Zum Wachsen verdammt?

Wiedlisbach

Das 2200-Seelen-Städtli will wachsen und gut betuchte Neuzuzüger anlocken. Die dafür nötigen Baulandumzonungen sind aber umstritten, wie sich bei einer Vorstellung der beabsichtigten Ortsplanrevision zeigte. Ab sofort können sich die Wiedlisbacher zum Entwurf der neuen Ortsplanung äussern.

Nachdenklicher Stratege: Der für die Ortsplanung zuständige Gemeinderat Martin Allemann (FDP) will dem Städtli einen Wachstumsschub verordnen; noch konnte er nicht alle Wiedlisbacher von seinen Ideen überzeugen.

Nachdenklicher Stratege: Der für die Ortsplanung zuständige Gemeinderat Martin Allemann (FDP) will dem Städtli einen Wachstumsschub verordnen; noch konnte er nicht alle Wiedlisbacher von seinen Ideen überzeugen.

(Bild: Robert Grogg)

Stefan Aerni

Wiedlisbach hat einen schweren Stand. Die Gemeinden rund um das einstige Vorzeigestädtchen florieren und ziehen Grossunternehmen an. Derweil scheint Wiedlisbach, vor bald vierzig Jahren einmal für seine vorbildliche Ortsbildpflege ausgezeichnet, auf den vergilbenden Lorbeeren auszuruhen.

Städtli braucht neuen Schub

Damit soll jetzt Schluss sein. «Es besteht Handlungsbedarf», sagte Gemeinderat Martin Allemann (50) am Mittwoch an einem öffentlichen Infoanlass zur bevorstehenden Revision der Ortsplanung. Allemann, im Rat zuständig für Strategie und Entwicklung, ging sogar noch weiter: «Wir müssen einen Zwischenspurt einlegen.» Andernfalls könne Wiedlisbach seine Schulhäuser und andere öffentliche Bauten bald nicht mehr unterhalten und gerate in eine finanzielle Schieflage.

Den Ausweg sieht Allemann vor allem in einer Massnahme: den qualitativ guten Wohnbau fördern. Wiedlisbach könne und wolle nicht Industrie anziehen wie Niederbipp oder Oensingen. Trotzdem sieht das schmucke Städtchen eine Möglichkeit, vom Entwicklungsschub entlang der Autobahn zu profitieren. Allemann: «Wir können die Voraussetzungen dafür schaffen, dass wir für Neuzuzüger interessant sind.» Der FDP-Gemeinderat und die Planungskommission, die er präsidiert, schlagen deshalb vor, in der Gerzmatt drei Hektaren Bauland einzuzonen (entspricht rund drei Fussballfeldern).

Der Haken: Wiedlisbach kann die in der Landwirtschaftszone liegende Gerzmatt nicht einfach zu Bauland machen. Denn das Städtli hat nach geltendem Raumplanungsgesetz mit über sieben Hektaren bereits genügend Bauland. Nur ist dieses zerstückelt oder wird nicht als Bauland zur Verfügung gestellt. Diese ungenutzten Bauparzellen möchte die Gemeinde jetzt zurückzonen in sogenannte Grün- und Gartenzonen. Im Gegenzug dürfte die Gemeinde dann wieder Bauland schaffen – eben in der Gerzmatt.

Ein Plan, der die Wiedlisbacher verunsichert. Schon vor der Orientierung am Mittwoch waren böse Worte gefallen. Da war von «Enteignung» oder gar «Diebstahl» die Rede – zumeist von Landbesitzern, deren Grundstücke in die Grün- und Gartenzone verbannt würden und so massiv an Wert verlören (wir berichteten). Auch an der Information durch die Gemeinde war die Verunsicherung jetzt spür- und hörbar.

Angst vor Wertverlust

Viele Landbesitzer befürchten, wenn ihre Grundstücke einmal in die Grün- und Gartenzone zurückgestuft worden sei, so habe es für immer an Wert verloren. Gemeinderat Martin Allemann beschwichtigte jedoch: Eine Ortsplanung gelte nur für zehn bis fünfzehn Jahre. Danach könne Land in der Grün- und Gartenzone problemlos wieder zu Bauland werden – «solche Parzellen geniessen dann erste Priorität».

Allemann sieht in der Grün- und Gartenzone das «einzige verfügbare Instrument», damit Wiedlisbach wachsen könne. «Ohne Umzonung ist bei uns Wachstum nicht möglich.»

Überzeugen vermochte er damit nicht alle der gut 100 Interessierten in der Froburg. «Da soll mit der grossen Chelle angerichtet werden», meinte einer spöttisch. Und ein alter Landbesitzer, der über die beabsichtigte Umzonung vorinformiert worden war, sagte, er sei richtiggehend «überrumpelt» worden. «Ich und meine Frau konnten die ganze Nacht nicht schlafen.»

Berner Zeitung

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