«Äckegstabi»

Um Zugvögel zu beobachten, braucht man vor allem ein gutes Ohr, einen schnellen Griff zum Feldstecher und starke Nackenmuskeln. Ein Samstagmorgen am internationalen Zugvogelbeobachtungswochenende auf der Hinterarnialp.

Gut zwei Dutzend Menschen kamen am Samstagmorgen auf die Hinterarnialp, um stundenlang den Kopf in den Nacken zu legen.

Gut zwei Dutzend Menschen kamen am Samstagmorgen auf die Hinterarnialp, um stundenlang den Kopf in den Nacken zu legen. Bild: Andreas Marbot

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«Djüb, djüb». Christian Rösti, Jahrgang 1983, Biologe, Zoologe und in Wasen aufgewachsen, ist ganz Ohr. Jedoch ist gerade deshalb das Gespräch mit ihm nicht ganz einfach. Denn immer wieder erstarrt sein Körper kurz, dann geht sein Blick gen Himmel. Er dreht sich ab, ruft «Buchfinken!», greift rasch zum Fernglas und sagt: «25.» Sandra Wahlen, hinter ihm am Tisch sitzend, eingepackt in eine dicke Jacke und Halstuch, greift zum Stift und notiert hinter «Buchfinken» die Zahl 25.

Am letzten Wochenende fand zum 25. Mal das internationale Zugvogelbeobachtungswochenende der Organisation Birdlife statt, mit europaweit um die 1000 Veranstaltungen in rund vierzig Ländern (siehe Kasten). Überall waren auch vogelkundige Fachpersonen mit Feldstecher und Fernrohr dabei und erzählten ein wenig aus dem Nistkästchen.

Im Emmental war es der Natur- und Vogelschutzverein Wasen, der das Happening organisiert hatte. Der Anlass auf der Hinterarnialp hat Tradition und dient auch ein bisschen dazu, das Vereinskässeli aufzubessern. In der Festhütte waren die vorbereiteten Kaffee-Lutz-Gläser und die grossen Feldschlösschen-Bierflaschen zahlreich und ordentlich aufgereiht.

Etliche Bratwürste brutzelten schon früh am Morgen auf den Grillrosten, und die Festtische standen eng nebeneinander. 325 Besucher nahmen am Wochenende den steilen Weg auf sich, um auf 1220 Metern über Meer stundenlang den Kopf in den Nacken zu legen. Der eine oder andere «Äckeg­stabi» gehört da wohl dazu.

Am Samstagmorgen um 9 Uhr haben sich schon ein Dutzend Menschen um Christian Rösti versammelt. Ihre Hände haben sie, ähnlich wie der Cowboy seine nahe dem Pistolenhalfter, auf Brusthöhe positioniert, den Feldstecher immer griffbereit.

Bereits nach einer Stunde ­stehen 20 verschiedene gesichtete Vogelarten auf der Liste.

Doch die Augen spielen hier eigentlich nur die zweite Geige. Bei einer Vogelzugbeobachtung braucht man vor allem ein gutes und geschultes Gehör, wie Rösti erklärt, bevor er wieder zusammenzuckt, den Kopf abdreht und seine Ohren sich buchstäblich spitzen: «Gippgipp.» Rösti ruft: «Fichtenkreuzschnabel. 2.» Sandra Wahlen notiert. «Für Laien kann das ein bisschen frustrierend sein», sagt Christian Rösti. Wer die Flugrufe der Vögel nicht hört und kennt, sieht die Tiere oft auch nicht.

Denn nicht jeder Vogel fliegt auch gleich über die Alp. Die Zugvögel suchen den geringsten Widerstand, meiden deshalb die höchsten Stellen und umfliegen oft den Aussichtspunkt. Deshalb muss man ganz Ohr sein und dann schnell beim Ziehen des Feldstechers. Oder man vertraut auf Christian Rösti; dem entgeht kein noch so scheues Piepsen. «Tsip-tsip-tsip.» «Wiesenpieper, 3!»

Aber natürlich kommen auch die Augen nicht zu kurz: die noch taufeuchten und bereits bunten Wälder. Die ersten Sonnenstrahlen, die immer wieder wie Lanzen durch aschgraue Wolken spiessen. Der Blick, der in alle Himmelsrichtungen frei ist.

Die Lage heute sei günstig, aber nicht ideal, meint Rösti. Kein Nebel, kein Regen, kein Schnee, dafür hat es Wind, und der kommt aus Süden. Niemand fliegt gern bei Gegenwind, auch die Vögel nicht. Aber der scheint heute trotzdem kein grosses Hindernis darzustellen. Denn es ist viel los am Himmel. Bereits nach einer Stunde stehen auf Sandra Wahlens Liste 20 verschiedene gesichtete Vogelarten.

Sperber, Tauben, Misteldrossel, aber vor allem Kohlmeisen, Schwalben und viele, viele Buchfinken. Die Zugvogelbeobachtung findet immer am ersten Oktoberwochenende statt. Laut Christian Rösti sind zu dieser Zeit zwar viele Vögel zu sehen, nur an der Vielfalt mangelt es ein bisschen.

Das Reizvolle ist das Warten auf das Ungewöhnliche – auf die Sensation.Christian Rösti, Ornithologe

Christian Rösti war schon immer von der Natur angetan. Für ihn war früh klar, dass er Biologie studieren will. Schon sein Vater war Biolehrer. Obwohl Insekten im Allgemeinen und Heuschrecken im Speziellen heute seine Fachgebiete sind, ist Rösti in Sachen Vögel besser als jedes Lexikon. Was ihm denn an diesem Anlass so reize?

«Das Warten auf das Ungewöhnliche», sagt er. «Auf die Sensation.» Eine solche wäre etwa ein Schwarzstorch. Aber schon die beiden kreisenden Rotmilane lösen bei dem inzwischen auf zwanzig Menschen angewachsenen Grüppchen «Ahs» und «Ohs» aus. So um halb elf stösst sogar der abgebrühte Christian Rösti ein «Wunderbar!» aus. «Ziek, ziek.» Ein Trupp Kernbeisser zieht vorbei - zur allgemeinen Begeisterung.

Die Sonne bricht durch die Wolken. Von einem älteren Mann ist mit schon fast verschwörerischer Stimme zu vernehmen: «Es wird warm, die Greifvögel kommen.» Ab jetzt scheinen alle ein bisschen auf ihn zu warten, ein weiteres Highlight: den Bergadler. Noch ist er nicht zu sehen.

Begeistert ist Christian Rösti aber wegen eines anderen Vogels, der plötzlich über die Hinterarnialp zieht: die Wiesenweihe. Sie ist etwas kleiner als ein Mäusebussard, extrem selten und in der Schweiz eigentlich ausgestorben. Da kann auch der Ornithologe nicht anders und muss es eine «leichte Sensation» nennen.

Und während Christian Rösti von Arven säenden Tannenhähern erzählt und von Bergpiepern, die während des Flugs aussähen, als wüssten sie nicht so recht, wo es durchgehe, kommen immer mehr Autos auf die Alp hochgefahren. Die Buchfinken ziehen immer noch am zahlreichsten gen Süden, und über den Baumkronen liefern sich Turmfalken und Raben ein Intermezzo. Bis zur Mittagszeit ist noch kein Bergadler aufgetaucht. Aber das Warten auf die Sensation hat ja erst angefangen.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 08.10.2018, 19:09 Uhr

Ornithologe Christian Rösti ­entgeht kein Piepschen. (Bild: Andreas Marbot)

Die Zahlen

Anlässlich des 25. Euro-Birdwatch luden am Wochenende 58 lokale Sektionen von Birdlife Schweiz zur Beobachtung des herbstlichen Vogelzugs ein. Die Schweiz nahm zusammen mit 39 weiteren Ländern europaweit am jährlich stattfindenden Grossanlass teil. Hierzulande zählten mehr als 4000 Teilnehmende insgesamt um die 145 000 Zugvögel.

Dabei werden jeweils auch die drei häufigsten Arten bestimmt; dazu gehörten in diesem Jahr in der Schweiz der Buchfink mit total 72 883, die Ringeltaube mit 21 059 und der Star mit 13 843 gezählten Vögeln.

Im Emmental wurde der Anlass vom Natur- und Vogelschutzverein Wasen organisiert. Hier wurden an beiden Tagen insgesamt 3638 Vögel gezählt. Die Spitzenreiter sind auch hier mit 1925 gesichteten Vögeln die Buchfinken, mit 489 der Star und mit 296 die Ringeltauben.

Die Höhepunkte waren, wie der Verein schreibt, eine seltene Wiesenweihe, ein Wanderfalke im Sturzflug und ein gesichteter Fischadler. Heuer waren Partnerorganisationen aus 40 Ländern am sogenannten Euro-Birdwatch beteiligt und lockten mit ihren rund 1000 Anlässen insgesamt über 20 000 Teilnehmende an. Diese zählten weit über 4 Millionen Zugvögel auf dem Weg in ihre Winterquartiere. (mbu/pd)

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