«Der Körper holt sich den Schlaf, den er braucht»

Burgdorf

Schlafprobleme haben offenbar wenig mit dem Kissen zu tun, auf dem der Kopf liegt, aber viel mit dem Kopf selbst. Das zeigte sich an einem Vortrag im Regional­spital Burgdorf.

Martin Weber weiss, was es braucht, damit man erholt aufwacht: Indem man die Verantwortung für den Schlaf aus der Hand gibt.

Martin Weber weiss, was es braucht, damit man erholt aufwacht: Indem man die Verantwortung für den Schlaf aus der Hand gibt.

(Bild: Olaf Nörrenberg)

Schlafprobleme sind weit verbreitet. 25 Prozent der Bevölkerung seien davon betroffen, sagte Martin Weber, leitender Arzt des Psychiatrischen Diensts im Spital Emmental, als er am Standort Burgdorf dazu einen Vortrag hielt. Auch im Emmental ist das Problem offenbar gross, jedenfalls drängten weit über 200 Personen in den Raum. Sie hörten, dass es bloss für ein Fünftel der Schlafstörungen klare körper­liche Ursachen gebe.

Die Mehrheit der Menschen, die über diesbezügliche Probleme klagen ­würden, müssten demnach also eigentlich schlafen können. Sie tun das vielleicht auch, nur nicht in dem Mass, wie sie es erwarten würden. Weber ortet die Probleme mit der Nachtruhe jedenfalls weniger beim Schlaf an sich als vielmehr bei den «ungünstigen Erwartungen» daran. Man wünsche sich, schnell einzuschlafen, acht Stunden tief zu schlummern, schön zu träumen und morgens erholt aufzuwachen.

Unerreichbarer Luxusschlaf

Aber was heisst, «schnell» einschlafen? «Fünfzehn bis dreissig Minuten sind normal», sagte Weber – und räumte gleich mit einem weit verbreiteten Irrtum auf: Der durchschnittliche Mitteleuropäer brauche nicht, wie allseits gepredigt werde, acht Stunden Schlaf, sondern bloss deren sechs. «Alles, was darüber liegt, ist Luxusschlaf. Menschen mit Schlafstörungen können diesen nicht schlafen», machte der Arzt klar. Das «8-Stunden-Dogma» sei deshalb einer entspannten Nachruhe nicht zuträglich, weil es die Menschen verunsichere.

Und dann zur Idee, es spreche für eine ungenügende Schlafqualität, wenn man des Nachts aufwache: «Jeder wacht pro Nacht fünf- bis achtmal für mindestens drei Minuten auf», stellte Weber klar. Der gute Schläfer könne sich am Morgen einfach nicht mehr daran erinnern. Der Mensch, der unter vermeintlichen Schlafstörungen leidet, hingegen schon. «Er schaut auf die Uhr und ärgert sich, dass er nicht schläft.» Dabei könne er sich bloss nicht daran erinnern, soeben geschlafen zu haben.

Fühlt sich ein solcher Mensch am Morgen alles andere als erholt, sei das nicht auf zu ­wenig Schlaf zurückzuführen, es seien vielmehr «Stressfolgeschäden» der falschen Erwartungen.

Der Körper regelt das allein

Den erholsamen Tiefschlaf hole sich der Körper in den ersten drei Stunden, erklärte der Fachmann. Danach folge der Flachschlaf, bei dem man immer wieder kurz aufwache. Für die Erholung sei diese Phase nicht mehr wichtig. Webers Kernaussage lautete: «Der Körper holt sich den Schlaf, den er braucht.» Die Angst, dass man nicht genügend abbekommen könnte, obwohl man im Bett liegt, ist demnach nicht bloss sinnlos, sondern kontraproduktiv.

«Sie müssen den Schlaf nicht kontrollieren, Sie können die Verantwortung dafür an den Körper abgeben», sagte Weber. Gerade wenn man sich auf das Problem versteife, könnten sich Schlafprobleme chronifizieren. Der Arzt rät Menschen, die einen schlechten Schlaf beklagen, ihn zu komprimieren, also später zu Bett zu gehen und früher aufzustehen.

Der Vortrag wird am Standort Langnau des Spitals Emmental wiederholt: Donnerstag, 22. September, um 19 Uhr im Restaurant.

Berner Zeitung

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