Wie in einem ewigen Basslauf

Burgdorf

In der Markthalle in Burgdorf fand am Sonntag das schweizweit erste Guitar-Fest statt. Unerwartet viele Musikbegeisterte fanden den Weg an die Messe im Emmental, wo sie kaufen, tauschen oder einfach nur fachsimpeln konnten.

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Der verschlafene Rocker gähnt ausgiebig und streicht sich fahrig die Fransen seiner Mähne aus dem Gesicht. Er ist es offenbar nicht gewohnt, kurz vor zehn Uhr morgens schon wach zu sein. Für das Guitar-Fest in der Burgdorfer Markthalle macht er aber eine Ausnahme. Drei Stunden habe er geschlafen, erklärt er seinem Kollegen, der als Double des Kiss-Frontmanns durchgehen könnte. Aber er sei überzeugt, am Morgen die besten Schnäppchen machen zu können, da noch kaum Menschen an der Gitarrenmesse weilten.

Weit gefehlt: Um zehn Uhr findet man vor der Markthalle kaum mehr einen freien Parkplatz. Das rege Treiben scheint einen Verkäufer, der sich auf Vintage-Gitarren spezialisiert hat, weitgehend kaltzulassen. In aller Seelenruhe verdrückt er innert fünf Minuten zwei beachtliche Sandwichs und steht kein einziges Mal auf, obschon die Kunden begeistert seine Modelle betasten würden, wäre nicht ein riesengrosses «Nicht berühren»-Schild an seinem Stand befestigt.

Etwas weiter verliert sich ein Mann gerade hemmungslos in einem Solo auf einem elektrischen Bass, der aussieht, als wäre er aus einem ein­zigen Stück Holz geschnitzt. Minutenlang rasen seine Finger von Saite zu Saite. Der Aussteller hört beeindruckt zu und malt sich in Gedanken wohl schon den Akt der Bezahlung aus. Umso niederschmetternder ist das Urteil des virtuosen Bassisten: «Dä Bass cha nüt.»

Initiator Michael Marti zu einem Statement zum laufenden Markt zu bringen, ist schwierig. Immer wieder muss er sich um Kunden kümmern. «Die Halle brennt – im guten Sinn», ruft er entschuldigend und macht sich auf, einem untersetzten Herrn eine Yamaha vorzuführen. Die Idee für diese Messe stamme von Torfinn Ro­thenbühler, dem Marketingbeauftragten der Stadt Burgdorf, und ihm. «Im Ausland gibt es überall Gitarrenmessen wie diese hier.

Warum also nicht auch in der Schweiz so etwas auf die Beine stellen?», erklärt Marti, der als 15-Jähriger zwölf Stunden mit dem Zug nach Köln reiste, um eine alte Fender-Jazzmaster zu erstehen. Heute verdient er mit dem Gitarrenhandel seinen Lebensunterhalt und betreibt ein Geschäft in Bern.

Über fünfzig Ausstellerbieten in Burgdorf ihre Ware feil und versuchen, ihren Kundenkreis zu erweitern. Michael Marti gefällt das, es werde viel mehr gekauft, als im Vorfeld angenommen worden sei, und die Besucherzahl übertreffe jede Schätzung. Auch Private oder Bands konnten ei­nen Platz mieten, um E-Bässe, alle Arten von Gitarren oder Verstärker zu tauschen oder zu verkaufen.

Zwei Männer Mitte zwanzig sind aber nicht ganz überzeugt vom System. «Der intime Rahmen fehlt», meint der eine, «man muss sich fast schon neben den anderen Marktverkäufern beweisen», fügt der andere hinzu und legt noch einen drauf: «Es wirkt mehr wie eine Sexmesse für Musiker, die hier neue Spielzeuge kaufen können.»

Draussen regnet es inzwischen in Strömen, und die Emme wird wohl nur so durch ihr Bett tosen. In der Markthalle drinnen ist aber weiterhin der Teufel los. Man wähnt sich in einem ewigen Basslauf oder Gitarrensolo, denn von überall erklingen Melodien, die man so oder ähnlich kennt und vor dem Kauf einer neuen Gitarre offenbar erst einmal darauf ausprobiert haben muss.

Man fühlt sich wie irgendwo zwischen Alabama, Nashville und der jamaikanischen Hauptstadt Kingston, wenn man durch die Halle mit Instrumenten in allen Grössen, Formen und Variationen schlendert.

Wieder sticht ein müder Rockerins Auge. Er trägt eine Schiene am rechten Arm – offenbar ist das Handgelenk erst kürzlich gebrochen – und setzt sich hin, um eine A-förmige E-Gitarre auszuprobieren. Zwar streichen seine Finger nur leicht über die Saiten, mehr ist wahrscheinlich bei einer solchen Verletzung nicht möglich, aber trotzdem: Er kauft sich das Musikinstrument und strahlt. Bestimmt sehnt er sich nun noch mehr nach dem Moment, wenn die Schiene endlich weg ist.

Berner Zeitung

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