Kirchberg

«Zeugen Jehovas lassen kaum eigenes Denken zu»

KirchbergFür den habilitierten Theologen Matthias Zeindler ist es legitim, wenn man die Zeugen Jehovas als Sekte bezeichnet. Dass von der Gruppierung eine Gefahr für die breite Öffentlichkeit ausgeht, glaubt er dagegen nicht.

Der landeskirchliche Theologe Matthias Zeindler  kann freikirchliche Frömmigkeit verstehen, übt in wichtigen Punkten aber auch Kritik.

Der landeskirchliche Theologe Matthias Zeindler kann freikirchliche Frömmigkeit verstehen, übt in wichtigen Punkten aber auch Kritik. Bild: Urs Baumann

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Herr Zeindler, handelt es sich bei den Zeugen Jehovas um eine Sekte oder nicht?
Matthias Zeindler: Unter Theologen und Religionswissenschaftern ist umstritten, ob der Begriff Sekte zur Bezeichnung von religiösen Gemeinschaften noch taugt – immerhin enthält er starke Wertungen. Ich halte es für sinnvoll, dann von Sekten zu sprechen, wenn die persönlichen Entscheidungen stark eingeschränkt werden. Das ist bei den Zeugen Jehovas weitgehend der Fall. Sie lassen bei ihren Mitgliedern kaum eigenes Denken zu und verlangen, dass vorgegebene Wahrheiten akzeptiert werden. Auch was den Ausschluss von abtrünnigen Mitgliedern angeht, sind die Zeugen Jehovas radikal. Sie verbieten selbst dann den Kontakt, wenn dadurch Familien auseinandergerissen werden. Auch sonst wird das Leben der Mitglieder durch die Gemeinschaft stark bestimmt, sei es durch die zahlreichen Gottesdienste, sei es durch die Missionseinsätze, über die genau Buch geführt wird.

Wie stark sind die Zeugen Jehovas hierzulande verbreitet?
Es gibt Zahlen aus dem Jahr 2008. Damals ergab eine Erhebung, dass die Zeugen Jehovas schweizweit rund 18'000 Mitglieder haben und im Kanton Bern etwa 1600.

Die Gemeinschaft baut in Kirchberg einen Königreichssaal. Zuvor hat sie jahrelang vergeblich versucht, in der Region eine Bewilligung zu erhalten. Können Sie die ablehnende Haltung der Behörden nachvollziehen?
Aus emotionaler Sicht kann ich das. Die Zeugen Jehovas werden als Sekte wahrgenommen, deshalb ist die Ablehnung vielerorts gross. Aus juristischer Sicht müssen die Behörden aber – sofern der religiöse Friede nicht gestört wird – auch die Zeugen Jehovas im Sinne der Religionsfreiheit behandeln.

Können Sie die radikale Weltanschauung der Zeugen Jehovas in wenigen Sätzen zusammenfassen?
Die Zeugen Jehovas betrachten sich als die wahren Christen, andere Kirchen und Religionen sind falsche Wege. Die Welt ausserhalb der eigenen Gemeinschaft steht unter der Herrschaft des Teufels. Die Bibel gilt als wörtlich von Gott inspiriert, sie wird aber sehr selektiv interpretiert. Wichtig ist die Vorstellung von einer Schlacht zwischen Gott und dem Bösen am Ende der Tage und dem Beginn von Gottes Herrschaft. Nur die Menschen, die im Sinne der Zeugen Jehovas leben, werden in diese neue Welt aufgenommen, alle anderen gehen unter.

Dass eine Gruppierung mit einem solch radikalen Weltbild noch neue Mitglieder findet, erstaunt doch sehr.
Ich bin vorsichtig, die Mitglieder einer religiösen Gemeinschaft zu typisieren. Die Geschichte zeigt, dass die Zeugen Jehovas immer dann viel Zulauf hatten, wenn ein neues Datum für das Weltende errechnet wurde; wenn dieses dann nicht eintraf, gingen die Anhängerzahlen wieder zurück. Es scheint Zeiten der Unsicherheit zu geben, in denen die Aussicht auf ein radikales Ende der Welt für gewisse Menschen attraktiv ist.

Sind die Zeugen Jehovas gefährlich?
Wenn eine Gemeinschaft der Auffassung ist, dass es irgendwann zu einer Endschlacht kommt, bei der alle, die nicht wie sie glauben, vernichtet werden, gibt das schon zu denken. Wirklich gefährlich ist die Gruppierung aber wohl nur dann, wenn man ihr zugehört und sich losmachen möchte.

Sind die Zeugen Jehovas in der Schweiz auch so radikal, wie Sie es soeben schilderten?
Ich wüsste jedenfalls nicht, dass es je nach Land unterschiedliche Lehrauffassungen gibt. Die Zeugen Jehovas sind stark hierarchisch strukturiert.

Wie ist das Verhältnis der Schweizer Landeskirchen zu den Zeugen Jehovas?
Es gibt kein Verhältnis. Da die Zeugen Jehovas jedes andere Bekenntnis als Irrweg betrachten, gibt es keine Grundlage für ein Gespräch – eine Gemeinschaft wie die Zeugen Jehovas ist strukturell dialogunfähig.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 12.10.2012, 09:44 Uhr

Zur Person

Matthias Zeindler (54) ist promovierter und habilitierter Theologe. Er arbeitet als Leiter des Bereichs Theologie der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn und hat als Titularprofessor einen Lehrauftrag für Systematische Theologie an der Universität Bern.

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