Der besinnliche Teil der Solätte

Burgdorf

Fast jeder hat seine ganz eigenen Solätte-Geschichten. Die 287. Ausgabe der Solennität war für den Autor eine ohne Bier, dafür mit feuchten Augen.

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Martin Burkhalter@M_R_Bu

Reinweiss, Blumenweiss, Geisterweiss, Eierschale, Elfenbein. Erst wenn man am letzten Montag im Juni in der Burgdorfer Stadtkirche sitzt, wird einem bewusst: Weiss ist nicht gleich weiss. Und eine Solätte ist auch nicht gleich eine Solätte, auch wenn sie bereits zum 287. Mal stattfindet. Sie ist es schon deshalb nicht, weil man auch selber nicht mehr derselbe ist. Man ist älter ­geworden.

Die Zeit vergeht

Pfarrer Manuel Dubach brachte es auf den Punkt, als er am Montagmorgen an der Kirchenfeier seine Ansprache über die «Jungen von heute» hielt und sie mit einem ­Zitat von Salvador Dalí schloss: «Das grösste Übel der heutigen Jugend besteht darin, dass man nicht mehr dazugehört.»

Die alljährlich wiederkehrende Solennität ist quasi ein Fanal der Vergänglichkeit. Sie erinnert eben auch immer wieder daran, dass die Zeit vergeht, dass Jüngere nachrücken. Vielleicht ist das der Grund, weshalb jeder Emmentaler, jede Emmentalerin, seine beziehungsweise ihre ganz eigene Solätte-Geschichte hat und auch gerne davon erzählt, wie es war, als man noch jung war.

Und auch der, der hier die Feder führt, hat eine solche Geschichte und fortan endlich eine zweite, schönere, vorteilhaftere. Zwischen den beiden liegen genau fünfzehn Jahre. Die Erste ist schnell erzählt. Und dies nicht nur, weil sie schon so lange her ist, sondern weil vieles im Dunkeln geblieben war. Der Solätte-Besuch 2003 des Oberemmentalers begann auf der Brüder-Schnell-Terrasse um die Mittagszeit mit einem Becher Bier. Und sie endete um drei Uhr morgens in einem feuchtkalten, dunklen Keller auf einem harten Sofa und einer dünnen Decke.

Was dazwischen so alles passiert ist und wessen Keller es war, ist bis heute ein ungelöstes Rätsel. In Erinnerung geblieben ist nur, dass der junge Mann zittrig und halb erkältet dann um kurz nach sechs Uhr morgens mit dem Zug zurück ins obere Emmental fuhr, in seinem Lehrbetrieb pünktlich einstempelte und dann acht Stunden lang kämpfte – ja, um sein Überleben kämpfte.

Nasse Augen

Fünfzehn Jahre später sitzt derselbe Mensch also um 9 Uhr morgens in der Stadtkirche in Hemd und Blazer und ist ganz entzückt von den blumenbekränzten lächelnden Mädchen, die durch die Kirche defilieren. Er amüsiert sich über die ernsten Gesichter der Jungen mit den oft zur Igelfrisur gegelten Haaren und dem sichtlichen Unwohlsein in den weissen Hemden. Er wird blendend unterhalten von den Eltern, die wie Erdmännchen abwechselnd von den Kirchenbänken aufschiessen, um mit den Handys den grossen Moment ihrer Sprösslinge festzuhalten. Er muss über das hinkende Rhythmusgefühl des Chors lächeln.

Er ist aber auch ganz gerührt von den Neuntklässlerinnen Célina Hertig und Laura Schmid, die in ihrem Vortrag erzählen, wie sie so waren, diese letzten neun Jahre. Wie sie 2009 mit grossen, aber leeren Rucksäcken angefangen hätten und diese sich nach und nach mit Erfahrungen, Erlebnissen, Wissen hätten füllen können. Wie sie berichten, welche Ängste sie durchmachten. Dass es manchmal schwierig war in der Schule, aber immer eben auch gut. Wie sie Freundinnen fanden und wie schön das war, plötzlich gemeinsame Wege zu gehen.

Und ihm treibt es dann sogar die Nässe in die Augen, als diese beiden jungen Frauen am Ende ihrer Schulzeit in wunderbarster Aufrichtigkeit ihren Lehrern, aber vor allem ihren Eltern danken, dafür, dass sie immer für sie da gewesen sind.

«Der sinnliche Teil»

«Das war der besinnliche Teil der Solennität», sagt Pfarrer Dubach noch. «Jetzt geht es hinüber zum Sinnlichen.» Danach greift die Organistin in die Tasten, die stolzen Eltern erheben sich, die Frauen hängen sich bei den Männern ein und schreiten langsam in einen schönen Sommertag hinaus. Auf dem Kirchplatz sitzen zwei junge Männer auf der Mauer, sie sind keine achtzehn Jahre alt und prosten sich mit ihren Bierflaschen zu. «Das Wunderbare am Menschen ist», so schrieb Wilhelm Raabe, «dass er wohl derselbe bleibt, aber nicht der gleiche.» Zum Glück.

Nach der Kirchenfeier folgt am Nachmittag traditionell der Umzug in Richtung Schützenmatt. Video: Chantal Desbiolles

Berner Zeitung

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