Wenn Erstklässler mit Neuntklässler die Bank drücken

Eggiwil

Im Kanton Bern gibt es noch elf Gesamtschulen, in denen Erst- bis Neuntklässler in einer Klasse unterrichtet werden. Fünf davon leistet sich die Gemeinde Eggiwil. Für die Lehrkräfte ist der Schulalltag kein Spaziergang, wie ein Besuch im Schulhaus Leber zeigt.

Während die zwei Erstklässler (links) mit Zählen beschäftigt sind und Ruth Wüthrich der Zweitklässlerin (rechts) etwas erklären möchte, hat eine grössere Schülerin eine Zwischenfrage.

Während die zwei Erstklässler (links) mit Zählen beschäftigt sind und Ruth Wüthrich der Zweitklässlerin (rechts) etwas erklären möchte, hat eine grössere Schülerin eine Zwischenfrage.

(Bild: Hans Wüthrich)

Es ist noch nicht einmal halb acht. Die Schule beginnt um 7.45 Uhr. Aber auf dem Pausenplatz neben dem Schulhaus Leber spielen bereits die ersten Kinder Fussball. Bevor sie anfangen, kommen sie bei den wartenden Fremden – dem Fotografen und der Journalistin – vorbei, um ihnen zum Gruss die Hand zu reichen. Immer mehr Grössere und Kleinere stossen dazu – und auf einmal sind sie alle miteinander am Versteckenspielen. Bis die Lehrerin Ruth Wüthrich das Fenster öffnet und ruft: «Iche cho!» Pausenglocke gibt es im Eggiwiler Aussenbezirksschulhaus Leber keine.

«Bleibt an euren Aufgaben!»

Bevor sich die 19 Knaben und Mädchen an ihre Pulte setzen, gehen sie bei der Lehrerin vorbei, um ihre Hausaufgaben zu präsentieren. Nicht, dass Ruth Wüthrich alles bis ins Detail kontrollieren würde, aber sie will sicher sein, dass Aufgaben gemacht wurden. Dabei vernimmt sie noch so einiges, was sich am Wochenende ereignet hat – wie es beispielsweise beim Schwingen ausgegangen ist und so.

Danach aber ist fertig mit Schwatzen. Jetzt wird gerechnet. Im Schulhaus Leber jedoch arbeiten nicht alle Schüler am gleichen mathematischen Problem. Erst- bis Neuntklässer wollen hier ihrem Wissensstand entsprechend von ein und derselben Lehrerin in ein und derselben Klasse gefördert werden. Das bedeutet: «Dritteler bis Neunteler arbeiten im Plan weiter», befiehlt die Lehrerin. Den drei Zweitklässlern teilt sie ein Blatt mit Rechnungen aus, die zwei Erstklässler dürfen zur Wandtafel. Mit Kreide müssen sie die Zahlen von 1 bis 10 anschreiben.

Erklären, raten, kontrollieren

Die Lehrerin diktiert, kontrolliert, korrigiert, geht auf Bitten einer Viertklässlerin an ein Pult, um eine Rechnung zu erklären, und weist die Kinder in ihrem Rücken an: «Ihr Zweiteler, bleibt bei euren Aufgaben, die Ersteler können ohne euch arbeiten.»

Eine Viertelstunde und viele Erklärungen später sitzen die Erstklässler am Boden und ordnen Zahlen entsprechenden Punkten zu. Derweil Ruth Wüthrich den Zweitklässlern eine neue Rechenaufgabe erklärt, bildet sich neben ihr eine kurze Schlange mit Schülern, die nicht weiterkommen. Ein Blick ins Heft genügt jeweils, und die Lehrerin erkennt sogleich, wo das Problem liegt. Sie gibt hier einen Tipp, dort eine Anweisung – und bittet nebenbei einen wartenden Viertklässler, mal eben einen Blick auf die Erstklässler zu werfen und zu kontrollieren, ob diese gut vorankommen. Alles haben die Kleinsten nicht richtig gemacht, das erkennt der Grössere auf den ersten Blick. Doch statt hurtig die Zahl 16 zu den 16 Punkten zu legen, zeigt er dem kleinen Michi, wie er alleine zur richtigen Lösung finden kann.

Nach einer halben Stunde ermahnt Ruth Wüthrich die beiden Neuntklässler mit einem «Pscht», wieder so konzentriert wie bis anhin an ihren Rechnungen weiterzuarbeiten.

Plötzlich ist Deutschstunde

Auf einmal geht die Tür auf, und Ruth Stucki tritt ein. Sie hat ein Teilpensum im Schulhaus Leber. Ruth Wüthrich fordert die Fünft- bis Neuntklässler auf, mit Frau Stucki «hinunterzugehen». Ohne Pause und ohne merklichen Übergang wird jetzt Deutsch unterrichtet. Die Viertklässler schreiben an den vier Computern an einer Geschichte, die Zweitklässler schreiben Buchstabenreihen in ein Heft, und die Erstklässler sind immer noch mit Zählen und Zahlen beschäftigt, während Ruth Wüthrich die Drittklässler beim Lesen kontrolliert.

Ein paar Schoggistängeli

Bevor die Lehrerin die 19 Schülerinnen und Schüler in die Pause entlässt, müssen sich alle noch einmal in der Klasse versammeln und dem Neuntklässer Sigo zum Geburtstag «Happy Birthday» singen. Wie selbstverständlich geht danach jede der Klassenkameradinnen und jeder der -kameraden zu ihm und schüttelt ihm mit einem fröhlichen «Gratuliere» die Hand. Sigo dankt, während er die linke Hand schützend über die Schoggistängeli legt, die ihm die Lehrerin soeben geschenkt hat. Bevor auch der Gefeierte in die Pause geht, vergisst er nicht, der noch immer von Kindern umringten Lehrerin zum Dank ebenfalls die Hand hinzustrecken.

Ohne Pause bis um 10 Uhr

Normalerweise wird bei Ruth Wüthrich bis um 10 Uhr durchgearbeitet, erst dann lässt sie die grosse Pause stattfinden. Die Schüler haben ohnehin ab und zu einen Unterbruch, wenn ein Teil der Klasse das Schulzimmer wechselt oder wenn jemand warten muss, weil die Lehrerin gerade anderswo am Erklären ist. Dafür darf die Pause dann aber auch einmal eine halbe Stunde dauern. Die Lehrerin ist auf das Verschnaufen ebenso angewiesen, wie sich die Schülerinnen und Schüler auf das Herumtoben freuen. «Puuh, ich bin ganz verschwitzt», sagt Ruth Wüthrich und löscht mit einem kräftigen Schluck Rivella ihren Durst. Verständlich, wenn sie sich nach einer Mathematikstunde mit 19 Schülern aller Niveaus ein bisschen fühlt wie nach einem Marathon.

Berner Zeitung

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