder schon als Kind immer auf den Friedhof mitgenommen. Sie mussten mit anpacken bei den Gartenarbeiten, dann und wann sogar selber zur Schaufel greifen und den ersten Meter eines Grabes ausheben.

«Ein schöner, grosser Garten»

Peter Wälti wurde aber nicht dazu gezwungen, diese eigentümliche Familientradition weiterzuführen. Der Vater hätte ihn zwar schon gerne als Landschaftsgärtner gesehen. «Quasi aus Trotz habe ich aber Spengler gelernt», sagt Wälti. Einen Beruf, den er auch ein ganzes Leben lang ausgeführt hat.

Dass er dann doch in des Vaters Fussstapfen getreten ist, hat damit zu tun, dass ein Totengräber eben vor allem eine Kombination aus Abwart und Gärtner ist. Und Letzteres hatte es ihm schon immer angetan. «Gärtnern war immer ein Hobby von mir», sagt er. «Für mich ist der Friedhof vor allem ein grosser, schöner Garten, wo ich meiner Kreativität freien Lauf lassen kann.»

«Danach ist einfach nichts. Deshalb sollte man Blumen besser zu Lebzeiten verschenken.»Peter Wälti

1985 trat er die Nachfolge an. Was der Vater noch mit der Schaufel tun musste, dafür gibt es inzwischen entsprechende Maschinen. Als er übernahm, zählte der Friedhof gut 200 Gräber. Heute sind es noch knapp 100. «Erdbestattungen sind rar geworden», sagt Peter Wälti. Heute wollten sich die Leute lieber kremieren lassen und wählten öfter gleich das Gemeinschaftsgrab. Im Schnitt sind es rund zwanzig Begräbnisse pro Jahr auf dem Friedhof Rüderswil. Davon sind vielleicht noch drei bis vier Erdbestattungen.

Erinnerungen kommen hoch

Peter Wälti hat fast alle Menschen, die jetzt auf dem Friedhof Rüderswil ihre letzte Ruhe gefunden haben, gekannt. Einige sogar sehr gut. Bei einem Spaziergang erzählt er von ihnen. Von Fritz Siegenthaler etwa, seinem ehemaligen Nachbarn, der drei Jahrhunderte und zwei Jahrtausende erlebt hat. Auf dem Grabstein stehen die Lebensdaten: 1897 bis 2002.

Oder er erzählt von dem Familiengrab, auf dem seit über 30 Jahren nur ein Name steht. Oder von dem Pärchen, das am selben Tag starb, die Frau nur wenige Stunden nach dem Mann. Oder andersrum.

An ein Leben nach dem Tod glaubt Wälti nicht. «Danach ist einfach nichts», sagt er. «Deshalb sollte man Blumen besser zu Lebzeiten verschenken.» Sie ins Grab zu werfen, bringe eigentlich niemandem etwas.

«Ich bin sozusagen auf dem Friedhof aufgewachsen.»Peter Wälti

Gesehen hat Wälti viel in seinem Leben. Opfer von grausigen Unfällen etwa, Todesfälle von Freunden und Bekannten. «Wenn jemand ein gewisses Alter hat und stirbt, kann ich damit umgehen», sagt er. «Wir alle müssen einmal gehen.» Zu schaffen machten ihm aber überraschende, frühe Todesfälle. Solche von Kindern beispielsweise ganz besonders. «Das nagt dann noch lange an mir.»

Etwas geht zu Ende

Mehr als 200 Jahre lang war der Beruf des Totengräbers in der Familie Wälti. Jetzt stirbt diese Tradition aus. Denn inzwischen hat Verena Brunner aus Lützelflüh den Posten übernommen. Peter Wältis Töchter wollten nicht. Für die ältere der beiden sei es zwar noch eine Option gewesen. «Aber so richtig überzeugt war sie nicht», sagt er.

Und Vater Wälti wäre dann doch nur immer wieder auf dem Friedhof anzutreffen gewesen. Nein, das wollte er nicht, denn: «Es ist gut, wenn Dinge einmal zu Ende gehen.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 09.02.2018, 09:27 Uhr

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