Lauperswil/Rüderswil

Wie enge Grenzen braucht die Heimat?

Lauperswil/RüderswilDas Dorf Zollbrück ist ihr gemeinsames Lebenszentrum. Lauperswiler und Rüderswiler lehnten die Gemeindefusion aber ab, die Zollbrücks Spaltung beendet hätte. Will man im Emmental das Heimatgefühl vermessen, entdeckt man eine eng parzellierte Landkarte.

«Je kleiner die Einheit, desto grösser die Identifikation», heisst es im Emmental. In den Einzelhöfen wird die Zugehörigkeit zur Gemeinde Lauperswil stärker verfochten als in  Zollbrück unten im Tal.

Daniel Fuchs

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«Zollbrück», schmunzelt der Unternehmer Fritz Jakob, «ist etwas besonderes, es ist geteilt wie einst Berlin.» Ein Luftbild der Umgebung ziert das Sitzungszimmer in der Zentrale von Jakobs Einkaufsmarkt und Strickgarn-Versandhaus. Man erkennt die Hügel des Emmentals, die kleinen Bauerndörfer Lauperswil und Rüderswil sowie die Emme im Schachen, wo sich der Gewerbeort Zollbrück ausstreckt. Was man nicht sieht, ist die Grenze der Gemeinden Lauperswil und Rüderswil, die Zollbrück in zwei Hälften zerschneidet. Jakob will den Grenzverlauf durch die Zollbrücker Häuser zeigen, aber sein Zeigefinger verirrt sich.

Geteilt wie einst Berlin

Die Fusion von Lauperswil und Rüderswil ist im letzten Mai an der Urne gescheitert. So wird es weiterhin passieren, dass sich Angestellte von Jakob, die nach Zollbrück ziehen, bei der falschen Gemeinde anmelden wollen. Der Jakob-Markt liegt im Lauperswiler Ortsteil, eine Wohnung ist aber vielleicht auf Rüderswiler Boden frei.

«Wir haben eine Riesenchance vertan», findet Jakob. Der Unternehmer hätte eine Bündelung der Kräfte begrüsst. Eine Fusion zu einer Gemeinde mit 5000 Einwohnern hätte Zollbrück im Standortwettbewerb gestärkt, sagt er. Und einiges wäre einfacher geworden: In Zollbrück hätte man nicht mehr nach zweierlei Baurecht bauen müssen, für die Behörden hätte sich leichter Personal finden lassen.

Die Grenzen des Alltags

Jakob hat das Thema abgehakt, das Alltagsleben halte sich ohnehin nicht an Gemeindegrenzen, sagt er. Die Mehrzahl der Lauperswiler und Rüderswiler wohnt in Zollbrück. Hier finden sie Arbeit, hier kaufen sie ein im Jakob-Markt. Dieser befindet sich erst seit 1975 auf Lauperswiler Boden. Fritz Jakobs Vater hatte vorher den Dorfladen von Rüderswil geführt. Dass er für den neuen Laden Land in der Nachbargemeinde fand, spielte für den Unternehmer keine Rolle.

Nach einer Vereinigung müsse man dann «alles in Zollbrück erledigen», hat Jakob in der Fusionsdebatte gehört. Er schüttelt den Kopf: «Das muss man schon heute.» Die wenige Kilometer von Zollbrück entfernten Bauerndörfer Rüderswil und Lauperswil seien «Schlafgebilde». Ohne Laden, ohne Gasthof, ohne Post. Dass gewisse Leute bei einer Fusion gar den Verlust ihrer Heimat befürchteten, versteht Jakob nicht: Wenn eine Frau den Namen des Ehemannes annehme, verliere sie deshalb ja nicht die Verwandten.

Teure Schizophrenie

Die gescheiterte Fusion von Lauperswil und Rüderswil ist ein Stimmungstest zur geographischen Ausdehnung des Heimatgefühls im 21.Jahrhundert. Wie gross darf ein Raum sein, damit man sich dort daheim fühlt? Ist der Arbeits- und Freizeitperimeter die Urzelle des Identitätsgefühls, oder ist es die Gemeinde? In den Augen von Avenir Suisse leistet sich die Schweiz eine kostspielige Schizophrenie. Politische Gebilde und wirtschaftliche Einzugsgebiete würden auseinanderklaffen, diagnostizierte der wirtschaftsnahe Thinktank 2005 in seiner Studie «Baustelle Föderalismus».

Die Schweiz, entnahmen die Autoren dem Dezentralisierungsindex der OECD, ist das fragmentierteste Land der Welt. Die Kleinteiligkeit habe ihren Preis. Auf engstem Raum gebe es kostspielige Doppelspurigkeiten. Dezentrale Schulen, Spitäler oder Infrastrukturnetze würden keine optimale Betriebsgrösse erreichen. Avenir Suisse riet deshalb zur Strategie, die nun viele Kantone befolgen: kleine Gemeinden mit finanziellen Anreizen und Druck zur Fusion zu animieren.

Gemeinde als alter Zopf?

Die Gemeindegrenzen von Lauperswil und Rüderswil stammen aus dem frühen 19.Jahrhundert, als die zwei stolzen Bauerndörfer auf die ärmeren Gewerbler an der Emme herunterblickten. Dann wurde im Schachen die Eisenbahn gebaut, und die Gewichte verlagerten sich. Fortan wuchs das geschäftige Zollbrück, die Bauerndörfer aber stagnierten. Im Laufe dieser Entmachtung wurden aus vielen Gemeinden abstrakte Gebilde auf dem Papier der Landkarte.

Dennoch lebt der alte Gemeindegeist weiter. Dem gebürtigen Rüderswiler Fritz Jakob sagen die Lauperswiler: «Du bist nicht von hier, du verstehst uns nicht.» Nachbardörfer können ein unterschiedliches Selbstverständnis haben. So war es jedenfalls am 17.Mai 2009. Da erteilte Lauperswil einer Fusion eine deutliche Absage. Rüderswil aber stimmte zu. Die Frage, in welchen politischen Grenzen sie leben wollen, war für die Bürger offenbar existenziell: In beiden Gemeinden erreichte die Stimmbeteiligung eine Rekordhöhe.

Emotionales Killerargument

Die zwei Gemeinden betreiben schon heute gemeinsam die Sekundarschule oder die Schwellenkorporation. Und beide Gemeinderäte befürworteten eine Fusion mehrheitlich. Vor der Abstimmung aber listeten Gegner, vor allem von der SVP, auf einem Flugblatt minuziös Argumente auf, die die Befürworter mit einem Gegenflugblatt zu entkräften suchten: Der nötige Bau eines Gemeindehauses werde die Steuern in die Höhe treiben; die Heimatberechtigten beider Gemeinden würden ihren Heimatort verlieren; die Anzahl Lehrstellen auf den Gemeindeverwaltungen werde reduziert.

Einige Einwände waren kleinlich und wirkten eher wie Ausflüchte, mit denen sich die Gegner der Debatte entziehen wollten. «Es gibt ein Killerargument gegen Gemeindefusionen», sagt Ernst Zürcher, Abteilungsleiter beim kantonalen Amt für Gemeinden und Raumordnung. Nämlich die Befürchtung, dass eine Fusion den «Mittelpunkt der Lebensbeziehungen» gefährde und zu einem «Verlust an Einfluss, an Nähe zur Politik, an Identität und Heimat» führe. Zürcher fügt an, dass der Verlauf der Gemeindegrenzen vor allem die ältere Generation beschäftige. Junge hätten ein lockereres und unverbindlicheres Verhältnis zu staatlichen Strukturen.

Emotionen und Argumente würden in Fusionsdebatten häufig unsauber vermischt, sagt Zürcher. Die Zusammenlegung einer Schule werde etwa als Folge einer Fusion dargestellt. Dabei sei sie die Folge zu klein gewordener, nicht mehr leistungsfähiger Gemeinden. Zürcher räumt ein, dass für Rüderswil und Lauperswil der Leidensdruck wohl zu klein war. Meist geben Kleinstgemeinden mit Finanz- und Personalsorgen freiwillig ihre Unabhängigkeit preis. 30 Prozent der 388 Berner Gemeinden haben weniger als 500 Einwohner. Rüderswil mit seinen 2300 und Lauperswil mit seinen 2700 Bewohnern sind mittelgross und überdies schuldenfrei.

Kämpferisches Rüderswil

Auf dem Land ist die Mentalitätskarte immer noch kleinräumig. Wer dem schönen Bauerndorf Rüderswil entgegenfährt, sieht von weitem, dass es einen eigenen Geist hat. Am Dorfeingang grüsst das Denkmal für Rüderswils grossen Sohn Niklaus Leuenberger, den 1653 hingerichteten Führer des Bauernkriegs. Den Rüderswilern sagen Auswärtige etwas Kämpferisches nach.

«Bei uns gibt es vier Parteien, Urnenabstimmungen und bisweilen Kampfwahlen», bestätigt auf der Gemeindeverwaltung die 39-jährige Gemeindeschreiberin Barbara Siegenthaler. In Lauperswil dagegen werden an der Gemeindeversammlung für die sieben Gemeinderatssitze die sieben Kandidaten gewählt, die die SVP und die SP im Voraus bestimmt haben.

Dank Fusion professioneller

Siegenthaler muss allerdings einräumen, dass es im letzten Jahr auch in Rüderswil nicht mehr Kandidaten als Sitze gab. Der aktuelle Gemeinderat wurde in stiller Wahl eingesetzt. Nicht zuletzt um künftig eine demokratische Ausmarchung zu ermöglichen, hätte Siegenthaler eine Fusion befürwortet. Auch wenn sie ihren Posten dann wohl an den Kollegen von Lauperswil verloren hätte, der dort wohnt. Sie ist zwar eine gebürtige Rüderswilerin, ist aber mobil und wohnt in Bern.

Weil die Fusion keinen sofortigen Spareffekt gebracht hätte, habe es der Zusammenschluss von vornherein schwer gehabt, glaubt Siegenthaler. Wäre das Ende der Gemeindeverwaltung im Dorf nicht ein Verlust? Sie schätzt die Intimität und Übersichtlichkeit ihrer Behörde. Aber sie ist Realistin. Seit Anfang Monat könnten die Gemeinden keine Pässe und Identitätskarten mehr ausstellen, womit ein Grund entfalle, am Schalter vorbeizukommen. Sie hätte die mit einer Fusion verbundene Professionalisierung der Verwaltung begrüsst. Etwa im Bauwesen. In kleinen Gemeinden werde oft nicht genau das gebaut, was bewilligt worden sei.

Wieso ändern, was gut ist?

Die Fusion, sagen Befürworter aus Zollbrück, sei nicht nur an finanziellen Fragen gescheitert, sondern auch am Einspruch langjähriger Dorfkönige, auf die man höre und die ihren Einfluss nicht teilen wollten.

Ist Ernst Rentsch, SVP-Mitglied und seit über 40 Jahren Finanzverwalter von Lauperswil, einer von ihnen? Hat er mit seinem Wissen über die Finanzlage den Fusionsgegnern die Argumente geliefert und sich so die eigene Macht erhalten? «Ich bin kein Politiker, der entscheidet, sondern ein Mann der Dienstleistung», sagt Rentsch. Und fügt mit einem Lächeln an: «Ich kämpfe nicht um meinen Posten, ich gehe Ende Jahr in Pension.» Er habe immer offen gegen eine Fusion votiert, habe sich aber im Abstimmungskampf zurückgehalten.

Ruhig nennt Rentsch statistisch erhärtete Gründe, warum man mit einer Fusion nicht hätte sparen können. Etwa den, dass die Pro-Kopf-Verwaltungsausgaben in einer grösseren, professionell geführten Gemeinde ansteigen. Ernst Zürcher vom kantonalen Amt für Gemeinden und Raumordnung hält allerdings entgegen, dass noch jede vollzogene Gemeindefusion früher oder später zu Einsparungen geführt habe.

Ernst Rentsch stellt jetzt die Frage, die die Abstimmung wohl entschieden hat: Wieso soll man etwas ändern, das gut läuft? Der Emmentaler habe da vielleicht etwas Beharrendes und überlege, ob eine Neuerung wirklich nötig sei. Die hohe Stimmbeteiligung habe gezeigt, dass die Leute das Thema durchaus diskutiert hätten. Das Nein sei ein Signal, dass sie mit den bestehenden Grössenverhältnissen zufrieden seien. «Den modernen Trend zur Grösse kann man nicht einfach von der Wirtschaft auf die demokratische Politik übertragen», findet Rentsch.

Harmonisches Lauperswil

Auf der Gemeindeverwaltung ist Lauperswils SVP-Präsident Daniel Zürcher eingetroffen. Seine Partei verteidigt die föderalistische Hoheit der kleinen Politgebilde vehement. Zürcher ist Landwirt im Dorf Emmenmatt in der südlichen Ecke der Gemeinde Lauperswil. Gerade kleine Aussenbezirke hätten befürchtet, in einer grösseren, fusionierten Gemeinde an Einfluss zu verlieren, sagt er.

Zürcher fühlt sich als Lauperswiler. Die Rüderswiler seien anders, etwas liberaler und experimentierfreudiger. Lauperswil sei harmonischer. Man rede miteinander, spreche Dinge ab und verheize Kandidaten nicht durch Kampfwahlen. Für Daniel Zürcher ist die Gemeinde eine «Schicksalsgemeinschaft, in der die Fäden zusammenkommen, wo man sich kennt, wo man im gleichen Feuerwehrlöschzug ist». So eine Gemeinschaft, sagt er, könne nicht zu gross sein.

Plädoyer für kleinen Raum

«Repariere nichts, was funktioniert», zitiert Walter Baumann den US-Golfkriegsgeneral Norman Schwarzkopf und blickt weit über die wolkenverhangenen Hügel. Annerös und Walter Baumann waren 35 Jahre lang Lehrer auf der Moosegg, dem auf einer Geländeterrasse gelegenen Aussenposten der Gemeinde Lauperswil. Nach der Pension sind sie in ihrem Haus mit dem spektakulären Alpen-Blick geblieben. Die Fusionsfrage war für das weltoffene Paar, das aus der SVP ausgetreten ist, eine klare Sache: Sie waren dagegen.

«Liebe deinen Nachbarn, aber reisse den Zaun nicht nieder», sagt Annerös Baumann und erklärt, dass man sich im kleineren Rahmen eher zuständig und verantwortlich fühle. Je grösser eine Einheit sei, desto eher gehe die Identität verloren. Walter Baumann erzählt von der Ära, als er Leiter von allen sechs Lauperswiler Schulen war. Er habe damals alle Lehrer persönlich gekannt. Heute wohne in keiner Lauperswiler Lehrerwohnung mehr ein Lehrer. Diese pendelten von auswärts zur Arbeit.

Nein zur Anonymisierung

Die Moosegg und ihr Schulhaus können froh sein um Zupendler. Und haben nicht Zuzüger in Rüderswil die Dorfpolitik neu belebt? Sie habe nichts gegen die Rüderswiler, und sie sei auch keine Verteidigerin von Lauperswil, sagt Annerös Baumann. Ihr Nein gegen die Fusion sei ein Nein gegen die stetige Vergrösserung und die damit verbundene Anonymisierung der Strukturen. «Zu den Identitätsverlusten auf globaler Ebene habe ich ja nichts zu sagen. Aber die Gemeinde ist eine Grösse, bei der ich mitreden kann.»

Sie wolle nicht altmodisch sein, sagt Annerös Baumann. Sie und ihr Mann seien mobil, erwidert sie, ihr Alltagsperimeter reiche bis nach Bern, ihr Horizont darüber hinaus. Wenn das Lehrerpaar Baumann seine Beharrungskraft verteidigt, dann hört man auch ein Plädoyer für menschliche Nähe und Verbindlichkeit heraus. Für eine Stabilität, die flexible Junge mit offener Zukunft nicht nötig haben. Diese aber zählt im späteren Leben, wenn man nicht mehr so leicht verpflanzbar ist. «Hier oben auf der Moosegg fühlen wir uns zugehörig», sagt Walter Baumann. (Berner Zeitung)

Erstellt: 06.03.2010, 11:31 Uhr

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