Dürrenroth

Von der Beute blieb nicht viel

DürrenrothDer Überfall auf die Bernerlandbank-Filiale ist noch immer nicht restlos aufgeklärt. Ein Verbrecher tauchte nach der Tat ab. Trotzdem sitzt sein Komplize nicht allein vor dem Regionalgericht Emmental-Oberaargau.

<b>Tatort:</b> Hier erbeuteten Bankräuber 2015 fast eine halbe Million Franken.

Tatort: Hier erbeuteten Bankräuber 2015 fast eine halbe Million Franken. Bild: Marcel Bieri

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Wer Bankräuber nur aus dem Fernsehen «kennt», staunte: Vor den Regionalgericht Emmental-Oberaargau nahmen am Montag zwei Männer Platz, die in ihren Anzügen und mit ihren Krawatten wie seriöse Geschäftsleute wirkten. Seriöse Geschäftsleute tragen aber selten Fussfesseln. Und werden kaum je von Polizisten aus dem vorzeitigen Strafvollzug in den Gerichtssaal geführt.

Die Staatsanwaltschaft wirft den 61- und 52-jährigen Österreichern vor, bei Überfällen auf Geldinstitute in den Solothurner Gemeinden Deitingen und Kestenholz sowie im freiburgischen Marly total rund 45'000 Franken erbeutet zu haben.

Das Duo ging gemäss der 15-seitigen Anklageschrift immer nach demselben Muster vor: Maskiert betraten die Männer die Banken. Dann verlangten sie, mit Pistolen fuchtelnd, Geld. Zeugen sagten, sie meinten, es handle sich um echte Waffen. Tatsächlich spürten sie im Rücken «nur» die Läufe von Druckluftspielzeugen.

Als Töfffahrer getarnt

Einer der Beschuldigten war auch beim Überfall auf die Bernerlandbank in Dürrenroth mit von der Partie. Im Mai 2015 betrat er die Filiale mit einem Komplizen. Beide trugen zur Tarnung Töffkleider und -helme. Ein Räuber packte eine Angestellte am Arm und verschwand mit ihr im Tresorraum.

Der andere drohte ihrer Kollegin mit einem Kopfschuss, falls sie ihm nicht schleunigst das Geld aus der Kasse aushändige. Am Ende schlossen die Gangster die Frauen in einer Toilette ein und verabschiedeten sich mit den Worten «Stay here. No alarm.»

Die Beute betrug hier ganze 445'000 Franken. Um wen es sich bei dem Mittäter handelte, ist den Ermittlungsbehörden auch heute noch ein Rätsel.

Beschämt und geständig

Mehrfachen Raub, Drohung, Sachbeschädigungen, Ausweisfälschungen, Vorbereitungshandlungen und Anstiftung zu Raub, Widerhandlungen gegen das Ausländer-, das Waffen- und das Abfallgesetz: Angesichts der Liste erstaunt es nicht, dass das in Fünferbesetzung tagende Gericht unter dem Vorsitz von Nicole Fankhauser die ganze Woche für diesen Prozess reserviert hat. Den Beschuldigten drohen Freiheitsstrafen von mindestens fünf Jahren.

Nach seinen Plänen befragt, sagte der ältere Angeklagte am Montag, er möchte den Lebensabend mit seiner Frau in der Karibik geniessen. «Ich stehe zu meinen Taten und schäme mich dafür», fügte der Autohändler an. Auf die Idee, seinen Kollegen auf dessen Raubzügen zu begleiten, sei er wegen finanzieller Turbulenzen in der Familie geraten.

«Wie kann man nur so blöd sein, mit 59 Jahren noch eine Bank zu überfallen?», habe ihn sein Vater nach seiner Verhaftung in einem Brief gefragt. Darauf habe er nichts erwidern können.

Vor den Überfällen agierte er laut der Anklagebehörde auch als Chauffeur und Auskundschafter. Das räumte er ein. Mit dem Raub in Marly habe er allerdings in keiner Weise zu tun gehabt. «Ich wusste nicht einmal, dass die Bank ausgeraubt werden sollte.»

Nicht das erste Delikt

Der jüngere Beschuldigte, der die krummen Touren organisiert hatte, bestätigte diese Aussage. Er sieht seine Zukunft in Österreich. Einen Job zu finden, dürfte angesichts seines Alters und seiner kriminellen Geschichte aber sehr schwierig werden, räumte er ein. Über Reserven verfüge er nicht: Die Hälfte der in Dürrenroth erbeuteten halben Million Franken habe sein abgetauchter Partner behalten.

Der Grossteil des restlichen Geldes sei an den spielsüchtigen Bruder gegangen. Für sich selber habe er «nur ganz wenig» behalten. Der Mann, der wegen Raub- und anderer Delikte schon über vierzehn Jahre hinter Gittern verbracht hat, war weitgehend geständig. Nur dass er einen Passanten mit der Waffe bedroht haben soll, stritt er ab. Er versicherte, seine Taten zu bereuen.

Das Urteil eröffnet Nicole Fankhauser am Freitag. «Das ist ein Freitag, der 13.», raunte der eine Angeklagte dem anderen in einer Rauchpause ahnungsvoll zu. (Berner Zeitung)

Erstellt: 09.04.2018, 21:19 Uhr

Erfahrungsbericht

Bemerkenswert sachlich schilderte gestern eine Bankangestellte, wie sie einen der Überfälle erlebt hatte: Zwei maskierte Männer hätten am Nachmittag des 12. April 2016 den Schalter betreten, erzählte die junge Frau. «Dann ging alles relativ schnell.»

Einer habe ihr eine Pistole an den Hinterkopf gehalten und sie gezwungen, das Geld aus der Kasse zu nehmen. «Ich ging davon aus, dass es sich um eine echte Waffe handelte.» Ihrer Kollegin sei es gelungen, von den Eindringlingen unbemerkt den Alarmknopf zu drücken. Nachdem sie dem Verbrecher die «bunte Mischung» aus der Kasse übergeben hätte, habe der Räuber von ihr verlangt, den Tresor zu öffnen.

Dabei habe er ständig seine Waffe gegen sie gerichtet. «Ich sagte ihm, dass ich dazu nicht befugt sei. Daraufhin mussten meine Kollegin und ich uns in einem Besprechungszimmer auf den Boden legen.» Dann hätten sich die Räuber aus dem Staub gemacht.

Mit psychologischer Hilfe habe sie das Erlebte inzwischen «gut verarbeitet», erklärte die Frau gestern vor Gericht. Während des Überfalls habe sie «Angst gehabt». In der Bank sei sie nach wie vor tätig. Wenn jemand schnellen Schrittes die Schalterhalle betrete, «erschrecke ich immer noch».

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