Kräiligen

Wo aus faulen Karotten Strom wird

KräiligenDie Biogasanlage in Kräiligen erzeugt aus über 9000 Tonnen organischen Abfällen pro Jahr rund 2 Millionen Kilowattstunden Strom. Zur besseren Auslastung soll sie um einen Tank für Flüssigkeiten erweitert werden.

Im Blockheizkraftwerk: Bebag-Betriebsleiter Samuel Fischer und  Geschäftsleiter Jürg Spahr (rechts).

Im Blockheizkraftwerk: Bebag-Betriebsleiter Samuel Fischer und Geschäftsleiter Jürg Spahr (rechts). Bild: Olaf Nörrenberg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ein Anhänger voller Rüebliab­fälle. Ein Berg Kaffeesatz. Ein Hügel aus Getreideresten. Ein Haufen Mist und ein Häufchen geschnittenes Gras. So sieht es vor der Biogasanlage im Industrie­gebiet von Kräiligen aus. Diese organischen Abfälle werden dem sogenannten Fermenter, dem Herzstück der Anlage, zugeführt und darin vergoren. Dabei entsteht Gas, das zu Strom umgewandelt wird.

Aus über 9000 Tonnen Biomasse produziert die Kräiliger Anlage jährlich rund 2 Millionen Kilowattstunden Strom. Damit kann sie den Verbrauch von circa sechshundert Haushalten ab­decken. «Betonkuh» nennt Betriebsleiter und Landwirt Samuel Fischer den Fermenter. Denn der Bioreaktor funktioniere ähnlich einem Kuhmagen und müsse ständig gefüttert werden.

Bessere Auslastung

Biogasanlagen als alternative Energiequellen boomen. Der Markt für die Substrate ist mittlerweile umkämpft. Auch die Bioenergie Bätterkinden AG (Bebag), der die Anlage in Kräiligen gehört, spürt die Konkurrenz: Die Preise, die man für die Abfallentsorgung erhalte, seien gesunken, sagt Bebag-Geschäftsführer Jürg Spahr, ohne konkrete Zahlen zu nennen. Die Substrate seien immer schwieriger zu beschaffen.

Deshalb will sich die Bebag mit einem zusätzlichen Lagertank für die Zukunft rüsten. Ein entsprechendes Baugesuch liegt derzeit auf. Geplant ist ein Tank mit einem Fassungsvermögen von 30'000 Litern sowie eine Auffangwanne.

Künftig sollen nebst festen auch flüssige Substrate verarbeitet werden. «Damit haben wir eine Option mehr», meint Spahr. Gelagert wird in erster Linie ein Gemisch aus Alkohol und Wasser aus der Industrie, das laut dem Geschäftsführer sehr energiereich ist. «So können wir die Anlage besser auslasten und mehr Output erreichen.»

Abfälle von Steffen-Ris

Die Anlage läuft seit knapp sieben Jahren. Investiert wurden damals 5 Millionen Franken. Hauptaktionärin ist mit 56 Prozent die BKW, mit 34 Prozent ist Steffen-Ris und mit 10 Prozent die Fischer Agri GmbH der Brüder Ruedi und Samuel Fischer beteiligt.

Die Gemüse- und Früchtehändlerin Steffen-Ris ist mit etwa 40 Prozent Hauptlieferantin der Biomasse. Deren Leistungszen­trum befindet sich auf der anderen Strassenseite. Dort werden vor allem Kartoffeln, Karotten und Zwiebeln für den Verkauf aufbereitet, sortiert und verpackt.

Von Steffen-Ris stammt auch die Idee für die Biogasanlage: Sortierabgänge, die nicht verkäuflich, gar faul sind und nicht an Tiere verfüttert werden können, landen bei den Nachbarn in der An­lage. Nebst Gemüseresten werden Mist und Gülle von Bauernbe­trieben, Getreideabgänge von Mühlen oder Kaffeesatz aus der Industrie verwertet. Die Lieferanten kommen zumeist aus der Umgebung, sagt Samuel Fischer.

Dreissig Tage im Fermenter

Auf einem Rundgang erklären Fischer und Spahr, wie die Anlage funktioniert. Wenn nötig wird das angelieferte Material gereinigt, bevor es in einem Schubbodencontainer für die Weiterverarbeitung zwischengelagert wird. Eine Hammermühle zerschlägt die Gemüseabfälle zu einer breiartigen Substanz, die danach in den Fermenter gepumpt wird. Dieser werde stündlich mit Material versorgt, erläutert Betriebsleiter Fischer. «24 Tonnen pro Tag. Pro Stunde eine Tonne.»

Dann sind die Mikroorganismen an der Reihe. «365 Tage im Jahr arbeiten die Bakterien, 24 Stunden täglich, unermüdlich und ohne Lohn», sagt Fischer und lacht. Sie sind aber nicht ganz anspruchslos: Bei gleich bleibender Qualität und Menge würden sie am besten arbeiten, sprich am meisten Gas produzieren. Auch werde die Temperatur im Fermenter bei anaeroben Bedingungen konstant auf 55 Grad gehalten.

Insgesamt 800 Kubikmeter haben Platz im Behälter, der ständig gefüllt ist. Ein Rührwerk hält die Masse in Bewegung. Das Biogas sammelt sich im oberen Teil, wo es gespeichert wird. Etwa dreissig Tage bleibt das Substrat im Fermenter. Dieser lässt sich freilich im Betrieb nicht öffnen, aber via Computer steuern.

Strom und Wärme

Das vergorene, nun flüssige Material wird ins Gärrestlager, einen Behälter mit einem Volumen von 4000 Kubikmetern, gepumpt. Es geht als Felddünger zurück in die Landwirtschaft. «Auf diese Weise schliessen wir den Nährstoff­kreislauf», erklärt der Betriebs­leiter.

Das Biogas gelangt über eine Leitung ins Blockheizkraftwerk. Ein Gasmotor treibt dort einen Generator an, der elektrische Energie produziert. Der Strom wird dann ins Netz eingespeist. Die bei der Stromproduktion anfallende Wärme wird zum Teil wieder in den Fermenter geleitet, um die 55 Grad zu gewährleisten. Den Rest verkauft die Bebag als Heizwärme. (Berner Zeitung)

Erstellt: 17.06.2017, 11:09 Uhr

Artikel zum Thema

Muda macht Saft statt Biogas

Den Saft sollte es eigentlich gar nicht geben: Er ist gepresst aus Frucht- und Gemüseabschnitten, die für die Biogasanlage gedacht waren. Vier Berner Studenten haben die Früchte gerettet und daraus Muda Rejuice gemacht. Das Resultat schmeckt süss und lecker. Mehr...

EWB: Erdgas und Biogas werden günstiger

Per 1. Juli kann Energie Wasser Bern (EWB) die Tarife für Erdgas und Biogas senken. Im Schnitt sinken die Kosten für die EWB-Kunden um 4,5 Prozent. Mehr...

Ein Beitrag zur erneuerbaren Energie

Frutigen Die Biogasanlage wird seit einem Monat von der Biogasanlage Frutigland GmbH betrieben. Die Gesellschafter berichteten über die Arbeit und ihre Pläne. Mehr...

Paid Post

Freizeit und Reisen

Viele Ausflugsziele für den «goldenen Herbst» finden Sie in der aktuellen SBB Zeitungsbeilage «Freizeit und Reisen».

Kommentare

Die Welt in Bildern

Dicht an dicht: Was aussieht wie die Nahaufnahme eines Blütenstandes sind tatsächlich Rasierpinsel.Sie stehen bei einem Pinselhersteller im bayerischen Bechhofen. (25. September 2018)
(Bild: Daniel Karmann/dpa) Mehr...