Auf Du und Du mit einem Flüchtling

Burgdorf

Sich nicht in Büchern mit Asylbewerbern befassen, sondern im direkten Gespräch. Dies war das Ziel der Projektwoche «Human Library», das Burgdorfer Gymnasiasten organisiert hatten.

Lebhaftes Gespräch zwischen Burgdorferinnen und einem Eritreer: (von links) Anastasia Stötzel, Initiantin Seraina Schönenberger, Gymnasiastin Sophie Blaser, Mitinitiantin Daria Schönenberger und der Asylsuchende Merhai Okbagar.

Lebhaftes Gespräch zwischen Burgdorferinnen und einem Eritreer: (von links) Anastasia Stötzel, Initiantin Seraina Schönenberger, Gymnasiastin Sophie Blaser, Mitinitiantin Daria Schönenberger und der Asylsuchende Merhai Okbagar.

(Bild: Andreas Marbot)

Merhai Okbagar, 27-jähriger Asylbewerber aus Eritrea, sitzt mit Gymnasiastin Sophie Blaser (17) und Einwohnerin Anastasia Stötzel am Tisch. Der junge Mann konzentriert sich auf das Gespräch in Englisch und ein paar Brocken Deutsch, die er als «lebende Ausleihe» des Projekts «Human Library» am Gymnasium Burgdorf gelernt hat. So sollen sich Menschen unterschiedlicher Herkunft aus Krisengebieten mit der regionalen Bevölkerung treffen und besser kennen lernen.

Der Asylbewerber lebt nach seiner beinahe zweijährigen Flucht voller Gewalt und Folter seit zwei Monaten in Burgdorf. Der ausgebildete Konstrukteur hofft, mit intensivem Deutschunterricht seine Aussichten zu verbessern. Anastasia Stötzel kam selber vor vielen Jahren aus Moskau in die Schweiz und versteht die Problematik von Sprache und Integration aus eigener Erfahrung.

Ein Lächeln muss genügen

Die beiden Projektleiterinnen und Schwestern Seraina (18) und Daria (16) Schönenberger samt Gymerlehrerin und Projektbetreuerin Sabine Kobel sehen sich als Sprachenhelferinnen und Brückenbauerinnen zwischen Asylbewerbern und Bevölkerung. «Ich wurde auf dieses Projekt der ‹Human Library› von United (europ. interkult. Aktion) aufmerksam gemacht», sagt Seraina Schönenberger.

Eine Projektwoche wurde am Gymnasium lanciert, bei der 19 Schülerinnen und Schüler aller Stufen mitmachen. Nach vorgängigem Treffen in der Asylunterkunft Lindenfeld, Deutschlektionen und eritreischem Kochen respektive schweizerischem Güezele war die «Ausleihe» ein Hauptpunkt.

15 junge Männer zwischen 21 und 35 Jahren aus Eritrea, Syrien, Tibet, Afghanistan und dem Kongo nahmen daran teil; bei einigen waren die Sprachkenntnisse bescheiden, sodass sich beide Seiten mit freundlichem Lächeln und erklärenden Kritzeleien des Gesagten begnügen mussten. Ein vorbereiteter Fragebogen listete mögliche Themen auf, die innert der geplanten zwanzig Minuten zur Wahl standen.

Doch an anderen Tischen waren die Gespräche intensiv und ergiebig und regten zum gegenseitigen Nachdenken an. Da wurde oft die Dauer des Zusammenbleibens überschritten. Teilweise sassen Einzelpersonen bei Asylbewerbern und Gymnasiasten, manchmal traf aber auch eine ganze Familie ein.

Zum Dessert zu Kambly

Der 27-jährige Renas Jamal ist Maschineningenieur aus Syrien und lebt seit vier Monaten in Burgdorf. Per Bus fuhr er damals in den Irak und flüchtete danach zu Fuss durch den Balkan in die Schweiz. Der ruhig wirkende Mann sagt mit einem Lächeln, dass er Burgdorf gern habe und die friedliche Stimmung schätze. Während der Projektwoche wird er von Gymnasiastin Anna Kristina Ledermann (17) begleitet.

Am nächsten Tisch sitzt der Tibeter Ugen Bowotsany (33), der als buddhistischer Mönch im Kloster lebte. Auch sein Leben sei in Gefahr gewesen, weshalb er sich zur Flucht nach Europa entschlossen habe, sagte er. «Ihr seid hier immer so beschäftigt und kennt kaum Meditation», kommentiert er in englischer Sprache das Leben in Burgdorf.

Seit zehn Monaten ist er hier, akzeptiert unsere Kultur und will sie noch besser kennen und verstehen lernen. Dabei hilft ihm auch Yannick Berger (20), der sich für die Schicksale der Asylbewerber interessiert. «Ich kann mir zur ganzen Problematik besser eine eigene Meinung bilden und sehe ein wenig hinter die Kulisse», findet er. Diese Ansicht teilt begeistert auch Gymnasiastin Sophie Blaser, die sich sehr über die positiven Reaktionen «ihres» Schützlings freut.

Zur Abrundung dieser Projektwoche fuhren Asylbewerber und Gymnasiasten nach Trubschachen. In Kamblys Güeziwelt begegneten sie den süssen Seiten des Lebens und bei der Töpferei Aebi einigen dekorativen Elementen der Schweizer Kultur.

Berner Zeitung

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