Der Flyer-Erfinder tüftelt wieder

Dürrenroth

Dank Philippe Kohlbrenner radeln auch weniger Sportliche die Emmentaler Hügel hinauf, als wärs ein Nichts. Er hatte die Idee für den Flyer. Jetzt produziert er in Häusernmoos ein anderes Elektrovelo. Die Fehler von früher will er vermeiden.

In den Räumen der Waltrigenmühle entstehen Philippe Kohlbrenners ultraschnellen Elektrobikes.

In den Räumen der Waltrigenmühle entstehen Philippe Kohlbrenners ultraschnellen Elektrobikes.

(Bild: Thomas Peter)

Susanne Graf

Sie hörte sich gut an, die Geschichte, die als Ursprung für das Elektrovelo namens Flyer jeweils erzählt wurde. Sein Erfinder habe in Oberburg gearbeitet und auf dem Kaltacker gewohnt. Weil seine Frau so gut gekocht habe, sei er jeden Mittag nach Hause geradelt, was ihm irgendwann zu anstrengend geworden sei. So wurde es erzählt.

Aber Philippe Kohlbrenner weiss, wie es wirklich war: Denn er ist der Mann, der die Idee hatte, mittels Elektroantrieb das Velofahren zu erleichtern. Der technische Kaufmann arbeitete tatsächlich in Oberburg, bei der Jenni Energietechnik AG. Und er wohnte auch wirklich auf Kaltacker. Nachdem er eine Familie gegründet hatte, wollte er nicht mehr wie früher nach Feierabend stundenlang Sport treiben. Wenigstens nutzte er das Velo für den Arbeitsweg.

Er meinte, nach zwei, drei Monaten würde der Aufstieg von Heimiswil nach Kaltacker kein Problem mehr darstellen. Aber dem war nicht so. Und so kam er auf die Idee, seinen Muskeln mit einem unterstützenden Motor Beine zu machen.

Rasanter Start

Kohlbrenner, der auch eine Lehre als Werkzeugmacher und Maurer abgeschlossen hatte, wandte sich an seinen Arbeitskollegen Reto Böhlen. Dieser fuhr täglich mit dem Rennvelo von Mühlethurnen nach Oberburg. Die beiden kauften zwei Velos, statteten diese mit einem Scheibenwischermotor und einer Töffbatterie aus – und fortan machte der Arbeitsweg «henne Spass», wie Kohlbrenner sagt.

«Obwohl es ein furchtbares Fahrzeug war, es ratterte und surrte.» Andere interessierten sich aber auch dafür, liehen sich die Gefährte aus und wollten die Höhen ebenso locker erradeln. Kohlbrenner, Böhlen und der Dritte im Bunde, Christian Häuselmann, hatten kein Geld dafür, eine Produktion zu starten. Aber sie nahmen Bestellungen entgegen von Interessierten, die im Voraus bezahlen mussten. Als sie das Geld für 50 E-Bikes hatten, gründeten sie die BKTech und legten los.

Das war 1995. Zu dritt hatten sie angefangen, innert Kürze wuchs die Firma auf 28 Mitarbeiter. 1996 erhielten sie den mit 100'000 Franken dotierten Jungunternehmerpreis – und wurden damit ins Rampenlicht einer breiten Öffentlichkeit katapultiert. Dank einem Projekt des Bundes half die ETH bei der Weiterentwicklung des Flyers.

Ungeduldige Investoren

Doch die Erfolgsstory erfuhr ein jähes Ende. «Wir hatten die Kommunikation unterschätzt», erinnert sich der damalige Verwaltungsratspräsident. Es sei sehr aufwendig gewesen, potenzielle Händler vom E-Bike zu überzeugen. Kohlbrenner sagt: «Das E-Bike-Erlebnis muss man erfahren, das kann man nicht erklären.» Die Bestellungen seien aus geblieben, die Investoren wurden ungeduldig, und nach schlechtem Frühlingswetter 2001 «zogen sie den Stecker», so Kohlbrenner. Seine Firma ging in Konkurs. Kurt Schär, der damalige CEO der BKTech, kaufte die Velos aus der Konkursmasse und führte den Flyer zurück auf die Strasse des Erfolgs.

Bloss auf Mandatsebene war Kohlbrenner ab und zu noch für Schärs Biketec tätig. Aber er hatte genug davon, sich nächtelang über leere Auftragsbücher und Löhne, die bezahlt sein wollten, Sorgen zu machen. Er fand einen lukrativen Job bei der Firma Ypsomed. «Dort hatte ich sieben Jahre lang eine extrem gute Zeit», sagt er. Doch irgendwann genügte es ihm nicht mehr, jeden Morgen «geschniegelt» zur Arbeit zu fahren. Der Unternehmer in ihm hatte sich zurückgemeldet. Kohlbrenner kündigte und lebte zwei Jahre vom Ersparten.

In dieser Zeit vertiefte er seine Ideen von früher, entwickelte ein neues Antriebskonzept und präsentierte an den Bikedays 2011 in Solothurn, was dabei herausgekommen war: das Speedped. Kohlbrenners neues E-Bike hat keine Kette, es wird über einen Zahnriemen angetrieben, zudem kann der Motor stufenlos zu- oder weggeschaltet werden. «Es hat drei- bis fünfmal mehr Akkukapazität als andere Elektrovelos und dank des geschalteten Motors die doppelte Power am Berg», sagt Kohlbrenner. Der Akku reicht für 200 Kilometer, das Velo fährt bis zu 45 Stundenkilometer. Für Gruppenfahrten über die Herzroute ist das Speedped nicht geeignet. Es ist zu schnell.

Ein Lehrling, zwei Angestellte

Kohlbrenner hat also wieder ein Unternehmen gegründet. Er wohnt immer noch auf dem Kaltacker, seine neuen Velos setzen er, zwei Angestellte sowie ein Lehrling aber in der ehemaligen Waltrigenmühle bei Häusernmoos zusammen. Der Velopionier hat das Haus vor drei Jahren gekauft und fabriziert nun in dem uralten Gewerbebetrieb moderne Elektrovelos.

Doch Kohlbrenner hat aus den gemachten Erfahrungen gelernt. Werbung macht er keine für sein neues Produkt. Er will langsam wachsen, ihm genügt die Mundpropaganda. Ein Velo geht erst in Produktion, wenn es bezahlt ist. So komme er ohne Fremdkapital aus, sei keiner Bank und keinem Investor verpflichtet. «Mit der BKTech waren wir zum Erfolg verdammt.» Das möchte Kohlbrenner nicht noch einmal erleben.

Berner Zeitung

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