An Weihnachten werden die Gefangenen für einmal bedient

Hindelbank

Für die Frauen in der Justiz­vollzugsanstalt Hindelbank sind die Feiertage nicht ­einfach, die Trennung von der Familie ist oft schmerzhaft. ­Einige Insassinnen sind jedoch auch froh, müssen sie die ­heilige Zeit nicht draussen ­verbringen.

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Es gibt auf Englisch die Redewendung: «Prison as punishment, not for punishment.» Das Gefängnis als Strafe, nicht um zu bestrafen. Annette Keller, Direktorin der Justizvollzugsanstalt (JVA) Hindelbank, arbeitet nach diesem Prinzip: «Der Freiheitsentzug ist die Strafe. Wir müssen die Frauen nicht noch bestrafen, indem wir sie schlecht behandeln», sagt sie.

Der Alltag der Insassinnen in der ­einzigen Deutschschweizer Vollzugsanstalt für Frauen ist also ­bestimmt vom Entzug der persönlichen Freiheit – oder wie Keller sagt: «Sie können nicht bestimmen, wo sie leben und mit wem sie leben.» Bestraft werden sollen die Frauen innerhalb der Anstaltsmauern nicht. Denn das sei nicht die Aufgabe der JVA Hindelbank, wie die Direktorin auf einem Rundgang durch die über 100-jährige Institution erklärt.

­Gemäss dem gesetzlichen Auftrag seien sie verpflichtet, das ­Leben in den Anstalten genau so zu organisieren wie ausserhalb der Gefängnismauern. «Wir müssen darauf hinarbeiten, dass die Frauen draussen deliktfrei leben können», sagt Keller. Ebenso ­seien sie verpflichtet, alles anzubieten, was die menschlichen Grundbedürfnisse befriedigt. «Menschlichkeit ist uns wichtig, weil wir glauben, dass die Frauen so am besten vorbereitet werden für ihre Zeit draussen.»

Mitleid wäre unprofessionell

Die Mitarbeitenden in Hindelbank sollen den eingewiesenen Frauen denn auch mit Empathie begegnen. Die 55-Jährige will das aber nicht falsch verstanden wissen. Denn Professionalität steht an erster Stelle. Keller betont: «Es geht nicht um Mitleid. Das wäre unprofessionell.» Aber es brauche Empathie, um den Frauen helfen zu können, aus ihrer schwierigen Situation rauszukommen.

Es gehöre zur Aufgabe der Mitarbeitenden, nachvoll­ziehen zu können, wie es zur Tat habe kommen können. «Aber wir heissen sie keinesfalls gut», sagt die Direktorin. «Ein Delikt nachzuvollziehen, heisst nicht, dass es keinen anderen Ausweg gegeben hätte. Es geht für die Frauen darum, zu lernen, wie sie künftig ähnliche Situationen ohne Schaden für andere und sich bewältigen können.»

Wie erleben die Insassinnen ihren Alltag hinter Gittern? Die JVA Hindelbank hat dieser Zeitung ermöglicht, mit sechs Frauen zu sprechen. Sie sind zwischen 21 und 54 Jahre alt und unterschiedlichster Herkunft. Eine 21-Jährige sagt: «Es ist schwierig, von der Familie getrennt zu sein.» Zumindest im Gespräch gibt sie jedoch zu verstehen, dass sie ­zurzeit am richtigen Ort sei: «Ich kann eine Therapie machen, die mir helfen soll, draussen auf eigenen Beinen zu stehen.» Einen positiven Einfluss auf die junge Frau scheint auch die Arbeit im Biowerk zu haben: «Ich stehe am Morgen gerne auf, um zur Arbeit zu gehen», sagt sie jedenfalls.

Eine etwa 50-jährige Frau wählt schon kritischere Worte über ihren unfreiwilligen Aufenthaltsort. Es sei schwierig, mit all den Frauen zusammenzuleben. Zudem regt sie sich über die ­Drogen auf, die offenbar reingeschmuggelt werden. «Das finde ich daneben», sagt sie energisch. Direktorin Keller geht nicht konkret auf diese Äusserung ein. Sie sagt jedoch unmissverständlich: «Wir tun alles, um zu verhindern, dass Drogen in die JVA gelangen.

Doch es kommt leider ab und zu vor.» Natürlich gebe es Sanktionen, wenn Drogen gefunden würden, sagt sie. Verständnis hat Keller, wenn sich Frauen, die keine Drogenprobleme haben, über das Thema aufregen. Immerhin etwa ein Drittel der Insassinnen haben ein Suchtproblem. Bezüglich Drogenpolitik arbeitet die JVA mit den vier Säulen, die auch ausserhalb von Gefängnissen in der Schweiz zur Anwendung kommen: Orientierung und Aufklärung, Substitution, Kontrolle, Sanktion.

Sprache als Problem

Doch zurück zu den Frauen: Die älteste in der Runde berichtet, wie sie draussen an der Arbeit gescheitert sei. Sie versuche, das Positive zu sehen, denke viel über ihre Tat nach und wolle auf den rechten Weg zurückfinden.

Zwei Frauen mit afrikanischer Herkunft – eine spricht Französisch, eine Englisch – berichten über ihre Erfahrungen in Hindelbank. Sie absolviere hier eine Lehre, erklärt die Französischsprachige. Sie habe damit etwas gefunden, an dem sie sich fest­halten könne. Die Arbeit helfe ihr. Die andere dunkelhäutige Frau ist weniger positiv eingestellt: «Die Sprache ist ein Problem für mich. Nicht nur Deutsch, vor allem auch Schweizerdeutsch», erklärt sie in Englisch. Sie fühle sich als Fremde aussen vor gelassen, niemand kümmere sich um sie. Sie spricht auch von Rassismus. «Ich fühle mich unverstanden, weil ich eine andere Mentalität habe.»

Die Zeit vergeht so schnell

Weihnachten löst bei den sechs Frauen gemischte Gefühle aus. Die einen freuen sich auf Besuch, andere dürfen sogar für einige Stunden raus, da sie sich teilweise schon im offenen Vollzug befinden. Doch das macht es nicht nur einfacher: «Ich darf an Weihnachten für zwölf Stunden raus, doch diese Zeit vergeht so schnell», sagt eine der Frauen. Eine andere, jüngere Frau erzählt: «Ich bin schon länger hier, es wird meine siebte oder achte Weihnacht hier drin. Für mich ist das hier fast besser als früher zu Hause. Meine Familiensituation war sehr kompliziert.»

Die Jüngste in der Runde sagt: Weihnachten hier sei natürlich nicht wie zu Hause, aber doch auch schön. «Es gibt Schlimmeres auf der Welt als Weihnachten im Gefängnis.» Eine der beiden Frauen mit afrikanischer Herkunft, eine gläubige Christin, freut sich auf die Weihnachtsfeier: «Es ist der einzige Tag im Jahr, an dem wir von den Mitarbeitenden bedient werden», sagt sie – und die ganze Gruppe lacht laut.

Über die Feiertage gibt es ­verschiedene Angebote für die Frauen: eine Adventsfeier der Heilsarmee, einen Gottesdienst in der Schlosskapelle, gemeinsame Weihnachtsfeiern auf den Wohngruppen sowie verschiedene Sport- und Freizeitangebote. Eine wichtige Funktion in dieser Zeit hat deshalb Franziska Bill, Leiterin Freizeit und Sport in der JVA. «Für mich ist es die arbeitsintensivste Zeit des Jahres», sagt sie. «Ich habe eine dankbare Rolle. Ich kann den Frauen viel Freude bringen.» Denn Sport bedeutet Abwechslung. «Letztlich geht es darum, die Eingewiesenen zu fördern und ihr Selbstwertgefühl zu stärken», so Bill.

Es fliessen auch Tränen

Susanne Heiniger, Betreuerin in einer Wohngruppe, ist überzeugt, dass die Weihnachtszeit für viele Frauen eine schwierige Zeit ist. «Sie wollen telefonieren und ihre Familien hören. Viele ziehen sich zurück und wollen allein sein. Es fliessen bestimmt auch Tränen.» Lilianne Bühler, Leiterin einer Wohngruppe der JVA, bestätigt das. Sie streicht aber auch das Zusammensein heraus. «Viele Frauen haben das draussen so noch nie erlebt.» Gemeinsam zu feiern, werde bei allem Schmerz als positiv erlebt.

Zum Alltag in der JVA gehören auch Konflikte zwischen den Frauen. Laut Sibylle Rölli, als ­Arbeitsagogin im Stoffwerk tätig, kommt es auf die Zusammensetzung der Gruppe an, die gerade arbeitet. Bühler sagt, eine ein­zelne Frau könne die ganze Gruppen­dynamik verändern.

Es sei unterschiedlich, wie oft es zu Konflikten komme. «Im Moment werden wir fast täglich mit offenen oder auch niederschwelligen Streitereien konfrontiert.» Nora Affolter, Leiterin der Wohngruppe Massnahmenvollzug, erklärt, wie in einem solchen Fall vorgegangen wird: «Ist ein sofortiges Einschreiten nötig, machen das die Dienst habenden Mitarbeitenden. Geht es aber um länger andauernde Konflikte, ­besprechen wir das als Team und suchen gemeinsam mit den ­betroffenen Frauen nach Lö­sungen.»

Direktorin Annette Keller erklärt, bei Streiten gehe es oft um Eifersucht und Gerechtigkeitsempfinden. Insassinnen hätten das Gefühl, andere würden besser behandelt. «Man fühlt sich schnell benachteiligt hier drin», sagt sie. «Körperliche Auseinandersetzungen gibt es aber sehr selten.»

Vollzug und Massnahmen

In der JVA Hindelbank werden neben Freiheitsstrafen auch Massnahmen vollzogen. Keller erklärt: «Bei den Männern werden diese beiden Arten des Vollzugs stets getrennt geführt. Doch bei den Frauen geht das nicht, weil es zu wenig Frauen hat für eine reine Massnahmeninstitution.» Es seien zwischen 10 und 20 Frauen, die Massnahmen bräuchten. Der Grossteil der ­Insassinnen ist also im Strafvollzug. Das bedeutet: Ein Gericht hat für eine Frau die Dauer der Strafe festgelegt, die sie absitzen muss. Spricht ein Gericht jedoch eine Massnahme aus, ist das an eine Therapie gebunden.

Wie lange das dauert, ist nicht genau definiert. Das wird jährlich ­geprüft. Man könne nicht voraussagen, wie lange es dauere, bis die Therapie wirke, sodass die betreffende Insassin schliesslich draussen deliktfrei leben könne. «Diese Ungewissheit ist für die Frauen natürlich sehr schwer zu akzeptieren», so Keller.

Der Alltag der Frauen in Hindelbank ist letztlich geprägt von der Gewissheit, aktuell kein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Bleibt die Hoffnung, dass dies über die Feiertage wenigstens für einen Moment in den Hintergrund gerückt wird.

Berner Zeitung

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