Das neue Emmentaler Selbstverständnis

BZ-Redaktor Markus Zahno kommentiert den Saisonstart der SCL Tigers.

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Markus Zahno

Testspiele vor der Hockeysaison sagen wenig bis nichts aus. Wenn dein Team verliert, weisst du als Zuschauer nicht, ob die Spieler im Training grad schuderhaft geschlaucht werden und deshalb auf den Felgen sind. Wenn dein Team dagegen gewinnt, weisst du nicht, was der Gegner alles ausprobiert hat. Keine Ahnung. Deshalb nahm ich mir irgendwann vor, keine Testspiele mehr zu besuchen. Nur noch ins Stadion zu gehen, wenn es ernst gilt. Wenn die Meisterschaft begonnen hat.

Aber am Sonntag habe ich es nicht mehr ausgehalten.Es zwickte der grosse Zeh, es juckte der kleine Finger – ich musste einfach hingehen zum Testspiel der SCL Tigers gegen das schwedische Team Rögle BK. Und als ich in der Ilfishalle ankam, war meine Überraschung gross.

Über 2000 Zuschauer kamen zu diesem Mätschli, in dem es um nichts, rein gar nichts ging. Sie alle mochten nicht mehr warten, bis die Tigers nächsten Freitag in die Meisterschaft starten. Sie mussten ihre Aufstiegshelden vorher sehen.

Die Euphorie im Emmental ist gewaltig. Laut Tigers-Präsident Peter Jakob dürften bald 4400 Saisonabos verkauft sein – der höchste Wert seit der Vereinsgründung vor 69 Jahren. «Egal, wohin man kommt: Alle plangen darauf, dass es endlich losgeht», sagt Jakob.

Natürlich weiss er, dass die erste Saison nach dem Aufstieg eine schwierige wird. Dennoch erklärt er selbstbewusst: «Wir sind nicht in die NLA zurückgekommen, um bloss ein bisschen mitzutun.» Die Langnauer wollen in die Playoffs.

So gesehen hat der Abstieg vor zwei Jahren sein Gutes gehabt. In der NLB lernten die Tigers wieder gewinnen, und der Aufstieg zurück in die NLA hat ein neues Selbstverständnis ins Emmental gebracht. Vorbei ist das Lamentieren, das vor den letzten paar NLA-Saisons jeweils zu hören war, von wegen: «Wir sind so arm, und die anderen Klubs haben so viel Geld.»

Heuer lautet das Motto: «Denen zeigen wirs.» Das bestätigt Fanclub-Präsident Bruno Wüthrich. Das bestätigt der Langnauer Gemeindepräsident Bernhard Antener. Und das bestätigt ein Gespräch mit einem Kollegen, der sich seit dem Aufstieg übrigens den Bart wachsen lässt.

Ich erzählte etwas vom Saisonziel Ligaerhalt, als er konterte: «Wir müssen die Ziele höher stecken. Sonst verbringen wir die nächsten Saisons dauernd im Abstiegskampf und sind bald gleich dran wie Rapperswil.» Mein Kollege, ganz euphorisch, redete sich in Fahrt: Wenn alles passe und noch etwas Glück dazukomme, könne eines Tages sogar der Meisterkübel wieder ein Thema werden. Nicht der NLB-Meisterkübel. Nein, der NLA-Meisterkübel.

Natürlich wäre es die wohl grösste Sensation der Hockeygeschichte, wenn die Tigers diese Saison Schweizer Meister würden. Natürlich besteht in der Euphorie die Gefahr, zu viel zu erwarten und umso härter auf den Boden der Realität aufzuprallen. Aber die Euphorie hat auch mich angesteckt.

Ich werde nicht so schnell vergessen, wie der erwähnte Kollege ein paar Tage nach dem Aufstieg zum Käsezvieri einlud. Es gab einen speziell reifen Emmentaler, über zwei Jahre alt. «Beim Abstieg hatte dieser Käse keinen Charakter. Jetzt ist er reif. Geniesst ihn, geniesst das Gefühl», sagte der Kollege. Wir haben den Käse genossen. Und das Gefühl geniessen wir immer noch. – Es ist schön, wieder zurück zu sein.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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