Koppigen

Wo alte Häuser dicht an dicht stehen

KoppigenDas Bauinventar der Gemeinde Koppigen ist fast 30-jährig. Deshalb haben sich zwei Mitarbeiter der Denkmalpflege darangemacht, die alten Gebäude zu überprüfen.

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Zurzeit sind in Koppigen Mitarbeiter der kantonalen Denkmalpflege unterwegs, um alte Gebäude neu zu sichten. Die Architekturhistoriker Maria D’Alessandro und Jürg Hünerwadel gehören zum Fachbereich Forschung und Dokumentation. Auf einem morgendlichen Rundgang geben sie Einblick in ihre Arbeit.

Gerade im Emmental gaben die Auflagen der Denkmalpflege letztens zu reden: So entzündete sich rund um die Sanierung der als schützenswert eingestuften Burgdorfer Markthalle eine Debatte, in Langnau sorgte der Umgang mit geschützten Häusern im Dorf für Kontroversen. Anders in Koppigen: Hier steht demnächst eine Ortsplanungsrevision an. Für die Denkmalpflege ist das ein guter Zeitpunkt, das Bauinventar der Gemeinde auf den neusten Stand zu bringen. «Das Inventar wurde 1986 publiziert, es stammt also aus den Anfängen der Inventarisierung», sagt D’Alessandro. Seither habe sich einiges verändert, neue Forschungserkenntnisse wurden gewonnen. Das Material sei zudem noch nicht digitalisiert.

Vom Bauernhaus bis zum Brunnen

Seit 2010 verfügt jede Gemeinde des Kantons von Gesetzes wegen über ein Bauinventar. Das Inventar stuft die besonders kostbaren Bauten in zwei Kategorien ein: Schützenswerte Baudenkmäler sollen bewahrt, erhaltenswerte geschont werden.

Diese Einstufungen werden nun überprüft. Die Denkmalpfleger fotografieren die Häuser, machen Notizen, nehmen Veränderungen auf und klingeln bei den Besitzern, um sich und ihre Arbeit vorzustellen. Aufgenommen werden unterschiedliche Bauten – vom Bauernhaus über Scheunen bis zu Brücken und Brunnenanlagen – bis zum Baujahr 1990, sofern sie den Kriterien der Denkmalpflege entsprechen. Solche Kriterien sind etwa die künstlerische und architektonische Bedeutsamkeit und Schönheit, aber auch die Qualität der Konstruktion oder die historische Relevanz; wer darin wohnte und wer es entwarf, spielt eine Rolle.

In Koppigen sind D’Alessandro und Hünerwadel vier bis fünf Tage auf der Strasse anzutreffen, der grosse Brocken der Arbeit macht die Recherche in den Archiven und das Verfassen der Texte und Erfassen der Fotos und Pläne aus. Derzeit sind in Koppigen 118 Objekte erfasst, 39 sind schützenswert, 79 erhaltenswert. Dicht an dicht reihen sich in den Ortsteilen St.Niklaus und Oeschberg entlang der Bern-Zürich-Strasse die stattlichen Bauernhäuser, einstigen Gasthöfe, Speicher und Stöckli. Viele alte Gebäude sind hier noch im Original erhalten.

Altes Schulhaus, St.Niklaus: Das Haus an der Alchenstorfstrasse wurde 1907 im Heimatstil erbaut. D’Alessandro und Hünerwadel sind tief ins Gemeindearchiv gestiegen und brachten ans Licht, dass das Schulhaus vom bekannten Burgdorfer Architekten Ernst Ziegler (1878–1939) geplant worden war. Ziegler war zuvor am Bau des Gymnasiums Burgdorf beteiligt. Im Treppenhaus ist der Schulhauscharme heute noch zu spüren, obwohl das Haus längst Ateliers und Wohnräume beherbergt.

Kinderheim Friedau, St.Niklaus: «Die Baugruppe hier zeigt eine hohe Dichte an wertvollen Gebäuden und vereint unterschiedliche Bauweisen.» Maria D’Alessandro deutet einen Bogen um das Kinderheim Friedau bis zur Ortseinfahrt Koppigen an. Das prominente klassizistische Gebäude mit den roten Fensterläden war einst eine Gaststätte: 1824 wurde der Bären grosszügig umgebaut; 1921 wurde der ganze Komplex um den Bären in ein Knabenheim umfunktioniert.

Der ehemalige Bären ist nicht die einzige Herberge, die schon vor rund 200 Jahren an der viel befahrenen Bern-Zürich-Strasse stand. Weitere Beispiele sind der Löwen in Hindelbank, die Sonne in Kirchberg, das Kreuz in Höchstetten oder die Sonne in Herzogenbuchsee. Die Route war die wichtigste Verbindungsstrasse auf bernischem Staatsgebiet. «Die Blütezeit begann», erläutert Jürg Hünerwadel, «als um 1700 der Strassenbau vermehrt in den Fokus rückte.» Im Zuge davon wurde auch die Emmebrücke in Kirchberg gebaut, es entstand die erste moderne Strasse auf Berner Boden, was zu einer massiven Zunahme des Verkehrs und notabene der Zolleinnahmen führte. Die Waren gelangten mit Pferdefuhrwerken über Kirchberg und Koppigen an ihrem Bestimmungsort. In St.Niklaus wurden sogar Vorspannpferde vermietet, um die Steigung des Fänglenbergs nach Höchstetten überwinden zu können. Erst mit der Eisenbahnlinie über Wynigen–Burgdorf ging der Verkehr wieder zurück. Gasthöfe wie der Bären schlossen für immer die Türen.

Gartenbauschule Oeschberg: 1920 wurde die kantonale Gartenbauschule gegründet, drei Jahre später ein Haus als Wohnheim für Studenten errichtet. Seit kurzem kennt die Denkmalpflege den Namen des Architekten: Kantonsbaumeister Konrad von Steiger (1862–1944) «Es handelt sich hier um einen in den 20er-Jahren häufig anzutreffenden sachlichen Heimatstil», erklärt D’Alessandro. Für die Denkmalpflege interessant ist nicht nur das imposante Gebäude und die dem Barockgarten nachempfundene Anlage, sondern auch der literaturgeschichtliche Aspekt. Immerhin ging hier um 1930 der Autor Friedrich Glauser zur Schule und verarbeitete später seine Erlebnisse und die Örtlichkeiten im Kriminalroman «Der Chinese».

Dienstbotenheim Oeschberg: Die Baugruppe rund um das Dienstbotenheim gilt ebenfalls als schützenswert. Das Heim, einstmals im Besitz der Burgerfamilie Affolter, war früher eine Taverne. «Affolters reagierten damals auf die Konkurrenz des Bären und bauten die Sonne um 1832 zu einem ähnlichen prächtigen Gebäude aus», weiss Hünerwadel. 1880 schlossen die Besitzer die Beiz und gründeten um 1905 eine Stiftung, deren Zweck die Errichtung eines Heims für Knechte und Mägde war.

Es ist Mittag. Der Rundgang geht dem Ende entgegen. Für D’Alessandro und Hünerwadel ist es an der Zeit, nach Bern zurückzufahren. Auf sie wartet noch einiges an Büroarbeit. (Berner Zeitung)

Erstellt: 17.04.2013, 08:04 Uhr

Aufgabe der kantonalen Denkmalpflege

Baudenkmäler prägen die Ortsbilder und Landschaften, sie sind die Zeugnisse der Geschichte und Kultur. Für ihre Erhaltung und Pflege sind gemäss Bundesverfassung die Kantone verantwortlich. «Zum Auftrag der Denkmalpflege des Kantons Bern gehört es, sich um unser bauliches Erbe zu kümmern», sagt der kantonale Denkmalpfleger Michael Gerber. Die Denkmäler des Kantons sind im Bauinventar beschrieben. Dieses enthält insgesamt gut 36'000 Objekte der über 360'000 Bauten im Kanton, 4 Prozent gelten als schützenswert, 6 Prozent als erhaltenswert. Das Bauinventar ist auch online zugänglich.

Wollen Liegenschaftsbesitzer ein K-Objekt – schützenswerte oder erhaltenswerte Bauten in einer Baugruppe des Inventars – um-, an- oder ausbauen, kommt die Denkmalpflege ins Spiel. Sie äussert sich zum Bauvorhaben in einem Fachbericht. «Deshalb ist ein Einbezug der Denkmalpflege bereits für die Projektphase ideal», so Gerber. «Eigentümer können dann gemeinsam mit uns Lösungen erarbeiten.» Der frühzeitige Kontakt vereinfache ausserdem das Bewilligungsverfahren. Die Fachstelle kann auch Beiträge an denkmalpflegerische Massnahmen veranlassen.

Das Beizensterben mit der Denkmalpflege in Zusammenhang zu bringen,sei absurd, antwortet Gerber auf eine entsprechende Frage. Die Auszeichnung «Historisches Hotel des Jahres» etwa zeige vielmehr, dass Gastronomie in geschichtsträchtigen Gebäuden ein erfolgreiches Konzept sein könne. Unter Berücksichtigung der historischen Substanz sei es möglich, Gasthöfe nach den heutigen Wohnbedürfnissen zu verändern.

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