Das Grounding aller Berner Flughafenpläne

Warum verfügt die Schweizer Hauptstadt nur über den Kleinflugplatz im Belpmoos? Nicht weniger als vier Flughafenprojekte im Kanton wurden versenkt. Das erste vor fast siebzig Jahren in Utzenstorf.

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Die farbigen Kürbisse in der Auslage vor dem Neumatthof leuchten in der Herbstsonne. Das saftige Bauernland ist zwischen Utzenstorf und Kirchberg unbernisch flach und weitläufig. Ein Bussard kreist über den Feldern. Und die Neumattbäuerin spricht beim Kürbisverkauf vom Glück, dass sich die Bauern vor siebzig Jahren gegen den Grossflughafen bei Utzenstorf gewehrt haben: «Ohne sie wäre unser Hof weg.»

Vorzeitiges Grounding

An der Stelle des Hofs würde heute eine 2,8 Kilometer lange und 75 Meter breite Flughafenpiste die Felder zerschneiden. Ein halber Wald wäre gerodet worden. Dröhnende Düsenjets würden die Bussarde in die Flucht schlagen. Das Flughafenprojekt kam aber nie über den Papierfliegerstatus hinaus. Vor siebzig Jahren, am 22. Juni 1945, versenkte die Bundesversammlung den Airport Utzenstorf und gab Zürich-Kloten den Zuschlag als nationales Gate zum Himmel.

Im Powerplay um den Anschluss an den internationalen Luftverkehr habe der Standort Utzenstorf starken Gegenwind gespürt, sagt der Historiker Sandro Fehr. Aus Zürich, wo in Dübendorf schon der meistfrequentierte Schweizer Flugplatz bestand. Aber auch aus Genf und Basel. Fehr hat in seiner mittlerweile publizierten Dissertation «Die Erschliessung der dritten Dimension» (Chronos-Verlag) die Ausmarchung um den Nationalflughafen aufgearbeitet.

Er hat auch rekonstruiert, wie im Kanton Bern nicht nur in Utzenstorf, sondern auch bei späteren Flughafenprojekten der Anschluss an den Luftverkehr von zögerlichen Behörden verspielt und durch geballten bäuerlichen, später grünen Widerstand verbaut wurde. Die Berner blieben auf der Scholle sitzen, statt in die Luft abzuheben. Heute müssen sie sich mit dem Regionalflugplatz Bern-Belpmoos begnügen.

Karl Fischers Komitee

Beim Neumatthof trifft nun die Utzenstorfer Lokalchronistin Barbara Kummer ein und marschiert voran auf einem schmalen Feldweg für Traktoren. Dort, wo die Flughafenpiste geplant war. Wortreich lässt sie den damaligen Widerstandsgeist der Bauern aufleben. Nur drei Jahre nachdem Geometer die Felder für die Güterzusammenlegung rund um Utzenstorf vermessen gehabt hätten, seien sie 1942 schon wieder aufgetaucht. Den Bauern sei das suspekt gewesen. Bald hätten sie den Landvermessern entlockt, dass es diesmal um ein Flughafenprojekt gehe.

Karl Fischer – Grossbauer, Gemeindepräsident und Grossrat der SVP-Vorläuferpartei BGB – koordinierte den Kampf. Er bot die Bauern in den Bären Utzenstorf auf zur Gründung eines Aktionskomitees gegen den Grossflughafen. Fischer überzeugte alle Bauern, per Unterschrift zu garantieren, kein Land für das Projekt zu verkaufen.

Barbara Kummer ordnet den damaligen Abwehrkampf in die Zeitumstände ein. Mitten im Zweiten Weltkrieg, als die Lebensmittel rationiert waren und durch die Anbauschlacht die Selbstversorgung erhöht wurde, habe niemand verstanden, dass in Berns Kornkammer bester Ackerboden gleich hektarenweise geopfert werden sollte. Das Fliegen habe überdies als «Luxus für reiche Pinkel» gegolten.

Spott über den Fortschritt

Zu Hause in ihrem Hof in Utzenstorf, gleich gegenüber dem Hof des Widerstandsführers Karl Fischer gelegen, holt Barbara Kummer alte Broschüren hervor, mit denen die Bauern ihren Widerstand propagandistisch verstärkten. Selbstbewusst verteidigten sie ihr Land. Und dachten nicht daran, dass ein Flughafen die mittelprächtige Konkurrenzfähigkeit ihres bedächtigen Bauern- und Beamtenkantons verbessern könnte.

Die Satirezeitschrift «Bärenspiegel» verspottete das Flughafenprojekt Utzenstorf 1943 in einer Sondernummer. Auf deren Rückseite reitet ein wackerer Bauer mit Mistgabel auf einer Kuh gegen ein Flugzeug an. Auf einer anderen Karikatur sitzt eine Dame von Welt neben einem lokalen Bauern an einer Flughafenbar. Der Text lautet: «Und wollte man zu Utzenstorf den Flugplatz gar erstreben, würd’ es ein sonderbar Gemisch von Demi-Monde und Chüedräck geben.» Auch wenn die Bauern auf den Karikaturen wie Trampel aussahen: Das Satiremagazin machte sich mit bernisch-bäuerlicher Beharrungskraft über den Fortschritt lustig.

Klara Fischers Erinnerung

In der eigens von den Flughafengegnern gedruckten Broschüre «Bauernland zwischen Emme und Oesch» findet sich unter schönen Fotos wogender Kornfelder auch ein Bild mit dem legendären Bauernbundesrat Rudolf Minger, samt Hut und Stumpen. Neben ihm stehen Widerstandsführer Karl Fischer und ein blondes Mädchen mit Schürze. Die damals etwa 15-Jährige ist Fischers Tochter.

Die ehemalige Bäuerin lebt heute im Alter von 88 Jahren in Aarberg. Am Telefon erinnert sich Klara Liechti-Fischer an die Fotoszene, als wäre es gestern gewesen. Ihr Vater habe Minger gut gekannt und ihn mit Bauernfunktionären zum Augenschein am geplanten Flugplatzstandort aufgeboten. Es sei Hochsommer gewesen, Erntezeit. Der bundesrätliche Feldbesuch verfehlte seine abschreckende Wirkung nicht. Bald war das Flughafenprojekt vom Tisch.

Klara Liechti rühmt ihren Vater. Er habe die bei der Güterzusammenlegung zerstrittenen Bauern geeint und ihnen vor Augen geführt, dass einigen die Umsiedlung drohe. Bestes Ackerland in der Kornkammer des Kantons wäre verloren gewesen, sagt Klara Liechti-Fischer. Sie erinnere sich gern an die «Riesenfreude über den Sieg der Bauern».

Luftkampf um Nationalairport

Historiker Sandro Fehr relativiert den Sieg: «Der Widerstand der Bauern wird rückblickend überhöht», sagt er. Das Projekt sei vor allem an der nationalen Konkurrenz gescheitert. 1942, blendet Fehr zurück, habe das Eidgenössische Luftamt – die Vorläuferin des heutigen Bundesamts für Zivilluftfahrt – als Arbeitsbeschaffungsmassnahme im Krieg die Kantone aufgefordert, Projekte für neue Stadtflughäfen und einen Interkontinentalflughafen einzureichen.

Kanton, Stadt sowie die Flugplatzgenossenschaft Bern hätten das 89-Millionen-Projekt für einen Zentralflughafen in Utzenstorf vorgelegt. Doch Zürich, Basel und Genf betrachteten den Berner Grossflughafen als Konkurrenz und bekämpften ihn. Zürich konterte mit einem eigenen Projekt in Kloten. Weil es schon damals das wirtschaftliche Kraftzentrum und der Luftverkehrsknotenpunkt des Landes gewesen sei, habe sich Zürich gegen Bern durchgesetzt, erklärt Fehr.

Es waren damals noch nicht grüne Umweltsorgen, die die Widerständler leiteten. Ein grünes Umweltbewusstsein und eine höhere Sensibilität gegen Fluglärm seien erst später mit dem Wachstum von Siedlung und Verkehr entstanden, sagt Fehr. Der Widerstand in Utzenstorf sei noch ganz und gar agrarisch begründet gewesen. Die Bauern hätten vor der Zerstörung von Kulturland, scheuenden Pferden, negativen Einflüssen auf die Witterung und Konkurrenzierung durch eingeflogene Agrarprodukte gewarnt.

«Kette verpasster Chancen»

Die stolze Saga vom Sieg der Utzenstorfer Bauern unterschlägt, dass er nur vorläufig war. Das Luftamt vergab mit der Kür von Kloten noch Lizenzen für kleinere Kontinentalflughäfen in Basel, Genf und Bern. Basel machte in St-Louis und Genf in Cointrin vorwärts. Die Berner aber hatten nach dem Grounding in Utzenstorf keinen Plan B. 1947 scheiterte eine Modernisierung im Belpmoos am Volksnein. Erst auf Druck der Swissair, die ihre Flüge nach Belp wegen der unzureichenden Rasenpiste einzustellen drohte, wurde 1959 die erste Betonpiste gebaut.

Eher zögerlich versuchten die Berner Kantonsbehörden in drei Anläufen einen Berner Kontinentalflughafen zu bauen. 1963 wurde das Projekt auf dem Hügelzug nördlich von Herrenschwanden beerdigt, weil es den ringsum entstandenen Berner Vorortssiedlungen in die Quere gekommen wäre. 1966 bodigte der Verein gegen einen Kontinentalflughafen das Projekt am Westrand des Forsts bei Rosshäusern, das Stadtberner Landreserven verbaut hätte.

Beim Projekt im seeländischen Kallnach sahen sich die Kantonsbehörden und Wirtschaftsverbände jener heute noch wirksamen Powerallianz von Bauern und grünen Umweltschützern gegenüber. Gegen die geschlossene Abwehrfront der Seeländer Gemeinden resignierten die Behörden. 1970 erledigte der Grosse Rat das Projekt auf dem sumpfigen Seelandboden. Einen neuen Flugplatz auf der grünen Weise zu erstellen, war unmöglich geworden. Dreissig Jahre Berner Flughafenplanung endeten in einem Scherbenhaufen.

Historiker Fehr spricht von einer «Kette verpasster Chancen». Natürlich, fügt er an, könne man aus einer anderen Perspektive von einer erfolgreichen Abwehr des Fluglärms sprechen. Und er räumt ein, dass ein Flughafen im Kanton Bern wohl wirtschaftlich weit weniger ausgelöst hätte als in Zürich oder in Genf.

Tradition der Schwerkraft

Das Belpmoos wurde erst in der Ära privater Linienflüge ab 2000 modernisiert. Auch weil sein Ausbau immer wieder behindert worden war, hat sich dort bis heute kein umfangreicher Flugbetrieb entwickelt. Dennoch wehren sich Anwohner gegen den Fluglärm und einen Pistenausbau. Sie knüpfen an den Abwehrgeist von Utzenstorf an. Die Utzenstorfer haben damals eine Berner Widerstandstradition gegen grosse Verkehrsvorhaben begründet. Sie lebt bis in die Gegenwart weiter.

Das belegt die hübsche Geschichte vom kleinen vierstelligen Frankenbetrag, der 1947 noch auf dem Sparheft der siegreichen Utzenstorfer Flughafengegner lag. Der Kirchberger Anwalt Martin Bürgi bestätigt, dass die Summe fast vierzig Jahre später als «willkommener Startbeitrag» weitergereicht worden sei – an das Komitee, das sich gegen die 2004 eröffnete Bahn 2000 wehrte. Bürgi war dessen Sekretär.

Die Landverteidiger konnten zwar ein Referendum erzwingen, das Schweizervolk nahm die Schnellbahnstrecke aber 1987 an. Immerhin konnte das Komitee die Linienführung auf einem Damm mitten durchs Utzenstorfer Ackerland abwenden.

In einer Stunde in Kloten

Als sich in den 1960er-Jahren auch die bedächtigen Berner mit dem Fortschritt anfreundeten, wurde dann doch noch eine Piste ins grüne Ackerland bei Kirchberg geschlagen: die Autobahn A1. Auf ihr und auf der parallel geführten Bahn 2000 erreichen die vom Fluglärm verschonten Berner heute locker in einer Stunde den Flughafen Kloten. Die Autobahn entlang aber haben sich bei Lyssach und Kirchberg Shoppingpaläste tief ins bäuerliche Kulturland hineingefressen. Fast bis zum Neumatthof. Von fern erinnern sie an Flughafenterminals. (Berner Zeitung)

Erstellt: 22.11.2015, 09:14 Uhr

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