Langnau

Der Kuhhandel spürt keine Dürre

LangnauAlle hatten einen Katzenjammer erwartet. Doch trotz der Trockenheit lief es für Landwirte, die gestern an der Nutz- und Zuchtviehauktion eine Kuh verkaufen wollten, überraschend gut.

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«Wenn heute einer eine Kuh kauft, ist ihm nicht mehr zu helfen.» Das habe er beim Frühstück zu seiner Frau gesagt, erzählt ein Landwirt. Eben tritt er aus der Markthalle in Langnau. Dort hat er gerade miterlebt, dass ganz vielen Bauern «nicht mehr zu helfen» ist. Sie haben Kühe und Kälber gekauft, als wäre nichts gewesen.

Als hätte die Sonne nicht wochenlang alles ausgetrocknet, als hätte der Regen nicht viel zu lange auf sich warten lassen und als wäre das Futter nicht knapp geworden. «Der Markt läuft normal», sagt auch Alfred Zaugg, der die Nutz- und Zuchtviehauktion für den Emmentalischen Fleckviehzuchtverband organisiert hat. Auch er ist erstaunt ob dem «guten Besucheraufmarsch».

Kein Kalb für Sutter

Dass so viele Kaufinteressenten kommen würden, hätte in der Markthalle niemand erwartet. Nicht Landwirte wie der Langnauer Gemeindepräsident Walter Sutter, der mit der Absicht gekommen war, ein Kalb zu kaufen, jetzt aber ohne nach Hause zurückkehrt, weil ein anderer mehr zu zahlen bereit war. Auch nicht Simon Langenegger. Er hatte sich am Morgen auf einen anderen Geschäftsgang eingestellt. Mit vier Kühen ist er von der Langnauer Ey in die Markthalle gereist.

Das Datum war von langer Hand geplant, denn Langenegger will die Milchproduktion aufgeben. Angesichts des Überangebots beim Schlachtvieh und der Preise, die innert kürzester Zeit in den Keller sanken, war der Bauer überzeugt, den schlechtesten Zeitpunkt gewählt zu haben. Aber es läuft gut im Ring. Und das kann nicht allein an SVP-Nationalrat Andreas Aebi liegen, der die Preise als Gantrufer in die Höhe zu treiben versucht, indem er etwa vom «schönsten Euter auf Platz» schwärmt und Sätze sagt wie: «Diese Familie hat noch nie Gfotz verkauft.»

Falsch gepokert

Die Verkaufspreise übersteigen den im Vorfeld geschätzten Wert regelmässig um ein paar Hundert Franken. Die Kuh mit dem «schönsten Euter» wechselt statt für den Mindestpreis von 3500 Franken für 3850 Franken den Besitzer. «Über das Ganze gesehen wurden meine Erwartungen übertroffen», fasst ein zufriedener Langenegger zusammen.

Der eingangs erwähnte Bauer will seinen Namen nicht in der Zeitung lesen. Wenn er gewusst hätte, wie gut der Markt in Langnau trotz allem läuft, hätte er zwei Tiere hier zum Verkauf angeboten. Zwei Kühe, die in einem Zuchtbetrieb weiter leben und Milch produzieren würden.

«Aber ich hatte Angst, ich würde sie hier verschenken», sagt er. Stattdessen hat er zwei andere Kühe für den Schlachtviehmarkt angemeldet, der nächste Woche stattfinden wird. «Das bereue ich jetzt stark.» Aber die Trockenheit zwinge ihn dazu, Tiere abzustossen, das Futter reiche nicht mehr.

Wegen der Spezialisierung

Jetzt stellt der Züchter fest, dass die Milchkühe offenbar rar geworden seien. Und das, so erklärt er es sich, hänge wohl mit den unterschiedlichen Strategien zusammen, die die Bauern fahren. Immer häufiger komme es vor, dass sich Landwirte aufs Melken konzentrieren und die Milchviehzucht aufgegeben hätten.

Ihre Kühe würden sie mit einer Rasse einkreuzen, die sich nicht für die Milch- sondern für die Fleischproduktion eigne. Dann würden sie die Kälber in für die Ausmast spezialisierte Betriebe verkaufen und zum Melken reife Kühe kaufen. Damit lasse sich gutes Geld verdienen.

«Diese Familie hat noch nie Gfotz verkauft.»Andreas Aebi, Auktionator
(und SVP-Nationalrat)

Weil diese «Abmelkbetriebe» gerade in der Ostschweiz verbreitet seien und das Emmental landesweit als Viehzuchtgebiet einen guten Namen habe, kämen in der Regel viele Viehhändler aus der Ostschweiz nach Langnau, erzählen die Bauern. Doch diesmal fehlen sie – wohl weil es dort besonders trocken ist. Dafür seien viele Käufer aus dem Luzerner Hinterland und Obwalden anwesend, weiss Alfred Zaugg.

«Weidegang als Therapie»

Auch Niklaus Leuenberger aus Wyssachen will zwei Kühe verkaufen. Nicht aus Not, sondern weil er sich auf die Viehzucht spezialisiert hat und jeden Monat mit Ware an die Auktion nach Langnau fährt. Der gute Geschäftsgang überrascht auch ihn. Trotzdem hat er eine Erklärung. Wer seine «Metzgkühe» bereits verkauft habe und auf die Milchproduktion setze, müsse genau jetzt kaufen.

Denn nun komme die Saison, in der die Milch wegen des Futters – wenn auch heuer mit Abstrichen – am meisten Gehalt aufweisen werde. Und das wirke sich positiv auf den Milchpreis aus. Zudem, gibt der Landwirt zu bedenken, gebe es Betriebe, die das ganze Jahr hindurch Gras- und Maissilage füttern. «Für deren Kühe ist der Weidegang bloss Therapie», sagt Leuenberger. Wie viel Gras sie draussen finden, ist so offenbar weniger entscheidend.

Das dürfte denn auch erklären, warum die angebotenen Mutterkühe an dieser Auktion mehr Mühe haben, neue Besitzer zu finden. Sie müssen sich ihr Futter mehrheitlich selber zusammensuchen. Das dürfte vielerorts schwierig werden. Leuenberger sagt es so: «Jetzt sind die Weiden tot.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 10.08.2018, 18:45 Uhr

Zukunft Markthalle

Mitten im Markttreiben liess sich Paul Hirsbrunner gestern von den Auktionatoren das Mikrofon überreichen. Er ist Mitglied der Projektgruppe Markt- und Reitsporthalle Hübelischachen. Der Gruppe also, die den Umzug der Markthalle Langnau nach Schüpbach plant. Ob dies Realität wird, soll sich am 29. August zeigen. An diesem Tag wird die ausserordentliche Delegiertenversammlung des Markthalle-Verbandes stattfinden, wie Hirsbrunner gestern bekannt gab. Jede Viehzuchtgenossenschaft müsse entscheiden, ob sie aus dem Verband austreten und der Gründung einer Genossenschaft zum Betrieb der neuen Markthalle in Schüpbach zustimmen werde. (sgs)

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