Bald singt er seine letzte Moritat

Burgdorf

Der Bänkelsänger und Liedermacher Peter Hunziker nimmt Abschied von der Bühne. Nach bald 50 Jahren Konzerttätigkeit im In- und Ausland tritt er an der Kulturnacht zum letzten Mal vors Publikum.

Peter Hunziker mit einem seiner Instrumente. Ein Bänkelsänger, so erklärt er, begleite die Drehorgel mit Sprechgesang.

Peter Hunziker mit einem seiner Instrumente. Ein Bänkelsänger, so erklärt er, begleite die Drehorgel mit Sprechgesang.

(Bild: Thomas Peter)

Sorgfältig montiert Peter Hunziker die Metallkurbel seitlich an seiner hölzernen Drehorgel, öffnet den verzierten Deckel und kontrolliert den Sitz der breiten Papierrolle.

Die Schlitze für die einzelnen Musikstücke hat er selber mit dem Japanmesser ausgeschnitten, die Rolle als Endlospapier zusammengeklebt und die Titel der sieben Musikstücke daraufgeschrieben. «So brauche ich keine Zeit zum Rollenwechseln, sehe sofort das aktuelle Lied und kann das Tempo der Umdrehungen und die Stimme perfekt miteinander verbinden», sagt Bänkelsänger Hunziker.

«Im richtigen Moment»

An der kommenden Kulturnacht vom 17.Oktober tritt der im In- und Ausland bekannte Bänkelsänger und Moritatenerzähler aus Burgdorf zum letzten Mal an die Öffentlichkeit – nach 50 Jahren auf der Bühne und über 1000 Konzerten.

«Ich will im richtigen Moment aufhören», sagt der Mann mit Jahrgang 1938, dessen Augen funkeln und der mit kräftigen Tönen die Moritat von Macky Messer aus der «Dreigroschenoper» von Berthold Brecht anstimmt. Diesen Text von 1930 hat der Bänkelsänger um zwei Strophen erweitert und den Messerwerfer zum korrupten Bankier werden lassen.

Viele Lieder hat Hunziker selber verfasst oder Worte und Illustrationen von Autoren wie Erich Kästner, Fridolin Tschudi, Kurt Tucholsky oder Fritz Grasshoff um Witziges und Treffendes ergänzt.

So verleiht Peter Hunziker dem Wort Automobil seine eigene Deutung: Auto = selber / mob = Volksauflauf /îl = Insel als Rückzugsort. Fridolin Tschudi schrieb in einem Gedicht, dass man ihm sämtliche Schimpfwörter sagen dürfe – nur niemals vorwerfen, er sei ein schlechter Autofahrer.

Die historischen Moritaten, die seit dem 17. Jahrhundert über böse Räuber, edle Ritter und schöne Maiden erzählen, wurden oft von Schildern (Geschichten in Bildern auf grossen Tafeln) begleitet und die entsprechenden Zettel ans Publikum verteilt. In früheren Zeiten waren diese «moralischen Lieder» gleichzeitig Jahrmarktunterhaltung und Aufruf zu tugendhaftem Verhalten, da die Texte vorgängig der Obrigkeit vorgelegt und bewilligt werden mussten.

Die Gitarre war verpönt

«Schwarzer Humor, Satire und tiefer (Un)Sinn haben mich schon immer fasziniert», sagt der pensionierte Lehrer. Damals, während seiner Seminarzeit, wurde es nicht gern gesehen, dass der Jüngling als Instrument die Gitarre wählte. Und nach seiner Begegnung mit einem Bänkelsänger im legendären Theater «Rampe» in Bern war für ihn klar, dass er solche Auftritte selber gestalten wollte.

«Eigentlich war die Sache sehr einfach; die Drehorgel hat 14 Töne, die Stimme muss mit ihrem einzigen Ton eine Differenz zur Orgel bilden. Ein Bänkelsänger ist kein Barpianist, sondern begleitet sein Instrument mit individuellen Kurbeldrehungen und Sprechgesang.»

Orgeln und Spieldosen

In seiner grosszügigen Dachwohnung in der Burgdorfer Oberstadt stehen Orgeln vieler Grössen und in kunstvollen Ausführungen neben reizvollen Spieldosen. Die Orgeln werden entweder mit Holzrollen und gelochten Papierstreifen bestückt oder falten die präparierten Musikstücke wie Buchseiten.

Es gibt auch Instrumente zum Abspielen von gestanzten Kartonscheiben, die aus Kartenpapier hergestellt werden, um resistent gegen Feuchtigkeit zu sein. In die Musikdosen sind hauptsächlich Metallwalzen mit einem Holzkern eingebaut. Die Instrumente sind keine Leichtgewichte und erreichen bis zu acht Kilos.

Ein Museum in Basel ist daran interessiert, nach Ende seiner Auftritte einige der historischen Instrumente ausstellen zu können – mitsamt einer lebensgrossen Puppe von Bänkelsänger Peter Hunziker.

«Mit Lust und Elan», letzter Auftritt des Bänkelsängers Peter Hunziker, am 17.Oktober um 17 Uhr im Stadthauskeller Burgdorf.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt