Das Korn der Ahnen ist wieder hip

Weil sie Angst hatten, der Kornanbau könnte verschwinden, gründeten Emmentaler die IG Dinkel - Eine Erfolgs­geschichte, an der aktuell 180 Bäckereien mitschreiben.

Thomas Kurth sorgt seit 23 Jahren dafür, dass die Schweizer Dinkelprodukte essen.

Thomas Kurth sorgt seit 23 Jahren dafür, dass die Schweizer Dinkelprodukte essen.

(Bild: Marcel Bieri)

Früher sprach man von Korn, wenn man Dinkel meinte. Heute ist der botanische Namen des Getreides durchaus geläufig, insbesondere bei Gesundheitsbewussten. Korn, also Dinkel, war einst das Hauptbrotgetreide in der Schweiz. Heute setzen die Landwirte aber vorwiegend auf den ertragreicheren Weizen.

«Ende des letzten Jahrhunderts wurde der Dinkel nur noch in niederschlagsreichen Randgebieten wie dem Emmental und dem Luzerner Hinterland angebaut», weiss Thomas Kurth. Er ist Geschäftsführer der IG Dinkel, die 1995 in Willisau gegründet wurde. Die Initiative dazu war von Emmentalern ausgegangen, an vorderster Front kämpfte der Schwarzenbacher Grossrat Hans Geissbühler dafür.

Man stand damals kurz vor der Liberalisierung des Getreidemarktes. Die Angst vor sinkenden Getreidepreisen liess die Bauern nach neuen Nischen Ausschau halten. Überhaupt wollte Geissbühler verhindern, dass der Dinkel, der hier schon vor 3000 Jahren wuchs, ganz verschwinden würde – umso mehr als sich sein Anbau in Hügel­gebieten durchaus eignet.

Mehr angebaut und verkauft

Eine Analyse zeigte damals, dass der Markt zu den 5760 Tonnen in der Schweiz produziertem Dinkel weitere 3600 Tonnen vertragen würde. Damit, dass also nicht bloss auf 1600, sondern auf 2600 Hektaren Korn angebaut werden sollte, wollte man den Inland­bedarf decken.

Thomas Kurth, der damals soeben die Fachhochschule abgeschlossen hatte und in Rütschelen zusammen mit dem Vater einen Bauernbetrieb führte, übernahm im 40-Prozent-Pensum die Geschäftsführung der IG Dinkel. Sein Auftrag war es, den Anbau zu fördern. Und diesen hat er offenbar gut erfüllt. Der Absatz wuchs von Jahr zu Jahr.

«Wir suchen ­laufend neue Produzenten.»Thomas Kurth, Geschäftsführer IG Dinkel

Was mit Produzenten in den Hügelgebieten des Emmentals sowie der Kantone Luzern, Solothurn und Aargau begann, hat sich auf die ganze Deutschschweiz ausgedehnt. Heute habe die IG für 4000 Hektaren Anbauverträge, sagt Kurth. «Und wir suchen laufend neue Produzenten.» Die IG könnte also mehr Dinkel absetzen respektive Urdinkel.

Nur die alten Sorten

Von Anfang an hat sich die Organisation auf die Förderung der alten Sorten konzentriert. Denn in den 1990er-Jahren sei es in Mode gekommen, alte Kornsorten mit Weizen einzukreuzen. Das habe zu kürzeren, standfesteren Halmen geführt und mehr Ertrag abgeworfen. «Aber die Müller verlangten nach den alten Sorten», sagt Kurth.

Also schuf die IG mit Urdinkel eine neue Marke und schrieb im Pflichtenheft fest, wie das Getreide zu produzieren sei. Halmverkürzer, Fungizide und Insektizide waren – und sind – verboten. Die Bauern müssen mindestens die Anforderungen der integrierten Produktion erfüllen, wenn sie ihren Dinkel als Urdinkel verkaufen wollen.

In der IG sind Landwirte, Müller, Röllmüller und Bäcker gleichermassen vertreten. «Wir haben uns zu einer kleinen Branchenorganisation entwickelt», sagt Kurth. Ihre Aufgabe ist es, Angebot und Nachfrage im Lot zu halten.

Nicht so wie ganz am Anfang, als die Euphorie gross gewesen sei und viel zu viele Landwirte in die Produktion eingestiegen seien. «Zum Glück hat damals der Bund die Überschüsse noch zu Futter deklassiert, sonst hätte es uns das Genick gebrochen», sagt Kurth.

Letztlich müsse für die Bauern ein Preis herausschauen, der in Randgebieten den Anbau interessant mache, aber die Getreideproduzenten in guten Weizenlagen nicht animiere, Korn zu säen. Letzteres sei deshalb nicht so gefährlich, sagt Kurth, weil es auf extensiv geführte Betriebe passe und auf stark gedüngten Böden schlecht gedeihe.

«Zu allen Trends, die in den letzten Jahren aufkamen, hat der Urdinkel immer bestens gepasst.»Thomas Kurth

Schon 1995 habe dem Dinkel das Image eines gesunden Getreides angehaftet, erinnert sich Thomas Kurth. Doch die ersten Brote, die in den Bäckereien mit einer mit Urdinkel beschrifteten Oblate über den Ladentisch gingen, würden heute nicht mehr ­begeistern. «Mit dem Rezept von damals wären wir rasch wieder weg gewesen», weiss Kurth.

Doch dann entdeckte die IG den Brühteig. Als die Brote nach dieser Methode (siehe Kasten) gebacken wurden, «konnten wir richtig durchstarten». Letzte Woche lancierte die IG Dinkel mit 180 Bäckereien eine schweizweite Kampagne, die zeigen soll, dass auch Guetsli aus Urdinkel hergestellt werden können.

Gesund und umweltschonend

60 Prozent des in der Schweiz produzierten Dinkels werden über die Marke der IG abgesetzt. Ihre Geschäftsstelle befindet sich im landwirtschaftlichen Bildungszentrum auf der Bäregg. Doch längst sorgt dort nicht mehr nur Thomas Kurth dafür, dass sich Konsumenten für den Urdinkel aus den angestammten Produktionsgebieten interessieren. Für diese Aufgabe schuf die IG mittlerweile 200 Stellenprozent.

Zusammen mit der Bäckerei-Fachschule Richemont bietet sie Backkurse für Berufsleute an. Damit auch Private mit dem Mehl aus dem Schweizer Urgetreide etwas anzufangen wissen, hat die Sumiswalderin Judith Gmür-Stalder zudem bereits vier Ur­dinkel-Back- und Kochbücher herausgegeben. «Sie laufen sehr gut», stellt Kurth erfreut fest.

Einen grossen Teil ihres Erfolges verdankt die IG Dinkel allerdings Faktoren, die sie selber nicht beeinflussen kann. Der Tatsache etwa, dass das altbekannte Getreide höhere Proteinwerte aufweist als der Weizen.

Und dass es fast ohne Dünger auskomme und ressourcenschonend produziert werden könne, zählt Thomas Kurth weitere Tatsachen auf. «Zu allen Trends, die in den 23 Jahren aufkamen, hat der Urdinkel immer bestens gepasst.»

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt