Damit die Suche nicht im Spital endet

Die Pilzsaison verläuft erfreulich. Viele Sammler kehren mit vollen ­Körben heim. Doch die Kontrolleure warnen: Vermehrt ­seien Anfänger im Wald unterwegs. Umso wichtiger wird die Arbeit der Experten.

Ruth Tschanz-Lanz beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Schwämmen. Hier präsentiert sie ein Kuhmaul (auch bekannt als Grosser Gelbfuss) sowie einen Mönchskopf (im Bild rechts).

Ruth Tschanz-Lanz beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Schwämmen. Hier präsentiert sie ein Kuhmaul (auch bekannt als Grosser Gelbfuss) sowie einen Mönchskopf (im Bild rechts). Bild: Thomas Peter

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Wer dieses Jahr auf Pilzsuche war, dürfte seine wahre Freude gehabt haben. Es mangelte nicht an schönen Exemplaren, auch im Emmental lohnte sich das Sammeln. Im August gab es noch nicht so viele Pilze, es sei zu trocken gewesen, sagen die Pilz­experten. «Doch im September hat es angezogen», erklärt Ruth Tschanz-Lanz. Die Kirchbergerin ist ausgebildete Pilzkontrolleurin. «Die vergangenen Wochen waren wunderbar.»

Tschanz zählt auf, was der Pilzliebhaber im Wald alles an Essbarem finden konnte: Maronenröhrlinge, Rotfussröhrlinge, ­Eierschwämme, Trompeten­pfifferlinge und Flockenstielige Hexenröhrlinge sind nur einige Beispiele. «Letzteren kennen viele Leute vor allem als Schusterpilz», sagt die Expertin.

Giftige Pilze einziehen

Tschanz hat Freude an der guten Pilzsaison, wenngleich ihr das auch eine Menge Arbeit einbrockt. Denn sie kontrolliert in Kirchberg dreimal pro Woche Pilze. Zudem hilft ihr eine Kollegin, die ebenfalls zweimal wöchentlich als Kontrolleurin zur Verfügung steht. Die Kontrolle sei wichtig, sagt Tschanz. Vor allem auch, weil es immer mehr Sammler gebe, die keine Ahnung von Pilzen hätten.

Das zeige sich daran, dass vermehrt Exemplare eingezogen werden müssten, die sich nicht zum Verzehr eignen. Giftige Pilze dürfen die Kontrolleurinnen den Sammlern nicht mit nach Hause geben. «Denn wenn etwas passiert, wären wir verantwortlich.»

Alles kontrollieren lassen

Ihre Kollegin Marlies Reist, Pilzkontrolleurin in Rüegsau, bestätigt den Eindruck, dass heuer viele Anfänger zur Kontrolle kommen. Zudem stellt sie vermehrt fest, dass einige Sammler nur jene Pilze bringen, die sie nicht kennen. «Wer nur mit exotischen Exemplaren zu mir kommt, fällt sofort auf», sagt Reist. Denn sie sei selber oft im Wald und wisse daher, welche Pilze gerade stark verbreitet seien.

«Wer nur mit exotischen Exemplaren zu mir kommt, fällt sofort auf.»Marlies Reist
Pilzkontrolleurin in Rüegsau

Meist merke sie dann im Gespräch, dass die Person nicht alles mitgebracht habe. «Ich kann so keinen Kontrollschein ausstellen, denn ich kann das Risiko nicht eingehen, wenn ich nicht ­alle gesammelten Pilze kontrolliert habe.» Die Gefahr der Verwechslung bestehe immer. «Wenn ich das den Leuten erkläre, verstehen sie es auch», sagt Reist, die viermal pro Woche Kontrollen macht.

Angst, niemanden zu finden

Sie führt die Tätigkeit in Rüegsauschachen seit acht Jahren aus. Und dies sogar, obschon sie vor zwei Jahren nach Höchstetten umgezogen ist. «Ich habe die Kontrolle in der Gemeinde ­Rüegsau selbst aufgebaut und wollte nicht aufhören, weil ich Angst hatte, keine Nachfolge zu finden», erklärt Reist.

Es sei schwierig, Leute für die Pilzkontrolle zu rekrutieren. «Im Emmental haben wir jetzt aber jemanden in Aussicht, der einsteigen will.» Ihm müsse man nun die Chance geben, dereinst die Kontrolle in einer Gemeinde zu übernehmen.

Ruth Tschanz ist schon seit bald zwanzig Jahren Kontrol­leurin und hat erst kürzlich einen einwöchigen Wiederholungskurs besucht. «Es gibt immer wieder Neues, das wir lernen können», sagt Tschanz und gibt ein Beispiel: Viele ältere Leute erinnern sich noch, dass der Kahle Krempling früher gegessen wurde. «Heute bezeichnen wir ihn als giftig, denn es hat sich gezeigt, dass der Verzehr viele Jahre später zu Leukämie führen kann.»

Überhaupt weiss Tschanz genau, wie schnell Pilze falsch zugeordnet werden. Kürzlich habe ihr jemand gesagt, er habe Champi­gnons im Garten. Bei genauerem Betrachten hätten sich die Pilze dann aber als Egerlingsschirmlinge herausgestellt, die nicht ­unbedingt Speisepilze seien. Deshalb gilt es vorsichtig zu sein und die Pilzkontrolle aufzusuchen. Und wer womöglich doch einmal einen nicht essbaren Pilz verzehrt hat, sollte umgehend reagieren (siehe Kasten).

Auch Erbrochenes kann helfen

Erst kürzlich musste Tschanz ausrücken, weil ein Kind einen Pilz gegessen hatte und die Eltern nicht wussten, um welche Sorte es sich handelte. Sie konnte dann Entwarnung geben. «Das ist noch einmal gnädig ausgegangen», sagt sie. Manchmal muss sie jedoch Kohle als Gegenmittel verabreichen. Oder sie müsse die Leute ins Spital schicken.

«Das ist noch ­einmal gnädig ausgegangen.»Ruth Tschanz-Lanz
Pilzkontrolleurin in Kirchberg

Ganz wichtig sei, dass man anhand des Pilzes oder notfalls auch des Erbrochenen herausfinden könne, welcher Pilz gegessen wurde, erklärt sie. Tschanz ist für solche Einsätze ausgebildet und arbeitet eng mit der Informationsstelle Tox Info sowie Ärzten zusammen.

Im Emmental scheinen die Pilzsammler vernünftig zu sein – oder haben Glück. Denn im Spital Emmental mussten gemäss Auskunft der Medienstelle schon seit einigen Jahren keine Patienten mehr wegen Pilzvergiftungen behandelt werden. Das spricht dafür, dass die Sammler auf die Pilzkontrollen vertrauen und diese zudem erfolgreich sind. (Berner Zeitung)

Erstellt: 13.10.2017, 06:19 Uhr

Auch erfahrene Pilzsammler können sich mal irren

Wer unkontrollierte Pilz gegessen hat und danach Vergiftungssymptome bemerkt, sollte sich umgehend bei Tox Info Suisse unter der Notfallnummer 145 melden. Das ist die offizielle Informationsstelle der Schweiz für alle Fragen rund um Vergiftungen. Bezüglich Anfragen zum Pilzverzehr spricht Katharina Schenk-Jäger, Ärztin und Pilzexpertin, von einem überdurchschnittlichen Jahr. Bereits über 440 Anfragen zu Pilzen seien bei Tox Info Suisse registriert worden – und damit deutlich mehr als zum gleichen Zeitpunkt im Vorjahr. Der Grund für die Zunahme sei simpel: «Es hat heuer sehr viele Pilze im Wald.»

Laut Schenk hat eine wissenschaftliche Studie gezeigt, dass die Anfragen zu Pilzvergiftungen bei Tox Info Suisse einen Zusammenhang haben mit den Fundzahlen. Das bedeutet: Je mehr Pilze in der Schweiz gesammelt werden, desto mehr Anfragen gehen auch bei Tox Info ein. Die Pilz­expertin gibt allerdings zu bedenken, dass nicht nur Anrufe wegen schwerer Vergiftungen registriert würden. «Es gibt Personen, die sich nicht gut fühlen, weil sie Pilze gegessen haben, und dann anrufen. Das heisst aber nicht, dass es akut lebensgefährlich ist.»

Tox Info versuche mittels Fragen herauszufinden, woran die Person leiden könnte. «Bei Verdacht auf Vergiftungen schicken wir die Person ins Spital», erklärt Schenk. Falls möglich, sollen die Betroffenen zudem von den verzehrten Pilzen Exemplare oder zumindest Rüstabfälle mitbringen. «Dann werden speziell geschulte Pilzkontrolleure aufgeboten, die, wenn möglich, feststellen sollen, welcher Pilz gegessen wurde.» Das könne die Behandlung erheblich erleichtern. Falls der Pilz nicht eruiert werden könne, müsse man trotzdem eine Behandlung einleiten und warten, bis man mittels Urinprobe die Vergiftung feststellen könne, sagt sie.

Gefährlich sind laut Schenk vor allem die Knollenblätterpilze. Werden solche gegessen und die Personen danach nicht behandelt, kann das tödlich sein. Deshalb rät Tox Info Suisse immer: «Gehen Sie zum Pilzkontrolleur.» Auch erfahrene Pilzsammler könnten sich mal irren. Zudem sei es wichtig, die Pilze rasch zu verarbeiten oder zu konsumieren, so Schenk-Jäger. «Ein Pilzkontrolleur hat es mir einmal so erklärt: Man sollte Pilze ähnlich behandeln wie rohes Fleisch.» Solches lasse man auch nicht einfach so ­herumliegen, sagt die Pilz­expertin. tg


Ein Steinpilz. Bild: Fotolia

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