Wenn Katzenstreu für Muskeln sorgt

Woche für Woche werden in Burgdorf 50 bis 60 Tonnen Abfall entsorgt. Bei Hitze und Kälte müssen die Männer der Abteilung Stadtreinigung und Entsorgung an die Säcke und Container.

Teamarbeit ist gefragt: Remo Haueter (links) und Hilfsarbeiter Urs Egli.

Teamarbeit ist gefragt: Remo Haueter (links) und Hilfsarbeiter Urs Egli. Bild: Daniel Fuchs

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Die Traumberufe Pilot oder Lokomotivführer kamen für mich als Kind nie infrage – ich wollte Ghüder­abfuhrmann werden. Mich fas­zinierte, wie die Männer die eisernen Ochsner-Kübel mit scheinbarer Leichtigkeit emporschwangen, den runden Deckel zurückklappten und dann in den Abfallbehälter des FBW-Lastwagens leerten. Mein Vater sagte dann jeweils, «Ghüderabfuhrmann kannst du nicht lernen. Du musst zuerst eine handwerkliche Berufslehre machen.»

Befolgt habe ich seinen Rat nicht. Trotzdem sitze ich jetzt, 55 Jahre später, kurz vor sieben Uhr in der Früh, in der Garderobe des Werkhofs der Burgdorfer Bau­direktion. Wie alle Mitarbeiter tausche ich die Alltagsklamotten gegen orange Hosen, ein gleichfarbenes, lichtreflektierendes Gilet, Schuhe mit Stahlkappen und Handschuhe. Minuten später bin ich zur Arbeit bereit, versehen mit dem festen Händedruck und den Wünschen für gutes Gelingen von Werkhofchef Georg Brechbühl.

Meine Arbeitskollegen sind Chauffeur Ernst «Aschi» Mosimann und Belader Remo Haueter. Ein eingespieltes Team. Doch aus dem Duo wird an diesem Tag ein Trio. Im Nu haben mich die beiden in den Arbeitsprozess integriert. Remo erklärt, was zu tun ist und worauf ich achten muss.

Der Container wird zwischen den beiden Greifarmen platziert, doch ehe diese den Stahlbehälter durch die Betätigung eines kleinen Hebels an­heben, sagt mein Ausbildner: «Halte die Hände immer auf den Deckel des Containers, nie unten bei den Griffen. Die Hydraulik kennt keine Gnade. Wenn ein Finger in den Schliessmechanismus gerät, ist er ab.» So trivial, wie die Arbeit der Kehrichtmänner auf den ersten Blick scheint, ist sie also nicht.

Es kann losgehen. Hinten am Fahrzeug stellt sich Remo auf die linke, ich auf die rechte Plattform. Damit während der Fahrt niemand runterpurzelt, sind auf Augenhöhe zwei Griffe montiert. Warum aus dem einen Griff ein Kabel lugt, ist rasch erklärt. «Im Winter ist man froh, wenn der Griff geheizt ist», weiss mein Lehrmeister aus Erfahrung. Denn nicht immer ist es 25 Grad im Schatten, nicht immer ist es angenehm, wenn die Haare im Fahrtwind wehen.

Am Steuer des Mercedes sitzt Aschi. Er lenkt das schwere Gefährt an diesem Morgen zuerst in Richtung Schlossmattquartier. Oft sind die Strässchen so schmal, dass ein Durchkommen mit diesem Lastwagen kaum möglich scheint. Rechts eine Baustellenabschrankung, links ein parkiertes Auto, dessen Rückspiegel eingeklappt werden muss, damit wir passieren können. Niemand denkt daran, dass die Müllabfuhr hier durchfahren muss. Doch nichts scheint den Chauffeur aus der Ruhe zu ­bringen.

Das Fahrzeug stoppt. Ein Berg hellblauer Kehrichtsäcke wartet auf uns. Endlich, denke ich, endlich kann ich an die Säcke, kann tun, wovon ich schon vor fünf Jahrzehnten träumte. Die meisten der 17- und 35-Liter-Säcke landen in hohem Bogen in der Wanne des orangen Monsters. Doch dann ist Muskelkraft gefragt.

Hat da jemand Sand in den Sack gefüllt, um den Müllmännern das Leben zu erschweren? Remo lacht. Er hat erraten, was ich denke: «Das ist Katzenstreu.» Dass es für Ghüdersäcke eine Gewichtslimite gibt, dürften die meisten Leute gar nicht ­wissen. Zum Glück, denke ich, hat dieser Katzenbesitzer nicht gleich einen 110-Liter-Sack mit den uringetränkten Körnchen gefüllt.

Die Vermutung, die grössten Säcke würden auch die grösste Muskelkraft erfordern, ist übrigens falsch. Entsorgt wird in diesem Gebinde meist leich­teres, aber sperriges Material: Holzleisten, Kunststoffröhrchen, Teppiche oder kaputtes Kinderspielzeug. Säcke mit einem Fassungsvermögen von 17 Litern sind oft nur bis zur Hälfte gefüllt – von älteren Leuten vielleicht, die nicht mehr so gut zu Fuss sind, um schweres Material zum Kehrichtsammelpunkt tragen zu können.

Längst haben sich in der Stahlwanne, in welche der Abfall gekippt oder geworfen wird, Flüssigkeiten unterschiedlichster Provenienz angesammelt. Flüssiges, das aus den Säcken tropft, wenn mittels grünen Druckknopfes die Hydraulikpresse betätigt wird, die den Ghüder in den rund 10 Tonnen fassenden Laderaum verfrachtet. Wenn ein Sack platze, könne dies ganz schön gefährlich sein, weiss Remo. Nicht selten fliege einem plötzlich ein Gegenstand wie ein Geschoss um die Ohren.

Während Aschi den Lastwagen durch die Quartiere lenkt, beobachte ich, hinten auf dem kleinen Podest stehend, wieder die aus­getretenen Flüssigkeiten, die hin- und herschwappen. Ob es verdorbene Vanillecreme oder ein Gemisch aus Bier und Orangensaft ist? «Es ist besser, wenn wir es nicht wissen», sinniert Remo. Ab und an rollen Äpfel und Brötchen hin und her. «An apple a day keeps the doctor away», murmle ich vor mich hin. «Hast du Hunger?», frage ich mit Blick zum Apfel. Mein Kollege schüttelt den Kopf. Seit drei Jahren arbeitet der gelernte Landschaftsgärtner in der Abteilung Stadtreinigung und Entsorgung. Der Job gefällt ihm.

Gerade recht kommen die Pausen um 9 und um 15 Uhr. Mineralwasser oder Kaffee sind die beliebtesten Getränke, dazu Sandwiches. Dass ich mich für Ovomaltine entscheide, provoziert einen Kommentar aus der Runde: «Mit Ovo chasches nid besser, aber länger.»

Mich würde interessieren, was die Burgdorferinnen und Burgdorfer alles in ihre Abfallsäcke packen. Nicht immer ist dies so leicht zu erraten, wie wenn ­vollgesogene Windeln in so grosser Zahl in einen 35-Liter-Sack gestopft werden, dass dieser nicht mehr zugebunden werden kann. Da ist man froh, wenn Windelsäcke in einem Container ­liegen und nicht bereits einen halben Tag an der Sonne zum Himmel stinken. Überhaupt wünschte ich mir an diesem Tag, dass Abfallcontainer in der Zähringerstadt Pflicht wären. Denn von Hunden und Füchsen aufgerissene Säcke, die bereits am Vortag deponiert wurden, sind keine Seltenheit.

Ein Segen sind die Container allerdings nicht immer. Im Fischermätteli sind die Stahlbehälter auch ungefüllt so schwer, dass diese nur mit grossem Kraftaufwand von der Strasse über den Randstein gehievt und dann wieder vor die Wohnblocks gestellt werden können. Montags, wenn beide Kehrichtfahrzeuge der Stadt Burgdorf verkehren und nur je ein Belader mitfährt, geht diese Arbeit erst recht an die Substanz. Dann kommt ihm der Chauffeur zu Hilfe.

Dann ist der Müllbehälter des Lastwagens voll, gut 8 Tonnen sind es an diesem Morgen, am Nachmittag etwas weniger. Aschi Mosimann steuert den Lyssachschachen an, wo der Abfall in eine Grube geleert und danach in einen Eisenbahncontainer ge­presst wird. Endstation für den Ghüder wird die Kebag in Zuchwil sein. Monat für Monat fallen in Burgdorf etwa 220 Tonnen Abfall an. Hierfür wird der Stadt Rechnung gestellt: gegen eine halbe Million Franken pro Jahr.

Was am Abend meines Einsatzes bei der Burgdorfer Kehricht­abfuhr bleibt, ist nicht primär die Müdigkeit und auch nicht der üble Geruch, der sich in meiner Nase und den Kleidern festgesetzt hat. Was bleibt, ist eine grosse Genugtuung. Die Zufriedenheit, etwas für die Allgemeinheit getan zu haben. Und es bleibt der Respekt gegenüber jenen Männern, die sowohl bei 30 Grad im Schatten als auch bei Eis und Schnee den Dreck der Gesellschaft entsorgen. Jahr für Jahr. Woche für Woche. (Berner Zeitung)

Erstellt: 04.08.2018, 07:08 Uhr

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