Auge in Auge mit Gevatter Tod

Bereits Bilder von Toten sind nichts für schwache Gemüter. Mit ihnen zu arbeiten aber, ist eine ganz andere Welt. Ein Rechtsmediziner plaudert aus dem Nähkästchen.

<b>Christian Jackowski</b> zeigt das blasse Auge einer Leiche.

Christian Jackowski zeigt das blasse Auge einer Leiche. Bild: Andreas Marbot

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«Thanatologie – Die Lehre vom Tod» stand auf der ersten Vortragsfolie. Der Saal füllte sich nach und nach. Die Besucher verteilten sich vergnügt plaudernd auf die vielen Sitzreihen, sprachen über dieses und jenes, tranken eine Cola oder einen Kaffee, schwätzten munter weiter.

Was sie überhaupt nicht zu stören schien: die bevorstehenden eineinhalb Stunden des Grauens, die mit Leichenbildern und Reflexionen über den Tod aufwarten sollten. Im Gegenteil, sie freuten sich!

Ich war perplex. Aber ihre Freude ist, nüchtern betrachtet, eigentlich nicht weiter verwunderlich. Die Leute waren ja freiwillig gekommen. Doch von freiwilligem Erscheinen meinerseits zu sprechen, wäre doch, um es im Krimijargon auszudrücken, eine Verzerrung der Tatsachen. Beim Konsum von Unterhaltungsmedien setze ich lieber auf fröhliche Zerstreuung, erwarte sorgenfreie Ablenkung, ein Happy End.

Gestohlen bleiben können mir die grusligen Leichen im Wald, Hintergrundmusik, die mich in einen anhaltenden Angstzustand versetzt, zerrüttete Beziehungen und heldenhafte Kommissare, die immer und immer wieder an die kuriosesten Fälle geraten.

Nebenbei lassen sie auch immer coole Sprüche fallen und kämpfen natürlich noch mit ihrer dunklen Vergangenheit, und überhaupt! Müssen die eigentlich nie Papierkram erledigen? Nein, ich bin kein Krimiliebhaber. Trotzdem hielt man es für eine gute Idee, das Krimigreenhorn an den Anlass über Leichen zu schicken. Item.

Christian Jackowski von der Universität Bern trat hervor. Nach einer kurzen Ansage vom Veranstalter hiess es: Bühne frei für den Rechtsmediziner. Wie es sich für einen Professor gehört, wurde zuerst ein Lernziel für den Abend definiert: «Wissen, wann und wie jemand für tot zu erklären ist». Oder wie seine Frau es sagen würde: «Warum ich mit ihm nicht mehr Krimis schauen möchte». Lacher. Dann wurde es ernster.

Heute habe der Tod nichts mit Gefühlen zu tun, es sei eine rein naturwissenschaftliche Angelegenheit. Wir wollten herausfinden, was mit dem Körper nach dem Eintritt des Todes geschehe und wie man einen Toten erkenne. Hier kam der Begriff Individual- oder Hirntod ins Spiel. Diese seien Synonyme und bedeuteten, dass die Person ihr Umfeld nicht mehr beeinflussen könne. Dabei könne der Körper noch «leben», also das Herz schlagen lassen oder Wärme produzieren.

Umgekehrt gehe dies natürlich auch. Wenn eine Person einen Herzstillstand erleide, sei erst fünf bis zehn Minuten nachdem es aufgehört hat zu schlagen auch der Individualtod eingetreten, erklärte der Experte. Man nenne dies «atrium mortes» oder zu Deutsch: «Empfangssaal des Todes».

Wenn ich den Tod nicht schon vorher gefürchtet hatte, bestanden zu diesem Zeitpunkt keine Zweifel mehr, dass dies die schrecklichste aller Erfahrungen sein müsse. «Es gibt drei sichere Merkmale, anhand deren Sie feststellen können, ob jemand wirklich tot ist.» Der Professor riss mich aus meinen düsteren Gedanken. Das chronologisch zuerst auftretende Merkmal seien die Leichenflecken.

«Diese Leichen leben noch.»Christian Jackowski, Rechtsmediziner

«Blut fliesst nach dem Tod immer nach unten, dorthin, wohin die Schwerkraft es zieht, und färbt die Haut dunkelviolett. Eng anliegende Kleider und Kontaktpunkte mit dem Boden halten das Blut auf.» Es folgten diverse Bilder von hängenden Menschen mit bläulichen Beinen.

Ein Toter war in seinem Sessel zusammengesackt, trug nur einen Slip. «Wenn wir jetzt im nächsten Bild den Slip entfernen, sehen wir sehr schön, wie die Kleidung die Flecken aufhält.» Sehr schön.

Die nächsten Bilder zeigten das zweite Merkmal, die Leichenstarre. Diese setze nach der initialen Erschlaffung des Körpers, einige Stunden nach dem Tod ein und sei nach acht bis zwölf Stunden vollständig ausgeprägt, sagte Christian Jackowski.

«Bei einem muskulösen Mann kann auch ich die Leichenstarre nicht brechen.» Wobei es nicht ein Brechen per se sei, sondern mehr ein hartes Dehnen. Interessanterweise tritt die Leichenstarre schneller ein, wenn es wärmer ist.

Wie fühlte es sich wohl an, einen starren Körper zu bewegen? Schnell zwang ich mich, an das feine Essen vom Mittag zu denken oder einfach an irgendetwas anderes. Schon war es passiert. Jackowski hatte mich in seinen Bann gezogen. Das dritte Merkmal: Fäulnis. Ein Bild später und schon war der Bann gebrochen.

Der Theorieteil war fertig. Der Referent hatte zum Abschluss einige Krimiszenen aus dem «Tatort» mitgebracht, die es zu analysieren galt. Dank der regen Mitarbeit des Publikums kämpften wir uns Ausschnitt für Ausschnitt speditiv durch die Szenen. Es war immer das Gleiche, keine Flecken, sollte längst erstarrt sein, die Augenfarbe zu lebendig. Das Fazit zu den Szenen: «Diese Leichen leben noch.»

Dank seiner lebhaften Art und seiner professionellen Sicht auf ein heikles Thema vermochte Professor Christian Jackowski eine sehr gesunde Desensibilisierung durchzuführen. Und auf die Frage einer besorgten Frau aus dem Publikum erwiderte er zum Schluss: «Machen Sie sich keine Sorgen, uns Rechtsmedizinern geht es gut.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 07.11.2018, 21:04 Uhr

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