Blauer Pfeil fährt durchs grüne Land

Krimitage Burgdorf Als «Fahrt ins Schwarze» beworben, wird der Auftakt der Krimitage zu einer Fahrt durch das ländliche Emmental. Mit dabei: ein historischer Zug und Dürrenmatts «Der Tunnel».

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Ein schriller Pfiff durchbricht den samstagnachmittäglichen Schlendrian. «In zehn Minuten kommt der Blaue Pfeil», erklärt Zugführer Matthias Egger. «Dann haben Sie exakt sieben Minuten, um einzusteigen. Nicht acht, nicht neun, nein, sieben.» Man könne nicht den ganzen Bahnverkehr unterbrechen.

Nach einem leicht militärisch angehauchten «Alles einsteigen», gehts nun wirklich zum Blauen Pfeil, dem Zug, mit dem an diesem Nachmittag eine Extrafahrt unternommen wird. Es ist nach der morbiden Revue «Panopticon» der zweite Programmpunkt der diesjährigen Krimitage.

Während der Fahrt im historischen Wagen soll Friedrich Dürrenmatts Kurzgeschichte «Der Tunnel» vorgetragen werden, die sich um einen Tunnel zwischen Burgdorf und Wynigen dreht. Ob dieser auch heute durchfahren wird, ist noch unbekannt, denn die Strecke, die der Zug zurücklegen wird, wurde nie verraten.

Mit grossem Hallo strömen die Damen und Herren, die ein ­Ticket ergattern konnten – der Event ist ausverkauft – in die Zugkomposition und setzen sich auf die drittklassigen Leder- oder die zweitklassigen Samtsitze. Hell begeistert verrenken die Besucher, die grösstenteils zwischen 40 und 60 Jahre alt sind, ihre Hälse, um auch ja jeden Winkel des Relikts von 1938 in Augenschein nehmen zu können.

Wohin gehts?

Die Frage, die anscheinend bei ­jeder Tischgesellschaft mindestens einmal angesprochen wird, ist jene nach der Reiseroute. Er habe etwas von Hasle-Rüegsau gehört, meint ein älterer Herr mit lichtem Haar und randloser Brille. Das sei doch viel zu nah, wenn der Anlass über zwei Stunden dauern solle, entgegnet seine Begleiterin. «Na ja, nach St. Gallen wirds wohl auch nicht gehen», sagt der Mann, und das Gespräch über die Strecke ist beendet, sodass sie sich wieder dem Weisswein widmen können. Es zischt, es rumpelt, es geht los.

Gemächlich setzt sich der Blaue Pfeil in Bewegung. Jetzt könne man wieder zur Toilette, wie der Zugführer via Lautsprecher verkündet, denn wie in alten Zügen üblich, sei die WC-Benützung in den Bahnhöfen untersagt.

Es quietscht und knarrt und die Reisenden können gar nicht genug davon hören. Eigentlich paradox, sind doch Geschäftsmänner im Durchschnittsalter der Reise­gesellschaft oft diejenigen, die sich über laute Züge beklagen, weil sie wegen der Geräusche nicht mehr im Zug arbeiten könnten.

Der Zug ist unterdessen im Burgdorfer Hauptbahnhof angelangt. Also geht es wirklich durch den in der Geschichte beschriebenen Tunnel? Ja, kurz vorher rezitiert eine Stimme den Beginn der Story, verstummt aber, als man sich dem Tunnel nähert. Wie es sich fürs 21. Jahrhundert gehört, wird fleissig mit dem Handy gefilmt.

Der berühmte Tunnel oder aber die schöne Landschaft, die einem Basler Gast ein «Wow» entlockt. Aber er hat recht. Das Emmental oder aber der Oberaargau zeigen sich von der schönsten Seite. Oberaargau, weil sich die Eisenbahn inzwischen auf dem direkten Weg nach Langenthal befindet.

Die Geschichte des Tunnels

Dort angekommen, hat man noch immer nicht mehr von der ­angepriesenen Dürrenmatt-Geschichte gehört als den monströsen Satz, der den Anfang der Story bildet und zu dem der Erzähler kurz vor dem Tunnel anhob, aber sogleich wieder verstummte. Für die Krimibegeisterten ist dieser Umstand aber offenbar nicht störend. Sie quasseln, fachsimpeln und bestellen eine neue Flasche Weisswein.

Die Zugcrew erlaubt sich noch den Scherz, im letzten Tunnel einen unerwarteten Stopp einzulegen und die Reisenden im Dunkeln sitzen zu lassen. 

In Huttwil hat man Dürrenmatt bereits fast vergessen, und urplötzlich geht es los. Schauspieler Daniel Rothenbühler, der im Zuggefängnis stationiert ist, beginnt zu lesen. Mit dunkler, kräftiger Stimme erzählt er die Geschichte des feisten, namenlosen Protagonisten, der von Bern nach Zürich reist und den Tunnel kurz nach Burgdorf nie wieder verlässt. Wer aber Genaueres über die Handlung wissen möchte, der lese die fünf A4-Seiten umfassende Erzählung selbst.

Der Effekt wird getrübt

So plötzlich wie er begonnen hat, ist der Spuk dann aber auch vorbei, und die Zugfahrt geht weiter. Durch das untere Emmental, wo nur noch Extrazüge fahren. Vorbei an illustren Orten, von denen auch einige waschechte Emmentaler nicht wüssten, dass sie einen Bahnhof besitzen, in Richtung Sumiswald.

Die Zugcrew erlaubt sich noch den Scherz, im letzten Tunnel einen unerwarteten Stopp einzulegen und die Reisenden im Dunkeln sitzen zu lassen. Der Effekt des durch und durch dunklen Schwarz wird aber von den vielen fotografierenden und filmenden Handys getrübt.

Die Fahrt ins Schwarze, die ­angekündigt war, ist den Ver­antwortlichen aber dennoch ­geglückt.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 31.10.2016, 08:05 Uhr

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