Brennpunkt Bärau

Kaum ein Schulleiter im Kanton Bern dürfte ­derart froh sein, dass sich die Flüchtlingslage etwas entspannt hat, wie Adrian Schranz. Die Schule Bärau wurde gleich von verschiedenen Seiten bedrängt.

Entlastet: Markus Brandenberger (links), Gesamtschulleiter Langnau, und Adrian Schranz, Leiter der Schule Bärau.

Entlastet: Markus Brandenberger (links), Gesamtschulleiter Langnau, und Adrian Schranz, Leiter der Schule Bärau.

(Bild: Thomas Peter)

Susanne Graf

Im Leitbild steht es schwarz auf weiss: «Kinder aus verschiedenen Kulturen lernen miteinander und voneinander.» Der aufgeschlossene Umgang mit Kindern aus dem Ausland gehört zu den drei Werten, auf denen die Schule Bärau basiert. Und man nimmt es dem Schulleiter, dem ehema­ligen SP-Parlamentarier Adrian Schranz, durchaus ab, dass das Bekenntnis ernst gemeint ist.

Von ihm war denn auch keine Klage zu hören, als der Kanton 2011 auf der Bäregg sein Zentrum für unbegleitete minderjährige Asylbewerber (UMA) eröffnete und plötzlich Jugendliche zur Schule kamen, die weder die hiesige Sprache noch die hiesigen Sitten kannten. «Als ein syrischer Knabe vom Lehrer etwas gefragt wurde, stand er auf. – Die andern lachten über ihn», nennt Markus Brandenberger ein Beispiel, das zeigt, dass da jeweils Welten aufeinanderprallen.

Brandenberger ist Gesamtschulleiter der Gemeinde Langnau. Adrian Schranz ergänzt: «Wenn man in Syrien zehn Minuten nach dem vereinbarten Termin erscheint, gilt das als pünktlich. Hier wird es nicht verstanden.»

Der abrupte Anstieg

Vier Jahre lang sei die Integration der UMA für die Schule Bärau «auf anstrengendem Niveau machbar» gewesen, sagt Schranz. Dann kam der Herbst 2015. Hatten eine Weile gar keine Kinder aus dem Zentrum mehr die Schule besucht, musste sie nun von einem Tag auf den andern zehn Jugendliche aus Afghanistan und Eritrea aufnehmen.

Während sie ihrem Niveau entsprechend Sprachunterricht erhielten, besuchten sie die Sportlektionen in den Regelklassen. Zwei Lehrpersonen unterrichteten 27 Schüler, von denen fast die Hälfte kein Wort verstand, im Turnen. «Ein ordentlicher Sportunterricht war nicht möglich», fasst Schranz zusammen.

Viel günstiger Wohnraum

Die Flüchtlingskrise hielt an, und der Druck auf die Schule Bärau wurde stärker. Aber nicht bloss wegen der UMA, sondern auch wegen der Wohnungssituation in der Gemeinde. Während in Langnau in den letzten Jahren kräftig neue Wohnungen gebaut wurden, wurden ältere, weniger attraktive und damit auch günstigere Wohnungen zunehmend an die Heilsarmee vermietet.

In Bärau sei dies deutlich stärker der Fall gewesen als im Dorf Langnau, sagt Markus Brandenberger. Also quartierte die Heilsarmee im Aussenbezirk überproportional viele Flüchtlingsfamilien ein. «Sie bleiben in der Regel so lange, bis ein Asylentscheid gefällt ist, dann ziehen sie weg», sagt Brandenberger und stellt fest: «Sobald es in der Schule einigermassen läuft, gehen sie.»

Laut Schranz handelt es sich meistens um Familien mit zwei bis drei schulpflichtigen Kindern. Eine sei im September 2016 gekommen und im November wieder abgereist. Ab Sommer 2016 hätten in allen Klassen immer wieder rasche Wechsel stattgefunden. Nebst der Planungs­unsicherheit und dem grossen Zusatzaufwand, unter dem die Lehrkräfte litten, hatte das eine andere unschöne Folge: «Die Schüler nahmen die Neuen kaum mehr wahr», so Schranz.

«Wir waren überfordert»

Als in den 1990er-Jahren viele Tamilen in die Schweiz gekommen seien, habe sich die Schule Bärau auf die Fahne geschrieben, im Miteinander der Kulturen eine Chance zu sehen, weiss der erst später zugezogene Schranz. Doch im letzten Winterhalbjahr änderte sich das Klima. «Wir waren überfordert, und zeitweise existierte praktisch keine Klassengemeinschaft mehr.» Selbstkritisch stellt Schranz fest, dass das Lehrerkollegium sehr spät ­reagiert habe.

Eltern, die vorher durchaus positiv auf die Integration der Kinder aus dem Zentrum Bäregg reagiert hatten, hätten nun Besorgnis geäussert über die häufigen Wechsel. Es dürfe doch nicht sein, dass Bärau als einzige Schule der Gemeinde die ganze Last tragen müsse, habe es geheissen. Andere hätten befürchtet, ihre Kinder kämen bildungsmässig zu kurz.

Problem erkannt

Die Schulleiter sind froh, dass die Behörden «die richtigen Schlüsse» gezogen hätten. So konnte in Bärau auf das aktuelle Schuljahr wieder eine fünfte Klasse eröffnet werden, weil Inspektorat und Erziehungsdirektion nicht allein auf die Schülerzahlen, sondern auch auf die spezielle Situation Rücksicht genommen hätten. Zudem kann seit August 2017 auch die Schule Langnau anbieten, was der Kanton 2016 in Bern, Thun und Köniz eröffnet hat: regionale Intensivkurse für 13- bis 15-Jährige ohne oder mit nur rudimentären Kenntnissen der Unterrichtssprache. «Das entlastet Bärau», hält Markus Brandenberger fest.

Zudem hat er letzten Winter zwölf frisch Zugezogene auf die Schulhäuser im Oberfrittenbach, im Gohlgraben und im Dorf Langnau verteilt, damit es in Bärau nicht schon wieder Wechsel gab und die Klassen stabil blieben. Auch die Heilsarmee habe man auf die problematische Entwicklung hingewiesen und bei der Zuweisung von Familien um Rücksichtnahme gebeten.

Lebensart macht Hoffnung

Seit den Sommerferien sei die Schülerzahl mit 81 nun stabil, sagt Schranz aufatmend. Als Glücksfall bezeichnet Schranz die Baupläne der Stiftung Lebensart. Einerseits weil sie auf ihrem Areal ein Ärztezentrum und eine Markthalle bauen will und damit den Dorfteil Bärau «stark aufwerten» werde. Andererseits wegen der geplanten neuen Wohnungen. Er rechnet damit, dass diese junge Schweizerfamilien in den Dorfteil bringen und die Durchmischung «seiner» Schule beeinflussen werden.

In der Schule Langnau beträgt der Anteil ausländischer Kinder 10,8 Prozent, in Bärau 18,5 Prozent. In Langnau sind 16,7 Prozent aller Schüler nicht deutscher Muttersprache, in Bärau sind es 24,7 Prozent. Heute trage «sicher noch gut die Hälfte» einen typischen Schweizer Familiennamen.

Berner Zeitung

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